, irre ich wie ein gescheuchter Vogel herum und kann mit Mühe eine Hütte finden, die mich vor Wind und Wetter schützt. – Gott! ist denn keine Barmherzigkeit für ein Mädchen, das liebte, wen es nicht lieben sollte? Gern will ich ja meinen rücken der Strafe darbieten, wenn sie nur nicht ohne Ende sein soll: aber nein! ich kann ihr Ende niemals finden, so tief, tief bin ich in der Not versunken. Du lebst in der Freude, wie man mir sagt; und wenn Freude und Kummer nicht anders unter uns ausgeteilt werden sollten, so tat das Schicksal wohl, dass es mir den Kummer zu tragen gab. Ich mache keinen Anspruch mehr auf die Freude; sie sei alle Dein; aber um hülfe fleh ich, um ein Almosen, wie ein Bettler es bittet; und von wem kann ich's dreister fodern als von Dir? – Siehe mich nicht mehr als die Geliebte Deines Herzens an! Die zeiten sind vorbei – nein, bloss als ein dürftiges, unglückliches Mädchen, das bald auch diesen Namen vor der Welt verlieren wird, wie es ihn schon längst vor seinem Gewissen verlor! Lies meine traurige geschichte, und dann urteile, ob ein geschöpf hülfe verdient, das nicht durch Dich, sondern an Dir durch sich selbst, durch seine eigne Verblendung unglücklich wurde!
Auf Vignalis Verlangen verliess ich einige Stunden früher als Du ihr Haus: wir trafen uns in einem dorf, dessen Namen ich vergessen habe,13 und übernachteten in einem andern14 in einem Gastofe miteinander: aber sosehr ich mit Dir zu reisen wünschte, so war mir's doch nicht möglich, mich vor Dir sehen zu lassen: ich glaube, ich wäre vor Scham versunken. Auch fürchtete ich Dich zu beleidigen, wenn ich Deinem letzten Briefe zuwiderhandelte: ich tröstete mich also mit der Hoffnung, die mir Vignali machte, Dich in Leipzig bei Madam Lafosse zu finden und mit Dir – aber ich mag es gar nicht ausschreiben, was sie mir alles überredete. Ich dachte wohl immer bei meiner Hoffnung: nein, das Glück wäre zu gross für dich! Du findest ihn gewiss nicht! – Wie gedacht, so geschehen. Ich komme nach Leipzig mit einem Briefe von Vignali: da war keine Madam Lafosse! Sie hatte einen Handschuhhändler in Dresden geheiratet. Ich erkundigte mich bei dem mann, der mir die Nachricht gab – es war, glaube ich, der Hausknecht –, ob nicht ein junger Mensch, den ich ihm beschrieb, nach ihr gefragt habe. "Es ist mir so", sagte der schläfrige Kerl. "Es fragen sehr oft junge Menschen nach ihr: wer kann sie alle behalten?" – Mit diesem Bescheide musste ich vorliebnehmen. Ich fand nichts wahrscheinlicher, als dass Du zu Madam Lafosse nach Dresden gereist wärst und dort auf mich wartetest: in der Hitze meines Verlangens dachte ich gar nicht daran, dass mich jemand in Dresden kannte, sondern trat ohne Bedenken die Reise an, ohne mehr als einen halben Tag in Leipzig zuzubringen. Nach meiner Ankunft begab ich mich gleich in einen Laden, wo man Handschuhe verkaufte, und fragte nach Madam Lafosse: niemand wollte sie kennen, bis ich endlich in einem erfuhr, dass sie seit zwei Tagen Madam Düpont hiess. Man zeigte mir ihre wohnung an, und ich fand sie glücklich. Die Frau hatte kaum Vignalis Brief zur Hälfte gelesen, als sie mir schon die Backen klopfte und einmal über das andre rief: "Sie sollen ihn haben! Sie sollen ihn haben!" – Sie bot mir ihre wohnung an, bis sich mein Amant, wie sie Dich beständig nannte, einstellen würde. Ich nahm das Anerbieten mit Freuden an, wartete viele Tage, aber Du kamst nicht. Der Verdruss übernahm mich: ich wollte schlechterdings unser Zusammentreffen erzwingen und hatte die Unbesonnenheit, auszugehn, um Dich aufzusuchen. Wo ich ging, war mir's, als wenn alle Leute stehnblieben und einander ins Ohr sagten: "Da ist sie wieder!" Bei manchen mochte es auch wahr sein; denn ich hatte viele Personen in Dresden ehemals gekannt. Auf einmal sehe ich den Bedienten der Tante Oberstin mir entgegenkommen: ich denke, der Blitz trifft mich, so erschrak ich über das fatale Gesicht. Ich kehrte mich zwar um, damit er hinter meinem rücken weggehn sollte: es geschah: ich gehe meinen Weg fort, glaube, aus aller Gefahr zu sein, und eile, was ich kann, nach haus, mit dem festen Vorsatze, bei Tage nicht wieder auszugehn: in der tür sehe ich mich um und werde gewahr, dass mir der Bösewicht nachgegangen ist. Nun war ich verraten.
Ich entdeckte mich Madame Düpont und bat sie, mir den Augenblick aus Dresden zu helfen: sie beruhigte mich und versicherte, dass ich bei ihr nichts zu fürchten hätte. Indem wir noch miteinander davon reden und über die Zukunft beratschlagen, höre ich einen Wagen vor der Tür halten: ich laufe voller Angst ans Fenster; und eben steigt Tante Sapperment aus. Wie vor Todesschrecken falle ich der Madam Düpont um den Hals und bitte sie, mich zu verhehlen: sie versprach es, und ich sprang in die kammer, riegelte die tür zu und horchte. O wie fürchterlich klang in meinen Ohren der Tante stimme, als sie hereintrat! Mir zitterten alle Glieder vor Entsetzen. Sie fragte in sehr bestimmten Ausdrücken nach mir: Madam Düpont versicherte Ihre