von hübschen Mannsgesichtern war. Sie fand ihn auf dem nämlichen platz schlafend, wo er sich im ersten Unwillen über seine beleidigte Ehre hingeworfen hatte. Er lag auf dem Fussboden in einer Ecke des Vorsaales, mit dem kopf auf einem hingeworfnen Stuhlkissen ruhend: die kleine runde Wange glühte wie ein Abendrot, eines von den niedlichen Händchen war unter dem linken Backen verborgen, das andre lag auf dem rechten, gekrümmten Knie. Die Baronesse ergriff es, streichelte und drückte es mit innigem Wohlgefallen an ihr Gesicht, gab der einladenden Wange einen herzhaften Kuss, kniete, trotz der Konsideration, in welcher sie eingekerkert war, vor ihm nieder und wiederholte, seine Hand in die ihrigen geschlossen, den Kuss so oft und lange, dass sie einige Zeit ganz auf dem gesicht des Knaben liegen blieb. In dieser Stellung überraschte sie fräulein Hedwig, ihre seinsollende Gouvernante, watschelte wie eine Gans, die halb fliegt und halb geht, auf sie zu und riss sie mit solchem Ungestüm von dem Liebesgotte hinweg, dass sie zurückstürzte. Die Baronesse, die überhaupt aus einem sehr elastischen Stoffe geschaffen war, raffte sich sogleich auf; und kaum war sie wieder auf den Füssen, als schon die Gouvernante in völliger Rüstung dastand, die hände in die Seiten gestemmt: ihre schielenden Augen leuchteten unbeweglich, wie ein paar Schneeballen, aus dem kirschbraunen aufgeschwollnen gesicht hervor, und die breiten aufgeworfnen Lippen zogen sich wie ein Puderbeutel auf und zu, indem sie sprach. "Fi! schämen Sie sich!" fing sie an. "Sich da, wie ein schlechtes Mädchen, auf einen geineinen Jungen zu legen und ihm ein Gage d'amour zu geben!"
Die Baronesse. Ich hab ihn geküsst –
fräulein Hedwig. O so schämen Sie sich und reden Sie nicht so pöbelhaft! Ein solches gemeines Wort in den Mund zu nehmen! Fi! Baronesse!
Die Baronesse. Alle Leute reden ja so. – Küssen! was –
fräulein Hedwig. So hören Sie! Wiederholen Sie doch das garstige Wort nicht noch einmal! Haben Sie denn nicht achtgegeben, wie ich mich über solche Unanständigkeiten ausdrücke? – Ich habe ihm ein Preuve d'affection, ein Gage d'amour gegeben: so muss man sprechen, wenn man honett reden will. Die Lateiner nennen das Vinculus amoris. Wenn Sie etwas gelernt hätten, brauchten Sie nicht sich so schlecht auszudrücken wie ein gemeines Bürgermensch.
"Ei!" sagte die Baronesse mit dem natürlichsten Tone und hüpfte auf einem Beine dazu, "das läuft ja doch immer auf eins hinaus. – Der Junge ist allerliebst: ich hab ihn recht lieb."
fräulein Hedwig. Reden Sie doch nicht so frei! Unsereins sagt von dergleichen Burschen: ich kann ihn wohl leiden.
Die Baronesse. Sehen Sie nur, wie er so artig daliegt! Wie er die niedlichen Fingerchen auf dem Knie ausgestreckt hat!
fräulein Hedwig. Ulrikchen! Wer wird denn von Knien sprechen?
Die Baronesse. Wie soll ich denn sonst sagen?
fräulein Hedwig. Gar nicht davon sprechen! Man muss nichts von einer Mannsperson nennen, was unter dem kopf ist.
Die Baronesse. Gefällt er Ihnen nicht?
fräulein Hedwig. Ach, warum nicht gar gefallen? – Er ist mir nicht zuwider. – Er liegt da wie der junge Prinz Adonis in des Grafen Kabinette. –
Die Baronesse hüpfte zu ihm hin und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf den Backen.
"Lassen Sie das! sag ich Ihnen", rief fräulein Hedwig. "Sie sind ja so frech, wie dort bei dem Homerus die Gräfin Lais." Die Baronesse hüpfte auf einem Fuss den Saal hinunter und sang sich eins dazu: indessen stand ihre Gouvernante, in stummer Betrachtung verloren, vor dem schlafenden Amor und wurde von einer unwillkürlichen Bewegung so hingerissen, dass sie sich zu ihm hinneigte und ihm ein förmliches Gage d'amour gab. War ihr Kuss auch für Schlafende zu herbe, oder drückte sie mit ihrem Rüssel den kleinen Heinrich zu sehr? Genug, er erhub seine Hand und gab ihr eine empfindliche Ohrfeige, welche die Göttin so sehr in den Harnisch jagte, dass sie die verbrecherische Hand ergriff und mit einigen derben Schlägen bestrafte. "Du ungezogner Bube!" sprach sie mit ärgerlichem Tone, und ihre dicke Pfote peitschte darauf los, wie ein Racket den Federball. Die Baronesse war eben auf dem Rückwege in ihrem Tanze, als die Bestrafung des kleinen Heinrichs vor sich ging: sogleich flog sie herbei wie ein Ritter, der seine Geliebte von einem Drachen erlösen will, stiess das fräulein zornig zurück und versetzte ihr in der ersten Überraschung des Unwillens einige Hiebe auf den Arm. Ihre Gouvernante, die ihre hände zu allen Arten von Waffen gebrauchte, wozu sie nur die natur gemacht hat, legte ihre Finger in die Form einer Habichtskralle und grub mit vier Nägeln eine vierfache Wunde in den Arm der Baronesse. In diesem Augenblicke des Scharmützels langte die Gräfin an, um ihren Liebling in das Zimmer zu holen. Der Kleine, als er sie erblickte, sprang sogleich auf und lief ihr entgegen, die Baronesse desgleichen, nur fräulein Hedwig, die durch den Stoss ihrer Gegnerin in eine sitzende Lage war versetzt worden, konnte ihren dicken schwerfälligen Körper nicht von der Erde aufbringen: sie stemmte sich mit der Hand auf den Fussboden, und kaum hatte sie sich einige Zolle erhoben, so plumpte sie wieder mit allgemeinem Krachen in die vorige Lage zurück, dass die Fenster