liegenbleiben. Zum Glück traf unsre Reise gerade in die Michaelmesse, und es boten sich uns häufige Gelegenheiten an, mit fortzukommen: wir wählten einen Wagen, mit Wolle beladen, wo wir für einen wohlfeilen Preis weiche Sitze und langsames Fuhrwerk bekamen.
Ein Anblick verursachte mir auf dieser mühseligen Fahrt ungemein viel Vergnügen; und warum sollte es nicht ein erlaubtes Vergnügen sein, das die Strafe eines Bösewichts verursacht? – Ein Kommando Soldaten brachte einen Menschen auf den Bau, weil er seinen Posten verlassen und gestohlen hatte. Sie hielten mit uns in einem dorf an, und da ich dem jungen Menschen genau ins Gesicht sehe, erkenne ich in ihm unsern gemeinschaftlichen Feind, Jakob. Ich erkundigte mich bei dem Korporal nach seinem Namen, und er war es wirklich. Ich konnte mich nicht entalten, mit Hedwig laut zu triumphieren, dass dieser schändliche Mensch seine Strafe durch sich selbst fand: sein eigner Vater musste ihn aus der Gnade und den Diensten des Grafen verdrängen, damit er Soldat, Verbrecher und für alle seine Bosheiten auf immer bestraft würde. 'Wenn in allen Schicksalen auf dieser Erde so viel Gerechtigkeit herrscht, o so muss auf dich und deinen Heinrich noch grosse Glückseligkeit warten', dachte ich: aber ich bildete mir zuviel Verdienst ein. Leiden, endlose Leiden hatte ich verdient; und sie trafen mich und werden nie von mir weichen.
Auch mit Madame Düpont, die auf die Messe reiste, kamen wir zusammen: ich war so aufgebracht wider die Treulosigkeit, die sie in Dresden an mir beging, dass ich sie vermied; aber sie liess gleich halten, als sie mich erblickte, und nötigte mich zu sich auf ihren Wagen: ich schlug es aus, weil ich die arme Hedwig nicht verlassen konnte. Sie entschuldigte sich also, weil sie ihre Gesellschaft nicht zu lange warten lassen wollte, mit zwei Worten über ihr Verhalten in Dresden und versicherte, dass sie es zu meinem Besten getan habe. "Wie ich aber sehe", sagte sie, "hat mir meine gute Absicht nichts geholfen; denn Sie sind schon wieder durchgegangen: aber Sie werden schon zeitig genug erfahren, dass es bei Ihrer Tante besser ist, als in der Irre herumzulaufen. Sie sind nichts als eine Unglücksstifterin: die arme Vignali ist Ihretwegen, gleich nach Ihrer Abreise, mit dem Herrn von Troppau zerfallen: sie hat sich von ihm trennen müssen und kann nun auch so eine Landläuferin wie Sie werden: aber die Strafe wird schon kommen. So eine Landstreicherin, die kein Gutes tun will und andre Leute nur ins Unglück bringt, muss auf der Strasse sterben." – Nach einem so höflichen Anfange hätte ich so eine Sprache nicht vermutet, und ich ärgerte mich bis in die Seele, dass sie mich vor allen Leuten öffentlich so unbillig ausfilzte: ich wollte ihr antworten, aber sie stieg auf ihren Rollwagen und fuhr davon, ohne mich anzuhören. Sie schien recht froh, dass sie sich ihrer Galle entladen hatte. Die Unbilligkeit des Verweises war mir nicht weniger empfindlich, als dass ich wider meine Absicht und meinen Wunsch das Unglück einer person veranlasst haben sollte, der ich bei allen Bedrängnissen, die sie mir verursachte und die grösstenteils nicht einmal von ihr herrühren mochten, so viele Gefälligkeiten schuldig war. Ich hatte wegen ihrer letzten Vorsorge für unsre Verheiratung grosse Hoffnung auf sie gebaut: auch diese war nunmehr eingestürzt. Mit allem meinen Nachsinnen kann ich nicht ausfündig machen, wie ich ihre Entzweiung mit dem Herrn von Troppau bewirkt haben soll: vielleicht weil sie mir durchgeholfen hat? Aber was kann dem mann so sehr daran liegen, mich in die hände meines Onkels zu liefern?16 Es ist und bleibt mir ein Rätsel. –
Die alte Hedwig winselte mir unaufhörlich die Ohren voll, dass sie sich von der übeln Laune und mir zu einem so gefährlichen Schritte hatte bereden lassen, in ihren alten Tagen noch herumzustreichen: ich konnte sie nicht trösten; denn mir war selbst der Mut genug gesunken. Der Herbst fing schon an rauh zu werden, und wir hatten keine bleibende Stätte! keine Hütte, die uns aufnahm, und wenig Geld, die Aufnahme zu erkaufen! Unser letztes Rettungsmittel waren meine Kleider: wir sahen uns nach einem Juden um, quartierten uns auf einem dorf nicht weit von Leipzig ein, und in zwei oder drei Tagen handelte uns ein durchreisender Jude unsre ganzen Garderoben ab: wir tauschten von ihm Zeug zu schlechter Bürgerkleidung ein und beschlossen, von dem gelösten Gelde den Winter über auf dem land zu leben. Wir wohnten dicht neben dem wirtshaus bei einer Witwe, mit welcher wir uns über Heizung und Tisch verglichen und gegen die billigste Bezahlung mit ihr in einem Stübchen wohnten und aus einer Schüssel assen. Wir strickten und nähten für das ganze Dorf, und einige junge Mädchen, die sich etwas besser dünkten als die übrigen, nahmen Unterricht in weiblichen arbeiten. Hedwig verliebte sich so sehr in unsre einfache Lebensart, dass sie bis an ihr Grab nichts Bessers wünschte: sie wurde so aufgeräumt und zufrieden, dass sie fleissig wieder Latein redete und ihre Gelehrsamkeit reichlich auskramte, die auf unsrer ganzen Reise erstorben gewesen war. Auch ich hätte mich gern in mein mittelmässiges Schicksal gefügt, weil ich es viel schlimmer erwartete: aber mein Herz verwundete ein Dorn, der sich täglich dem Leben näher eingrub. Die Folgen meiner Schuld begleiteten mich auf allen Tritten: ich trug sie in mir und konnte sie niemandem mehr verhehlen. Hedwig wurde mit jedem Tage