. Aber Heinrich! ich zitterte vor einem viel schrecklichern Übel. Meine Gesundheit wurde äusserst abwechselnd: ungekannte Empfindungen erwachten in mir: meine Wangen verblühten: meine Augen, wenn ich mich im Spiegel erblickte, waren trübe, matt, erstorben: meine Tante selbst schöpfte Argwohn und liess einige bedenkliche Reden über meine Umstände fallen, die ich mit nichts als Tränen beantworten konnte. Sie meldete dem Onkel sogleich, dass ich wieder in ihrer Gewalt war: darauf erfolgte zwar eine sehr zornige und fürchterliche Antwort von ihm, aber doch keine solche, wie sie die Oberstin wünschte. Sie hätte mich gern wieder in Pension gehabt: doch das verbot sich von selbst. Dem Onkel war vor einem Monate ein Sequester in seiner herrschaft gesetzt worden, wie Schwinger in seinem Briefe, den Du mir in Berlin zeigtest, befürchtete. Er hat zwar die Erlaubnis, so lange auf dem schloss zu bleiben, bis sich die Leute, von denen er geborgt hat, untereinander vereinigt haben: allein seine Einnahme ist doch so erstaunend gering, dass er nicht mehr als zwei Bediente halten kann: die schönen Kutschen, die schönen Pferde, alles ist schon längst fort: es soll so einsam und tot auf dem schloss sein wie auf einem Kirchhofe. Er wollte also gar nichts mehr mit mir zu schaffen haben, sondern mich dem Elende überlassen: aber die Tante Gräfin versprach in ihrem Briefe, dass sie mich abholen lassen wollte, weil die Oberstin meiner überdrüssig war, da ihr niemand Kost und wohnung für mich bezahlte. Ich sollte zu meiner Mutter gebracht werden, die schon seit einem Vierteljahre an den Folgen ihres vorjährigen Sturzes mit dem Pferde krank daniederliegt: der Graf hatte der Tante nach langem Bitten erlaubt, so viel für mich zu tun, nur mit der Bedingung, dass ich ihm zeitlebens nicht wieder zu gesicht käme.
In einer Woche langte auch wirklich fräulein Hedwig mit einer alten Kutsche und einem Paar Bauernpferden an: sie hatte mit dem jämmerlichen Fuhrwerke völlige acht Tage unterwegs zugebracht, und die Rückreise schienen die Kracken nicht unter vierzehn Tagen machen zu wollen. Wir fuhren ab. Hedwig klagte ausserordentlich über ihr trauriges Schicksal: auf Vorbitte der Gräfin hatte ihr der Graf erlaubt, wieder auf dem schloss zu wohnen, wenn sie sich demütigen und um Gnade bitten wollte. Die Hauptursache mochte wohl sein, weil ihr der Onkel die Pension nicht mehr bezahlen konnte: sie bat um Gnade und wurde seit der Zeit wieder an die Tafel gelassen. Aber sie beschwerte sich gar zu kläglich, dass alles so genau, so kärglich zugeschnitten wäre und dass ihr der Graf fast täglich zu verstehen gäbe, wie lästig sie für ihn in seinen itzigen Umständen sei. – "Ich werde wie ein Bettelmensch von ihm behandelt", klagte sie, "bei jedem Bissen, den ich esse, muss ich mir vorrücken lassen, dass er ein Almosen ist. Der guten Gräfin tut es weh: sie ermahnt mich zur Geduld, weil sie nicht helfen kann. Es graut mir, wieder nach haus zu reisen: wenn ich in meinen alten Tagen irgendwo unterkommen könnte, und wenn ich einen Schulmeister heiraten müsste, ich liesse Sie allein fahren und bliebe zurück. Ich möchte lieber betteln gehen, als das ewige Knurren und Brummen bei dem Grafen ertragen." – Sie jammerte mich, so bitterlich weinte sie. Schon ihre Figur war mitleidenswert: du kennst ihre dicken, ausgestopften Backen und die ungeheuren fleischvollen arme: sie keuchte sonst bei jeder kleinen Bewegung: das war alles verschwunden, an dem Halse hing die zusammengefallne Haut wie ein grosser, leerer Beutel, die rubinroten Wangen, wie wir sie sonst nannten, waren zusammengeschrumpft und kreideweiss. Es ging mir ans Herz, wenn sie mir die Hand gab: sonst war es, als wenn sich ein dichtgestopftes Federbett um die meinige wickelte, und jetzt fühlte ich durch die runzlichte Haut alle Knochen.
Mir graute so sehr nach haus zu reisen als ihr, und eh' ich noch wusste, wie schlimm es mit ihr stunde, hatte ich mir schon vorgenommen zu entwischen, sobald es die gelegenheit zuliesse. Da ich sie gleichfalls so geneigt fand, nicht zum Onkel zurückzukehren, schöpfte ich ein Herz und tat ihr den Vorschlag, mit mir Partie zu machen. Sie war gleich dabei:15 aber wohin? – Ich fiel auf Leipzig, um entweder Dich dort zu finden oder mich von dort an Vignali zu wenden: es war mir alles gleich, mochte aus mir werden, was auch wollte, wenn ich nur nicht zu meiner Mutter durfte. Indem wir beide des Abends in einem wirtshaus beisammensitzen und überlegen, wie wir von dem Bauer, der uns fuhr, loskommen sollen, tritt er in eigner person zu uns herein und meldet uns, dass wir sehen möchten, wie wir weiterkämen. – "Ich kann Sie nicht nach haus fahren", sagte er, "ich habe meine Pferde eben jetzt verkauft und bin Soldat geworden. Was soll ich zu haus machen? Mein Gütchen ist verschuldet: es kommt so bald zum Konkurse: Frau und Kinder hab ich nicht: mögen sich meine Schuldleute drein teilen. Der liebe Gott erhalt Sie gesund und bringe Sie glücklich nach haus!" – Mit diesem Wunsche nahm er seinen Abschied. Nun hatten wir auf einmal, was wir wollten: wir verkauften auch die alte Kalesche und reisten mit der Post. Hedwig konnte das Fuhrwerk nicht vertragen: sie wurde krank, und wir mussten in einem dorf