. – Aber du gottlose Brut! willst du denn etwa deinen Vater wieder so trocken abspeisen wie in Berlin! den Augenblick nehm ich meine Vergebung zurück, wenn du nicht auftragen lässest! –
Der Sohn flog sogleich hinaus und bestellte alles, was zu haben war, in dem reichlichsten Überflusse. Sie setzten sich: der Vater zog sein schwarzes Pfeifchen aus der tasche, schlug Feuer an und rauchte. – "So gefällt mir's", sprach er dampfend, "dass wir so hübsch vernünftig beisammensitzen können. In der schönen stube der hochgetürmten gelbschnäblichten Madam in Berlin hätt ich nicht für meine Sünden sein mögen: das war ein Hundeleben; und mich gar zur Tür hinauszujagen! – Siehst du, du gottesvergessner Bube? weil du deinen Vater verleugnetest, hab ich die Leute ansprechen müssen: von Berlin bis nach Leipzig hab ich mich gebettelt, bis mich ein Kaufmann aus Hamburg mit sich nahm und mir in seinem haus eine Versorgung geben wollte: da wir hieher kamen, hörte ich, dass hier im Postause der Packmeister gestorben war, und weil sie mich brauchen konnten, zog ich den gelben Rock an und blieb hier. Bist du nicht der Hölle wert, du ungeratner Sohn, dass du deinen Vater in solche erbärmliche Umstände kommen lässt?"
Der Sohn. Mein Herz zerschmilzt vor Betrübnis darüber: aber, ich gebe meine Seele zum Unterpfande, mein Herz blutete, indem ich dem grausamen Befehle, Sie nicht zu erkennen, gehorchte. –
Er erzählte hierauf die Begebenheit, soweit es zu seiner Rechtfertigung nötig war, und lag dem Alten inständig an, seinen Platz zu verlassen und ihm zu folgen: das wurde gerade abgeschlagen. Der Sohn verdoppelte seine Bitte, berichtete die Absicht seiner Reise und seinen künftigen Plan, doch ohne Ulrikens zu gedenken. "Ich mag nicht deiner Gnade leben", antwortete der unerbittliche Alte. Der Sohn liess seinen Kuffer in die stube holen und schüttete ihm Geld hin. – "Packe dein Geld ein!" sprach der Alte plötzlich, indem er den Kuffer durchwühlte und einen weissen abgedankten Überrock fand, der schon einige Zeit zum Puderkleide gedient hatte. "Wenn mir der weisse Rock passt, will ich mit dir gehen." – Er machte einen Versuch, und da er ihn für seinen dürren Körper recht geräumig fand, rief er auf einmal voll Freuden: "Junge, ich geh mit dir: komm! mache mir so einen hübschen Kopf, wie du hast: wir leben und sterben zusammen."
Der Sohn musste ihm die Haare verschneiden, einen runden Hut für ihn zurechtmachen und vermittelte bei dem Postmeister seine Entlassung: sie reisten zusammen fort, und der Alte war so vergnügt über seinen neuen Kopfputz, dass er sich in jedem wasser besah, durch welches sie fuhren.
Herrmann, als sie in dem dorf ankamen, aus welchem Ulrikens Brief geschrieben war, fuhr gerade vor die Pfarrwohnung, stieg ab, ging hinein: es war niemand als eine Magd zu haus, die ihn mit seinem Vater in eine stube wies und ihre herrschaft aus den Wiesen zu rufen versprach. In der stube stunde ausser den gewöhnlichen Möbeln nichts als ein grosses, altväterisches Himmelbette mit zugezognen kattunen Vorhängen. Langeweile und Ungeduld trieb ihn an, die Sachen in der stube zu betrachten: besonders zogen die bunten Bettvorhänge, wo auf einem dunkelblauen grund eine Menge weisser Israeliten ungeheure Weintrauben an Stangen aus dem gelobten land trugen, seine Aufmerksamkeit auf sich: die grotesken Figuren reizten seine Neubegierde, auch die inwendige Verzierung des Bettes zu untersuchen, er schlug die Vorhänge zurück und fand ein schlafendes Frauenzimmer darinne – ein bleiches, abgezehrtes Gesicht, aus welchem selbst im Schlafe der Kummer sprach: die dürren, fleischlosen hände lagen kreuzweise übereinander auf dem Bette, gerade als wenn sie im Sarge daläge. Herrmann, sowenig er Ulriken in ihr erkannte, zweifelte doch keinen Augenblick, dass sie es wäre. – 'Wenn dir ein blasses Mädchen im Sterbekleide vor dem Bette erscheint, dem Kummer und Reue aus den entseelten Zügen sprechen; dann denke: jetzt starb meine Ulrike!' – Diese Stelle fiel ihm sogleich bei ihrer leichenmässigen Lage aus ihrem letzten Briefe ein: bestürzt legt er leise die Hand auf ihr Herz, um zu fühlen, ob es noch schlage, empfand zu seiner Freude unter seinen Fingern matte langsame Schläge, wollte die Hand zurückziehn, um die Schlafende nicht durch seinen plötzlichen Anblick zu erschrecken, wenn sie etwa erwachte, und liess sie immer liegen, wollte gehen und blieb da, mit banger Wehmut in ihre traurige Miene vertieft. Plötzlich fuhr sie im Schlafe zusammen, als wenn sie ein Traum schreckte: er wollte entfliehen, aber es war zu spät: ihre Augen standen schon offen, ehe er die Hand zurücknehmen konnte. Sie sah ihn einige Zeit starr an, als ob sie seine Erscheinung für einen Traum hielt, und kaum öffnete er die Lippen zu einem leisen "Ulrike", als sie ängstlich seufzte: "Gott!" und tief ihr Gesicht in die Betten verbarg.
"Wende dich nicht von mir, Ulrike!" sprach Herrmann mit aller möglichen Sanfteit der stimme, die ihm seine kochende Empfindung zuliess. "Ich komme als dein Helfer, als dein Retter, will dein Herz seines Kummers entladen und ihm Freude und Ruhe wiedergeben, die ich dir nahm. Wende dich nicht von mir! Der Sarg soll nicht deine Brautkammer werden. Sieh! er ist da, den du liebst,