mich täglich beunruhigt, obgleich der Prediger und seine Frau mich gleich gütig behandeln: aber ich kann mir denken, was sie sich denken, was sie sich sagen werden. 'Wenn wir doch das müssige geschöpf nicht ernähren müssten!' ist ein Wunsch, den ich besonders im gesicht der Frau sehr deutlich lese, ob sie ihn gleich aus Höflichkeit nicht hervorbrechen lässt; denn sie erkundigt sich täglich, wo ich mich hinzuwenden gedenke, wenn ich nieder ... ich kann das niederschlagende Wort nicht ausschreiben, das ich täglich hören muss: die Scham rückt mir die Feder weg. O Heinrich! was für ein schöngefärbter Regenbogen einer schwarzen Wolke ist die Liebe! Mit den täuschenden Farben der Einbildung und ebenso täuschenden Worten verbirgt man sich ihre wahre Gestalt und zürnt schon, wenn nur jemand in der gewöhnlichen Sprache von ihr redet. Wir dünkten uns ganz anders zu lieben als die übrigen Sterblichen; und wir liebten wie sie alle: unser Gefühl schien uns englisch, überirdisch, und wir empfanden und handelten, ohne es zu glauben, nur menschlich. Seit jener unglückseligen Nacht ist der Regenbogen vor meinen Augen verschwunden, und nichts steht mehr da als finstere dicke Wolken, in welchen er sich bildete.
Was mich in meinem Elende noch aufrichtet, sind die guten Nachrichten, die mir der Predigerssohn von Dir verschafft hat. Auf mein Verlangen musste er einige seiner Freunde in Leipzig antreiben, die sorgfältigste Erkundigung von Dir einzuziehen, und alle Berichte widerlegen die böse Meinung, die mir der junge Mensch im Zorn über seinen Verlust von Dir beigebracht hat. Du spielst, doch ohne Betrug und Unredlichkeit: das Glück wirft Dir Reichtum mit vollen Händen zu: Du lebst in der Freude und dem Wohlergehn, doch ohne ein ausschweifender Trunkenbold zu sein: auch von den Ausschweifungen der Liebe spricht man Dich frei: Du wendest Deinen Gewinst zur Freigebigkeit und Wohltätigkeit an, und selbst einer von denen, die von Deiner Lebensart Nachricht einziehen sollten, hat von Deiner Güte mehr als einen Beweis erfahren: wohl Dir! und wohl mir, dass mein Herrmann sich meiner Liebe nicht unwürdig machte! Mich haben alle diese günstigen Berichte erfreut, als wenn sie lindernden Balsam in meine ganze Seele gössen.
Da Du noch der vorige Herrmann bist, so kann Ulrike Deinem herz durch Dein Glück nicht fremd geworden sein, und sie darf Dich dreist um eine Wohltat bitten: wenn ich einmal Wohltaten empfangen soll, so sei es von Dir. Bezahle den Leuten, wo ich jetzt wohne, für Tisch und wohnung, soviel Dir gut dünkt, von der Mitte des Februars bis zu Ende des Mais: es sei ein Geschenk, ein Almosen, das Du mir reichst, damit ich nur den Gedanken von mir entfernen kann, dass ich von dem Almosen fremder Personen lebe: diese Vorstellung verbittert mir jeden Bissen. Bis zu Ende des Mais sage ich darum, weil die Stunde, die mich meiner Bürde entladet, auch meine Sterbestunde sein wird: ich bin so gewiss, so fest hiervon überzeugt, dass der Tod gegenwärtig mein einziger Gedanke und mein einziges Gespräch ist. Mein unaufhörlicher Kummer, seitdem ich aus Berlin bin, hat mich langsam dazu vorbereitet, und meine Schwäche ist so gross, dass ich an diesem Briefe wenigstens drei Wochen geschrieben habe, um nur die besten, heitersten Stunden dazu auszusuchen. Muss ich die Offenbarung meiner Schande überleben, so nimm Dich meiner an! Von Gott und Menschen verlassen, in wessen arme soll ich mich werfen als in die Deinen, in welchen meine Unschuld starb? – Geniesse Deines Glücks, lebe für Freude und Ehre, wenn es Dein Schicksal will, ändre meinetwegen nicht eine einzige Deiner Absichten! Ich vermute, dass Dir das Spiel nur dienen soll, um Dir fortzuhelfen: wenn Du Dir also eine Bahn vorgezeichnet hast, die Du mit Deinem erworbnen Vermögen antreten willst, so gehe sie, ohne meiner zu achten! Von diesem Augenblicke an will ich für Dich tot sein, ich mag sterben oder leben: meine törichte Liebe hat Dich bisher von aller Vorbereitung zu Deinem künftigen Glücke abgehalten, sie soll es nicht länger, weil es noch Zeit ist. Ich will auf dem land in der Einsamkeit den Rest meines jungen Lebens hinbringen, mich mit arbeiten nähren, und nur dann, wenn mein Kummer mich krank und untüchtig zur Arbeit macht, nur dann stehe mir bei! Ich habe Dich freilich, wie mir einst Schwinger schrieb, in eine Grube gezogen, wo Du verschmachten konntest: aber räche Dich nicht! Ich sprang in die Grube und zog Dich mit mir hinein, aber Dir half das Glück heraus, und ich schmachte noch darinne. Den Ring, den ich Dir in der süssesten Trunkenheit der Liebe unter dem Baume an den Finger steckte, den Du mir mit edlem Zorne über den vermeinten Fall meiner Tugend in Berlin wiedergabst und mit einem Kusse nach unsrer Wiederversöhnung von mir zurücknahmst – trag ihn zum Andenken der unglücklichsten Liebe! Selbst wenn nach meinem tod dereinst ein glücklicheres Mädchen Dich besitzt, dann schäme Dich seiner nicht! Ich habe schon der Hedwig auf das Leben anbefohlen, dass der Deinige an den nämlichen Finger, den er jetzt ziert, mit mir ins Grab gehen soll, damit ich als Deine Braut im Sarge liege.
Wird meine Hoffnung, zu sterben, erfüllt, so komm einmal zu meinem grab, eh' es unkennbar wird! Das modernde Mädchen kann freilich Deinen Seufzern nicht antworten oder mit Deinen Tränen die ihrigen vermischen