; aber die Vorstellung ist süss, ungemein süss, mir Dich hingeworfen auf den Hügel zu denken, unter welchem ich als Deine Braut liege – und wie dann die dürre Erde, mit welcher ich mich vermischen soll, Deine Tränen in sich trinkt; wie das geliebte Herz, das ich so oft unter meinen Händen schlagen fühlte, dem meinigen so nahe, sich mit dumpfen Schlägen in den Boden hineindrückt und Deine ausgebreiteten arme den Staub umschliessen, zu welchem ich geworden bin.
Verzeihe dem unbesonnenen, guterzigen Mädchen, dass es Dich liebte! Lieben musst ich Dich, und wenn es die unverzeihlichste Sünde gewesen wäre. Meine Tante bat mich um Gottes willen, von meiner Liebe abzulassen: ich verschmähte eine so teure Bitte, setzte ihr einen fürchterlichen Schwur entgegen, und der Schwur wurde zum schleichenden Gifte, das mein junges Leben tötete, als es kaum anfing.
O Liebe! Liebe! Wenn Offenbarungen dich in deiner ganzen Gestalt dem empfindungsvollen Mädchen kundtäten, noch wenn sie an der Mutter Brust liegt – welche Fehltritte könnten sie sparen! Mich pflückte jetzt nicht der Gram wie eine junge Maiblume: ich riss gestern eine auf der Wiese hinter der Pfarrwohnung aus – Gott! wie war es anders mit mir, als ich auf der Wiese hinter des Onkels Garten sie ausriss! wie anders, als ich sie in Dresden in den Gärten aufsuchte! Damals schwebte ich noch auf den lichten Silbergewölken der Einbildung im Sonnenscheine der Liebe. – Ich steckte gestern das frisch ausgerissne Blümchen an meine Brust, und in wenigen Minuten senkte es das zarte Haupt und verwelkte. 'So früh?' dachte ich; und doch ist das Ende des Maies noch nicht da!
So früh! schon am Ende des Maies soll ich mein Haupt senken und verwelken!
Ich küsse dieses Blatt statt Deiner, und wenn der Sarg meine Brautkammer wird, dann lies hier noch einmal mein Lebewohl! lass ein paar Tränen, wie sie jetzt aus meinen Augen auf die erlöschenden Buchstaben herabtröpfeln, auf meinen Namen fallen und wünsche meiner Seele die Ruhe, die ich im Leben nicht wiederfinden konnte!
Die Angst, wenn sich der Faden des Lebens von meinem herz losreissen wird, kann nicht schwerer sein als die meinige, indem ich diesen Brief schliessen soll: die Hand bebt mir – die Ohren brausen – es sprengt mir das Herz – Gott! welche Beklemmung. Sie ist vorüber: die Liebe schied von meiner Seele. Die Unschuld verwelkte, und der Stengel, der die schöne Blume trug, verdorrte. Wenn am Ende des Mais ein leises Röcheln Dich im Schlafe stört oder eine erlöschende stimme am Bette Deinen Namen stöhnt oder im Traume ein blasses Mädchen im Sterbkleide vor Dir steht, dem Kummer und Reue noch aus den entseelten Zügen sprechen, das traurig den Kopf senkt, bänglich seufzt und verschwindet; dann denke: – jetzt starb, die mich liebte wie keine, meine
Ulrike.
Herrmann, dem die Tränen in grossen Tropfen über das bestürzte Gesicht herabschossen, sprang aus dem Bette und lief, wie er war, in Arnolds Schlafkammer, der noch tief schnarchte, weckte ihn hastig, legte ihm den Brief hin. – "Da! lies!" rief er, "ich muss fort, gleich fort!" – Mit der nämlichen Hastigkeit rennte er wieder von ihm, kleidete sich an, packte mit hülfe seines Pommers ein, bestellte Postpferde, bezahlte und kassierte Schulden ein, vergass Essen und Trinken und kam eben nach haus, als Arnold zu Tische gehen wollte.
"Ich will dich begleiten", fing dieser an. "Der Brief hat mir wunderbare Gedanken in den Kopf gebracht. Wir sind doch wahrhaftig beide des Hängens wert, sitzen da und spielen und fressen und saufen und lassen uns wohl sein wie ein paar Brüder des Bacchus, und unsre armen Mädchen hungern und kümmern sich unterdessen, dass ihnen die Seele ausfahren möchte! Weisst du, was ich mir vorgenommen habe?-Ich will meine Adolfine, Lisettens Schwester, heiraten. Ich habe über dem verdammten Spielen das arme Tier ganz vergessen. Ich will mit dir reisen, will mir für das Geld, das ich beisammen habe, ein Gütchen kaufen, mit meiner Adolfine auf dem land leben und zeitlebens weder Karte noch Würfel mehr anrühren. Ist das nicht auch deine Meinung?"
Herrmann. Allerdings! Wohl mir, dass ich den Plan nunmehr ausführen kann, den ich mir gleich anfangs machte, als ich in deine Bekanntschaft geriet! Wie hat mich bei allem Unglücke das Schicksal so lieb! Es gibt mir Geld, dass ich meiner Ulrike mit hülfe und Beistand zueilen und sie fast von dem tod selbst befreien kann. Die minute nach meiner Ankunft bei ihr soll sie mein werden, ohne Onkel und Tanten, Vater oder Mutter darum zu fragen. Mein soll sie werden: wie zwei Menschen aus der goldnen Zeit wollen wir auf dem land zusammen leben und im Schweiss des Angesichts mit patriarchalischer Freude unser Brot essen, wie Menschen es essen sollen. Findest du nicht, dass ich der glücklichste Mensch unter der Sonne bin? Ich wüsste gar nicht, was mir fehlte: Und du, Freund, wirst mein Nachbar! Wie froh, wie überglücklich wollen wir des Abends nach geendigter Arbeit und sorge in unserm stillen Dörfchen unter den Bäumen oder auf dem Steine vor der Tür beisammensitzen und in nachbarlicher Vertraulichkeit schwatzen, schäkern und lachen, unsre Weiberchen neben uns oder auf dem Schosse! oder in den langen Winterabenden, wenn