1780_Wezel_105_239.txt

bei der düstern Lampe Hausmütter und Mädchen im Zirkel dasitzen und spinnen und mit lustigen Erzählungen und lautem Gelächter die schnurrenden Räder überstimmen, wie freundschaftlich wollen wir dann am Tische sitzen und dem fröhlichen Getümmel zuhören und durch unser Gespräch Lustigkeit und Gelächter vermehren! Endlich hab ich dann die längst geträumte und gewünschte Glückseligkeit, ein stilles ländliches Leben mit Ulriken zu teilen; und nach dem langen Kummer, wie wird ihr das kleine Glück, das ich ihr verschaffe, doppelt süss schmecken! Sie glaubt zu sterben? – nein, Ulrike, ich bringe dir das Leben! –

In einem so entusiastischen Tone fuhr er lange fort, seinem Freunde Szenen ihrer künftigen Glückseligkeit vorzumalen; und in der ersten Aufwallung seiner schwärmenden Freude ging er so weit, dass er sich auf der Stelle die Haare abstutzen liess, einen runden Hut kaufte, die Kleider, die für den Stand des Landmanns nicht passten, verschenkte und nur einen einfachen Tuchrock zum Sonntagskleide und einen Überrock zur alltäglichen Kleidung behielt: er wollte ganz mit Leib und Seele ein Landmann werden, wie er nach seiner träumerischen idee sein musste, und entfernte deswegen alles unter seinen Habseligkeiten, was nur im mindesten die Miene des städtischen Luxus hatte: was er nicht verkaufen oder vertauschen konnte, wurde verschenkt.

Die Pferde waren zwar gleich nach Tische bestellt, allein Arnold nötigte ihn, sie wieder absagen und erst auf den Abend kommen zu lassen. Sie kamen zur bestimmten Zeit: Arnold war den ganzen Nachmittag nicht nach haus gekommen, weil er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen wollte: auch jetzt fand er sich nicht ein. Herrmann wurde ungeduldig und lief auf das gewöhnliche Kaffeehaus, ihn dort zu suchen, und fand ihn in voller Arbeit am Spieltische. "Reise nur!" sagte Arnold, "ich sitze eben im Verluste: sobald ich wieder heraus bin, komm ich dir nach."

Herrmann nahm von dem Tempel des Spiels ungern Abschied: aber eine höhere Gotteit zog ihn nach sich; und er reiste ohne Zögern ab. Seine Freigebigkeit gegen die Postknechte war so ausserordentlich, dass sie aus Dankbarkeit weder Pferde noch Wagen schonten, sondern die Gäule in einem Trabe dahinrennen liessen: viertausend und etliche hundert Taler, die er im Kuffer hatte, schienen ihm eine so unversiegbare Quelle, dass ihm alles zu wohlfeil vorkam.

Zweites Kapitel

Zwo Stationen vor dem Ende seiner Reise sah er einen Mann, dessen Figur ausserordentlich viel Bekanntes für ihn hatte, den jungen Burschen gebieterisch kommandieren, der seinen Kuffer auf den Wagen packte: über eine Weile drehte sich der Mann nach dem Fenster hin, wo ihn Herrmann beobachtete. – 'Das ist mein Vater!' sagte sich dieser und wollte eben Anstalt machen, Erkundigung einzuziehn, als der nämliche Mann in einem gelben Postrocke hereintrat und sein Packgeld foderte: er stutzte, da er Herrmanns Gesicht erblickte, dass ihm das Wort zwischen den Lippen starb. "Herrmann! mein Vater!" rief der Sohn und flog auf ihn zu, seine hände zu fassen: aber der Alte wehrte ihn von sich ab. – "Geh! du stolzer Halunke: ich kenne dich nicht: ich kenne keinen Sohn, der mich verachtet."

Er wollte gehen, aber Herrmann zog ihn mit der äussersten Gewalt zurück. – "Ich muss von meinem Vater für seinen Sohn erkannt werden: eher reise ich nicht von der Stelle", rief er.

Der Vater. So kannst du bleiben bis zum Jüngsten Tage. Bist du etwa in Not, dass du mich jetzt kennst, du Schandbube? – Du hast mich in Berlin verleugnet, da ich dich brauchte: jetzt mach ich's wieder so. Ich bin versorgt ohne deine hülfe, du hochmütiger Affe; ich habe mein Brot: suche dir deins! Geh mir aus den Augen!

Der Sohn. Aber, liebster Vater, nur ein Wort! Meine Vergehung in Berlin war nicht meine Schuld: die Reue darüber hat mich genug gefoltert. Aus blosser Reue, um meine schändliche Verleugnung wieder gutzumachen, aus kindlicher aufrichtiger Liebe biete ich meinem Vater die Hand zur Versöhnung. Ich bedarf keine hülfe: ich habe alles vollauf: ich biete Ihnen an, soviel Sie wollen, soviel Sie bedürfen, ich will gleich den Kuffer öffnen und vor Ihnen alles ausschütten: nehmen Sie, nehmen Sie davon, was Sie brauchen!

Der Vater. Denkst du, Hasenkopf, dass ich meine väterliche Liebe für Geld verkaufe?

Der Sohn. Nein, das ist gar nicht der Bewegungsgrund: bloss um Ihnen zu beweisen, dass mich nicht die Not dringt, Ihre Verzeihung zu suchen; dass ich mein schändliches Leben in Berlin mit der heissesten Reue missbillige; dass ich nicht der Unmensch bin, der sich seines Vaters schämt, sondern dass eine fremde Gewalt mich dazu zwangbloss darum fleh ich um Verzeihung. – Vater, ein versöhnendes Wort!

Der Vater. Da! schlag ein, du Halunke! es mag dir diesmal hingehn, weil du nicht mehr so vornehm aussiehst wie in Berlin. Ja, wenn ich nicht gar zu böse auf dich gewesen wäre, so hätt ich dir gleich die Hand auf das erste Wort gegeben, so gefällst du mir jetzt in dem Aufzuge. Ein allerliebster Kerl bist du in den abgestutzten Haaren und dem runden hut. So wahr ich lebe! ich habe gar nicht gedacht, dass mein Junge so hübsch ist: – ja, ich will dir's vergeben, weil du so hübsch um die Haare gehst