zitterten: die Scham vor der Gräfin machte ihre Bewegungen übereilt, und je mehr sie arbeitete, emporzukommen, je erschöpfter und keuchender fiel sie wieder hin, bis endlich ein Bedienter herbeieilte, um ihr emporzuhelfen: allein bei der Anwendung seiner Kräfte hatte er die Schwere der Maschine, die er aufziehen sollte, nicht genug berechnet: als sie beinahe schon stunde, stürzte sie wieder mit einem lauten Schrei und zog ihren Helfer so unwiderstehlich mit sich nieder, dass er die Beine gegen Himmel kehrte. Die Erderschütterung, die dieser doppelte Fall erregte, lockte die ganze Lakaienschaft herbei, und unter allgemeinem Gelächter half man den beiden Unglücklichen endlich wieder auf die Füsse. Gräfin und Baronesse kondolierten dem fräulein sehr herzlich, allein sie konnte den Triumph der letzteren so wenig ertragen, dass sie, ohne ein Wort zu hören, zur Tür hinaus auf ihr Zimmer watschelte.
Die Gräfin ging, die beiden Kinder an der Hand, zur Gesellschaft zurück: versteht sich, dass jedermann seinen Witz anstrengte, ihr wegen der Gruppe, in welcher sie hereintrat, etwas Schönes zu sagen! Nachdem sie so durch den Witz einer doppelten langen Reihe im eigentlichen verstand Spitzruten gegangen war, stellte sie ihrem Gemahle ihre beiden Begleiter zum Handkusse vor. Der Graf wollte anfangen, sich zu freuen, allein man präsentierte die Karten, und ein jedes ging an den Ort seiner Bestimmung.
Für die Baronesse war dies eine erwünschte Begebenheit. Sie wanderte mit ihrem Amor in ein Nebenzimmer und liess ihre lustige Laune in vollem Strome über ihn ausbrechen. Unter den mannigfaltigen kindischen Neckereien, womit sie ihn überhäufte und die er reichlich erwiderte, zog sie ihn besonders wegen seiner Pfeile auf. – "O du ganz erbärmlicher Amor!" rief sie und schlug die hände zusammen: "willst die Leute mit Gänsespulen verwunden! Bist du nicht eine kleine Gans?" –
"Oh", antwortete der verspottete Liebesgott und stellte sich mit einer tapfern Miene in Positur, "ich schiesse alle Herzen im leib entzwei."
"Schiess her!" foderte ihn die Baronesse auf und bot ihre Brust dar.
Der drollichte Knabe ergriff einen von seinen gefiederten Pfeilen und warf ihn nach ihrem herz. Das unschädliche Geschoss blieb in der Garnierung ihres Kleides hängen: Die Baronesse stellte sich tödlich verwundet und sank rückwärts auf einen Sofa.
"Kann ich nicht treffen?" rief Amor und klatschte triumphierend in die hände. –
O ihr guten Kinder! wüsstet ihr, welche Ungewitter die Liebe von diesem Augenblicke an über euch sammelt – ihr hättet nicht mit ihren Pfeilen gespielt.
"Ich will dich wieder lebendig machen", sprach der siegende Liebesgott, hüpfte zu ihr hin und drückte auf den Mund seiner hingesunknen Psyche einen der lebhaftesten Küsse: mit ihm schlich ein geheimes Feuer in ihre Kinderseele, durch alle Nerven des kleinen Körpers schoss eine zitternde Flamme, ihr Herz schlug schneller, und alle ihre Sinnen schlummerten in ein minutenlanges Gefühl der sanftesten Behaglichkeit dahin.
Eben wollte der Dreiste die Lippen zurückziehn, als fräulein Hedwig ins Zimmer trat. Sie rennte mit schwerfälligem Trabe nach dem Sofa hin, um sich zum zweiten Male unter einem schicklichen Vorwande für die Ohrfeige zu rächen: allein der Knabe war ganz mit Amors Unverschämteit bewaffnet; er trat zurück und drohte ihr, sie gleichfalls mit seinen Pfeilen zu erschiessen. Die mürrische Gouvernante war zum Spass nicht aufgelegt und riss die Baronesse hinweg, mit der ernsten Vermahnung, sich nicht mehr mit einem so gemeinen Jungen einzulassen, weil sie sonst ebenso verbrennen könnte wie die Königin Dido, da sie sich vom Grafen Äneas umarmen liess.
Die Vermahnung, so gut gemeint und so nötig sie sein konnte, war auf einen schlechten Grund gebaut und tat daher auch eine schlechte wirkung: die Baronesse, die noch ganz natur war, fühlte zwischen der Liebenswürdigkeit eines gemeinen und eines vornehmen Jungen keinen Unterschied, und sobald fräulein Hedwig nur den rücken wandte, wischte sie zum Zimmer hinaus, den gemeinen Jungen, der so wohltuende Küsse gab, aufzusuchen. Die Alte, wenn sie ihre Abwesenheit inne wurde, setzte gleich mit allen Segeln hinterdrein; Ulrike floh mit ihrem Liebesgotte aus einem Zimmer ins andre, wie ein Paar Tauben vom Geier verfolgt, und jedesmal retteten sie sich in eins, wo Gesellschaft war und wo man sie also nicht ausschelten konnte: so geschah diese Jagd einigemal während des Spiels.
Endlich rückte die Zeit des Balls heran: kaum war er eröffnet, so fand sich die Baronesse mit ihrem Amor auf dem Tanzplatze ein. Ihre Gouvernante verwies ihr etlichemal diese unanständige Aufführung: allein ihre Verweise hatten immer etwas so Komisches bei sich, dass man sich nie entschliessen konnte, sie für Ernst gelten zu lassen. Sie tanzten mutig miteinander fort, bis der Graf auf die Entweihung der Gesellschaft durch die Gegenwart eines so gemeinen Jungens aufmerksam wurde: er untersagte seiner Schwestertochter alles fernere Tanzen mit ihm auf das schärfste und liess ihm einen Platz anweisen, wo er zusehen und den er bei Vermeidung der höchsten Ungnade nicht verlassen sollte. Die Baronesse begleitete ihn in sein Exilium und wich ihm nicht von der Seite, sooft man sie auch von ihm hinwegrief und hinwegführte.
Plötzlich verbreitete sich durch den ganzen Saal das Gerücht, dass ein Gärtnerbursche bei Anzündung der Lampen, womit der mittelste gang des Gartens erleuchtet werden sollte, von der Leiter gefallen sei und das Bein gebrochen habe. Der Graf kehrte sogleich alle Anstalten vor, dass es nicht zu den Ohren der Gräfin gelangte, die mit ihrer gewöhnlichen Empfindlichkeit über