Gnaden, dass sie unrecht angekommen sein müssten. Zum Unglücke hängt mein rosenfarbnes Kleid, das ich der Düpont gegeben hatte, um es zu verkaufen, auf einem stuhl. "Wem ist das Kleid?" fing die Tante an. "Das kann nicht Ihnen gehören." – Madam Düpont ist beinahe noch einmal so stark als ich. – "Nein", antwortete sie, "es ist einer guten Freundin, die mich aus Leipzig besucht hat." – "Wo ist die gute Freundin?" – "Ausgegangen." – "Das ist eine Donner-Blitz-Hagelslüge. Das ist Ulrikens Taille und Grösse. Mein Bedienter hat die Wetterhure bei Ihnen hereingehn sehen: gestehen Sie's. Sie haben den kreuzelementschen Nickel versteckt: gestehn Sie's! oder ich lasse Haussuchung bei Ihnen tun." – "Das können Sie!" sagte die Düpont. Die Tante rasselte an der tür, schloss mit dem Schlüssel auf und fluchte, dass es verriegelt war. "Es muss ja wohl da aussen noch eine Tür in die sappermentsche kammer gehen?" sagte sie, und ohne die Antwort abzuwarten, schritt sie aus der stube hinaus und kam an die andre Tür der kammer. In der Angst stecke ich mich in ein Vorhangsbette und vergrabe mich so tief, dass ich kaum atmen kann. Die Tür geht auf, die Tante kommt herein und durchsucht alle Winkel; und die Düpont leidet alles so geduldig, als wenn sie vor der Tür bestochen worden wäre: ich glaube es auch. Endlich trifft die Reihe auch mein Bette: sie reisst die Vorhänge auf, will das Deckbette aufheben und fühlt Widerstand; denn ich zog es aus allen Kräften an mich. "Da ist das kreuzhagelsappermentische Donneraas!" rief sie und arbeitete mit beiden Fäusten so lange, bis sie mich packen konnte: ich wehrte mich wohl, sosehr es sich tun liess, allein die Frau hat Löwenstärke: sie riss mich heraus, richtete mir den Kopf höchst unsanft in die Höhe und sah mir ins Gesicht: ich schloss die Augen fest zu. – "Ja, du bist's ja!" rief sie, "du infamer, elementscher Wetterbalg!" – und mit diesen Worten peitschte ihre rechte Faust so unbarmherzig auf mein Gesicht los, dass mir zu einer Zeit die Tränen aus den Augen und das Blut aus der Nase stürzte. Ich war vor Bestürzung und Angst ohne Sinn und Stärke: ich liess mich schleppen, stossen und schlagen wie eine Elende, die in den Tod geführt werden soll. Ich rief Madam Düpont einigemal zu hülfe, allein die Falsche liess sich weder sehen noch hören. In dem kläglichsten Zustande wurde ich von der Oberstin und ihrem Bedienten die Treppe hinuntergebracht: ich widersetzte mich auch nicht, sondern stieg freiwillig in den Wagen; denn ich war so voll Verzweiflung, dass ich's darauf ankommen liess, was man mit mir tun wollte.
Zu haus brach erstlich der Sturm vollends aus: das war nichts als fluchen und sappermentieren: ich blieb stumm wie ein Stock und liess auf mich hineintoben. Das war ihr wieder nicht gelegen: nun fluchte sie, dass ich nicht widersprechen wollte, damit sie desto mehr Ursache hätte, noch länger und heftiger zu rasen: zum Trotz tat ich ihr nicht den Gefallen. Die Fenster meiner stube wurden vernagelt, die tür den ganzen Tag verschlossen, und sie begleitete jedesmal in eigner person den Bedienten, wenn er mir das Essen brachte. Hier steckte ich nun, eingesperrt wie eine wahre Gefangne, und wiederholte in Gedanken die Freuden und Bekümmernisse, die ich vor andertalb Jahren in diesem Kerker hatte: ich wusste noch, auf welchem Flecke ich jeden Brief an Dich schrieb, wo ich mich gefreut und wo ich mich geängstigt hatte, wo ich den unglücklichen Schwur auf meine Verdammnis tat, nicht von Dir zu lassen – es lief mir ein eiskaltes Schaudern über den ganzen Leib, als die düstre Nachtlampe zum ersten Male auf dem kleinen Tischchen vor meinem Bette brannte und alles wieder so war wie vor andertalb Jahren: aber die süssen Erscheinungen der Phantasie, die mich damals ergötzten, selbst indem sie mich quälten, waren vorbei: meine Seele hatte der Schmerz niedergedrückt: ich war nicht mehr das verliebte Mädchen, das sich durch Hindernisse und Gefahren durchschlägt, um zu dem Geliebten ihres Herzens hinzudringen: ich strebte nicht mehr auf den gespannten Flügeln der Hoffnung und mutiger Begeisterung dem Genusse verbotner Liebe entgegen: nein, eine entlaufne Dirne war ich, die sich an einen jungen Menschen hing, sich zu ihrer Schande verführen liess, Strafe fürchtete und Strafe verdiente: meine Leiden waren nicht mehr aufrichtendes Verdienst, sondern niederschlagende Züchtigung: in einem solchen Lichte erschien ich mir jetzt. Seit jener unseligen Nacht haben sich meine Augen geöffnet: ich habe strafbar die Frucht gekostet, die Erkenntnis des Guten und Bösen gibt, und trage den Fluch und werde ihn bald doppelt fühlen. – O Liebe! Liebe! du musst die einzige Sünde auf der Erde sein; denn keine bestraft sich selbst mit so peinigenden Nachwehen wie du.
Für Onkel, Tante, Mutter und alle andere Anverwandte war mir wenig bange, sosehr mir auch die Oberstin mit ihnen drohte. Was können sie tun? dachte ich. Vorwürfe machen und dich zwingen, einen Mann zu nehmen, den du nicht liebst, oder in ein Stift zu gehen: das ist es alles: das Leben müssen sie dir doch lassen