Narr triumphierte laut, als seine Prahlerei ein paar Würfe hintereinander wahr wurde. Er bildete sich ein – wenigstens gab er in ganzem Ernste so vor –, dass ihm dies niemals fehlginge, und foderte Arnolden mit einem Dukaten heraus: das Spiel hub an, der Rosstäuscher gewann drei oder vier Dukaten; aber plötzlich wandte sich das Glück, weil es Arnold regierte: alles Geld, was der Pferdehändler in seiner tasche hatte, war ihm in etlichen Minuten abgenommen. Der Mann ergrimmte, schnallte eine ungeheure Geldkatze los, die er um den Leib trug, legte sie mit Arnolds Beihülfe auf den Tisch und foderte die beiden Hundsfötter heraus, indem er auf seinen ledernen Geldsack klopfte. Der Einsatz wurde von Wurf zu Wurf gesteigert, die strotzende Geldkatze von Wurf zu Wurf magrer: der Blaurock schwitzte, keuchte und entschädigte sich für jeden grossen Verlust mit einem Glase Likörs. Das viele Trinken machte ihn so hitzig und zugleich so unbesonnen, dass er in weniger als einer Stunde alles Geld, den Postzug, Chaise und Knecht verspielte. Arnold machte gleich Anstalt, dass er zu Bette gebracht wurde, um den Folgen des Likörs vorzubeugen, und hielt mit den gewonnenen Pferden seinen Einzug vor dem Kaffeehause, wo er gewöhnlich spielte: alle seine Freunde wurden mit dem Postzuge dahingeholt und der Abend in Schmausen, Freude und Wonne zugebracht: dem Pferdehändler schickte er noch denselben Tag seinen Postzug zum Geschenke zurück.
Herrmann bekam einen ansehnlichen teil von der Beute: das Glück erklärte sich wieder zu seinem Vorteil, und der ganze übrige Winter war, kleine Abwechslungen abgerechnet, für beide sehr ergiebig: sosehr auch Arnold verschwendete, so fehlte es doch nie an Geld und Kredit. Er machte eine Reise zum Karneval an einen Hof und kam bereichert zurück. In seiner Abwesenheit gelangte Herrmann so sehr zum Nachdenken, dass er ernstliche Anstalten machte, seiner Lebensart zu entsagen, Ulriken aufzusuchen und sein Erworbnes mit ihr zu teilen. Er überlegte täglich, wo er sie finden oder ihren Aufentalt erfahren sollte, blieb mit seiner Überlegung von Tag zu Tag auf dem nämlichen Flecke und spielte rüstig fort, mit Glück, Klugheit und Ökonomie. Jetzt besann er sich, dass ihm Vignali seinen Brief, den er vor vielen Monaten an sie schrieb, nicht beantwortet habe, und schrieb zum zweiten Male an sie: er bekam keine Antwort: Ulrike blieb verloren.
Plötzlich wurde seine Ruhe durch eine Begebenheit unterbrochen, die ihm von schlimmer Vorbedeutung sein musste, wenn er sie recht überdacht hätte. Er kam in Verhaft, und zwar, wie es sich auswies, auf Verlangen des Grafen Ohlau: er spielte mit dem Schliesser der Gefangenstube um Stecknadeln, weil dieser nichts Höheres daran wenden wollte, wurde verhört, und da man nicht das mindeste Strafbare auf ihn bringen konnte, wieder auf freien Fuss gesetzt. Seine Freude, wieder ungehindert spielen zu können, erstickte seinen Zorn gegen den Grafen: er lachte seiner öffentlich und Rächte sich mit Spott. Das gefährlichste bei diesem kurzen, vorübergehenden Sturme war, dass ihn eigentlich Schwinger veranlasste, dem Nikasius von Dresden aus gemeldet hatte, dass sein Freund sich in schlimmer Gesellschaft und wüstem Leben befinde. Der äusserst gutmütige, nachsichtige Mann schloss daraus auf die Ursache, warum ihm Herrmann auf seinen letzten, verzeihungsvollen Brief nach Leipzig nicht geantwortet haben möchte; und weil er einmal auf einen bösen Argwohn wider ihn gebracht war, vermutete er, dass seine ganze Reue wegen seines schändlichen briefes aus Berlin nur erdichtet gewesen sei, um ihm ein paar Louisdor abzulocken. Der Gedanke, sich durch einen Menschen, den er so zärtlich liebte, dem erso viele Wohltaten und so viele Nachsicht erwiesen hatte, mit der schändlichsten Undankbarkeit hintergangen zu sehen und mit falscher Reue von ihm betrogen worden zu sein, brachte seine gute Seele so gewaltig auf, dass er ernstlich beschloss, an seiner Bestrafung und durch sie an seiner Besserung zu arbeiten, weder Mühe noch Antreiben bei dem Grafen zu sparen und seinen Entschluss durch keine Bitten, Reue und Demütigungen erschüttern zu lassen. Herrmanns Arrest war die erste wirkung dieses Entschlusses.
Zehnter teil
Erstes Kapitel
Gegen den Ausgang des Winters, mitten in dem blühendsten Spielerglücke, nach so vielfältigen vergeblichen Bemühungen, Ulrikens Aufentalt auszuforschen, empfing Herrmann eines Abends einen Brief, dessen Aufschrift ihrer Hand sehr ähnlich war: allein weil eben einer von seinen Pointierern seinen Beutel bei ihm rein ausgeleert hatte und ein andrer auch schon anfing, die verdammten Karten, die niemals gewinnen wollten, mit den Zähnen zu zerreissen, und ein dritter nach seiner Gewohnheit, die er jedesmal bei einem grossen Verluste beobachtete, unaufhörlich hustete und eine Prise nach der andern nahm; so steckte er den Brief in seine tasche, wartete sein Glück bis um Mitternacht ab, trank in Arnolds Gesellschaft auf seiner stube eine Schale Punsch aus, schlief ruhig bis um neun Uhr und dachte an keinen Brief. Bei seinem Erwachen fiel er ihm wieder ein: er zog ihn aus dem Kleide, das neben dem Bette an der Wand hing, und eröffnete ihn, im Bette sitzend. Welch ein Entsetzen, von Freude und Besorgnis begleitet, als er in der Unterschrift Ulrikens Namen las!
F**, den 4. Mai.
Lieber Heinrich!
Mit solchem Jammer wie jetzt hab ich noch nie die Feder ergriffen, um an Dich zu schreiben: aber das weiss der Himmel! ich hatte auch nie solche Ursachen dazu wie jetzt. Von sorge und Bekümmernis abgezehrt, von Krankheit entkräftet, von der Furcht auf allen Tritten verfolgt