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voller und verjüngter und ich mit jedem Tage mehr zum Schatten, eine kränkelnde, dahinschwindende Leiche vor Schmerz und Bekümmernis. Die Witwe und Hedwig trösteten mich, als ich meine Umstände ihnen entdeckte, mit dem leidigen grund, dass ich hier ganz fremd wäre und mich für die Frau eines entlaufnen Mannes ausgeben könnte: mir verhalf ein solcher Trost zu keiner Beruhigung. Eine Lüge deckte wohl die Schande vor der Welt: aber die Schande vor mir selbst, welche Lüge konnte diese decken? Vor meinen eignen Gedanken hätt ich fliehen mögen, so ängstigte mich die Scham: ich konnte ihr quälendes Gefühl nicht von mir entfernen, ich mochte denken und tun, was ich wollte. Tränen rollten in meine speisen, Tränen netzten meine Arbeit und mein Lager: des Nachts peinigten mich schreckliche Träume, und selbst am Tage schlummerte ich oft mitten im gespräche ein; und sobald sich meine Augen schlossen, standen die fürchterlichsten Gestalten und begebenheiten in meinem kopf auf: alle Geschichten von ermordeten, ersäuften oder erstickten Kindern, von geköpften Kindermörderinnen, die ich nur jemals gehört hatte, gingen in mir von neuem vor, und mit so entsetzlichen Veränderungen und Zusätzen, dass ich vor Angst verging: in jedem Traum war ich jedesmal die Verbrecherin, die zu den entehrendsten Strafen geführt wurde, dass mir zuletzt auch wachend nicht anders war, als ob ich unvermeidlich einen Mord begehen müsste. Die Furcht der Einbildung nahm bei mir so gewaltig überhand, dass ich Hedwig inständigst bat, mich in der Stunde der Schwachheit sorgfältig vor einer Untat zu bewahren und Tag und Nacht nunmehr keine Minute von meiner Seite zu weichen. Wenn verliebte Übereilung nicht bloss nach dem Urteile der Menschen und angenommenen Gesetzen, sondern auch vor dem Richterstuhle des Gewissens sträflich ist, so hab ich meine Strafe gelitten: meine Einbildung hat mich gequält wie eine Hölle; und noch lässt sie nicht ab: sie ist ein finstrer Abgrund, aus welchem täglich Schreckbilder, Gespenster und Furien heraufsteigen und mich mit entsetzlichen Empfindungen martern.

Unsre Wirtin glaubte mich zu beruhigen, wenn sie mir berichtete, dass man in meinen Umständen zu wunderlichen Einbildungen geneigt sei: aber minderte das mein Gefühl? Meine Unruhe nahm so stark zu, dass ich mehr als einmal in Versuchung geriet, davonzulaufen: ich verlangte nach einem Orte, wo mich gar niemand kennte. Das war die Ursache, warum ich mitten im Winter in eine Reise willigte, die mir den Tod hätte bringen können: aber ich sollte einmal Torheit auf Torheit häufen.

Unter den arbeiten, die wir verfertigten, waren gestrickte baumwollne Mützen eine der vorzüglichsten. Nicht lange nach dem neuen Jahre kommt ein kleiner, dicker Mann zu uns, ein Pferdehändler, den man in dem wirtshaus zu uns gewiesen hatte, weil er etwas von jener Arbeit verlangte. Für seinen dicken Kopf war eine jede unter unsern fertigen Mützen zu enge: wir erboten uns, wenn er ein paar Tage anhielte oder wieder zurückkäme, so viele nach seinem Masse zustande zu bringen, als er begehrte. – "Ich komme schon zurück", sagte er, "ich sollte einer herrschaft einen Postzug bringen, aber weil ich drei Wochen später kam, als ich sollte, hatte sie sich schon anderswo versorgt: ich halte mich acht Tage in Leipzig auf und lasse meine Pferde hier auf dem dorf stehen, weil ich sie sonst ganz gewiss verspiele. Sie sind dem Teufel schon einmal im Rachen gewesen: ich mag sie ihm nicht wieder vorhalten." – Er beklagte sich in diesem Tone sehr bitter über einen Verlust, den er bei seiner Herreise an der Neujahrsmesse in Leipzig erlitten hatte, und verwünschte die Räuber, die ihm zum Trunke verleiteten und in der Trunkenheit alles bei sich habende Geld abgewannen. Er kassierte einige Summen ein, die ihm in Leipzig auf Anweisung ausgezahlt werden sollten, und war so misstrauisch gegen diese Stadt durch sein Unglück geworden, dass er nicht einmal darinne schlief und die ganze Zeit des tages, wenn seine Geschäfte vorbei waren, auf dem dorf zubrachte, und zwar mehr bei uns als in dem wirtshaus. Der Mann wurde mit mir vertraut, und weil er sehr leicht merken konnte, dass ich mich nicht in den besten Umständen befand, tat er mir im Scherz, und endlich im völligen Ernste den Antrag, mit ihm nach haus zu reisen und seine beiden Töchter in weiblichen arbeiten zu unterrichten. Er zählte mir dabei täglich seine Reichtümer her, die nach seiner Angabe sehr beträchtlich waren, liess sich auch zuweilen ein paar Worte entwischen, aus welchen man schliessen konnte, dass seine Absichten auf mich weiter gingen. Mit der Veränderung des Aufentalts hoffte ich auch meine Gemütsverfassung zu ändern: die gute Hedwig bildete sich ein, dass seine Absicht auf sie gerichtet wäre, oder dachte wenigstens, sie dahin zu lenken: genug, sie und meine Unruhe setzten mir so heftig zu, dass ich in seinen Vorschlag willigte, wenn Hedwig meine Begleiterin sein dürfte. Er war es sogleich zufrieden und so vergnügt über meine Einwilligung, als wenn ich ihm das grösste Geschenk machte. Er bezahlte, was wir unsrer bisherigen Wirtin schuldig waren, die auch nicht wenig an mir getrieben hatte, seinen Vorschlag anzunehmen, weil ich, wie sie sagte, vielleicht mit Ehren noch unter die Haube kommen könnte, wenn ich mich in den Mann schickte. Der Himmel weiss es, dass mir der Mann nicht sonderlich gefiel, und doch wage ich nicht zu leugnen, ob ich nicht das nämliche dabei dachte. Die Schande