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, der ich entgegeneilte, ist für eine Mädchenseele ein so fürchterliches Gespenst, dass ich gern ein Gespenst geheiratet hätte, um nur jenem zu entgehen. Ohne mir nur das mindste von diesem anwandelnden Gedanken entwischen zu lassen, reisten wir mit vier schönen Kutschpferden und einer anständigen, bequemen Kalesche ab. Vor Leipzig gesellte sich noch ein Student zu uns, der Predigerssohn aus dem dorf, wo mein Pferdehändler wohnte. Der junge Mensch war äusserst niedergeschlagen und hatte nichts bei sich, als wie er ging und stunde. Ich fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und ohne grosse Weigerung gestund er mir mit der liebenswürdigsten Offenherzigkeit, dass er das Unglück gehabt habe, in schlechte Gesellschaft zu geraten und alles bis auf die Kleidung, die er trug, zu verspielen: "Weil ich kein Geld mehr habe", setzte er hinzu, "und diesen alten Bekannten in Leipzig antraf, so bat ich ihn, mich mit zu sich zu nehmen. Die Schuldner verfolgen mich: nirgends hab ich mehr Kredit: studieren kann ich auch nicht: also will ich den Winter vollends bei meinem Vater zubringen und ihn bitten, dass er mich auf eine andre Universität tut." – Wir versprachen alle, bei seinem Vater eine Vorbitte für ihn einzulegen und Vergebung für seine Unordnung auszuwirken. Der Pferdehändler fing von neuem an, seinen Verlust zu erzählen, und die beiden Unglücklichen klagten und fluchten wechselsweise. "Wir sind wohl durch die nämlichen Spitzbuben geprellt worden, wie es scheint", sagte der Pferdehändler. – "Hiess der eine nicht Arnold und der andre Herrmann?" fragte der Student. – Der andre wusste die Namen nicht, aber er beschrieb Figur und Kleidung. Der Student ergänzte seine Schilderung, und ihr beiderseitiges Gemälde war Dein leibhaftes Bild: alles, sogar die Kleider trafen ein. Er musste mir Deine ganze Lebensart erzählen, und er erzählte mir mehr, als ich wünschte. "Es ist ein lüderlicher Landstreicher", waren seine Worte, "er hat eine Baronesse entführt, geschwängert, sitzenlassen und wälzt sich nunmehr in allen Ausschweifungen herum, spielt, trinkt, verführt Mädchen: sein Glück im Spiel ist so ausserordentlich, dass er notwendig betrügen muss."

Der Atem stunde mir still bei dieser schrecklichen Nachricht: meine Schande so laut auf den Zungen und in den Ohren aller Menschen zu wissen! mir Dich als einen Lasterhaften, Gewissenlosen zu denken! das waren zwei harte Stösse für mein bekümmertes Gemüt. Jedes Wort, das er weiter von Dir sprach, bestätigte die Vermutung, dass ich eine Betrogne und Du ein Betrüger warst, ein Leichtsinniger, der die gemissbrauchte Liebe vergass und noch mehr Unschuldige ins Verderben reissen wollte, weil es ihm mit einer so wohl gelungen war. – 'So sei er auch vergessen, der Ehrlose!' beschloss ich in dem ersten Zorne; 'so treffe ihn die Strafe der Verführung und Treulosigkeit spät, wie ich die Folgen meiner Unbesonnenheit zeitig fühle!' – Ich war so aufgebracht, dass ich mich mit dem Pferdehändler, wenn er's damals verlangte, in der Minute ohne Weigerung trauen liess, ob er mir gleich jetzt mehr missfiel als jemals. Er trank, war im Trunke äusserst freigebig und in der Nüchternheit so knickerig, dass er jede Gütigkeit, die ihm etwas kostete, ohne Zurückhaltung bedauerte: aber was sollt ich tun? Leiden und dulden war mein Los.

Als wir in der Heimat des Pferdehändlers angekommen waren, ging erst meine Not recht an. Die beiden Töchter, ein paar schnippische, überkluge Mädchen, sahen mich mit scheelen Augen an, weil sie besorgten, dass ich ihre Mutter werden sollte, taten mir alles zum Possen und quälten mich mit plumpen Höhnereien vom Morgen bis zum Abend: der Vater wurde unser auch sehr bald überdrüssig, weil seine Liebe oder Grossmut, oder was es sonst sein mochte, nur ein Einfall im Trunke gewesen war: die Töchter nahmen ihn noch mehr wider uns ein und tadelten ihn, dass er zwei solche Menscher, wie uns die Kreaturen ins Gesicht nannten, so ganz umsonst ernährte, und der täglich berauschte Pferdehändler fing an, mit uns wie mit Pferden umzugehen: er sagte uns geradezu, dass er weder Menschen noch Vieh im haus dulden könnte, das sein Futter nicht verdiente, und seine naseweisen Töchter, die das Regiment im haus hatten, muteten uns Mägdearbeit zu. Sie argwohnten meine Umstände, und ihr Spott wurde so unbarmherzig beissend, dass er mir am Leben frass.

Mit Schwachheit, Kummer und Schmerz, halb mit dem tod ringend, schlich ich zu dem Vater des jungen Menschen, der uns hieher begleitete, entdeckte ihm mit Tränen meine traurige geschichte, ohne einen Umstand zu verbergen, und bat ihn um seinen Beistand, bloss um die Vergünstigung, meine Bürde in seinem haus abzulegen und mein Leben in seine hände auszuhauchen. – "Brich dem Hungrigen dein Brot!" sprach der Prediger nach einer kleinen Pause, "ich will Sie aufnehmen." – So biblisch und gutgemeint sein Kompliment war, so kränkte es mich doch so empfindlich als eine abschlägige Antwort. Die wenigsten Menschen wissen auf eine gute Manier Wohltaten zu erzeigen; die Erfahrung hatte ich schon längst gemacht, und meine Empfindlichkeit musste sich darunter schmiegen. Bei diesem Prediger lebe ich nunmehr seit der Mitte des Februars, fühle mich durch Ruhe und Pflege wieder ein wenig gestärkt, aber in immerwährender Demütigung. Bloss von der Wohltätigkeit leben ist ein schrecklicher Gedanke, der