auf. Welch Entsetzen! die Tür war verschlossen, Nikasius ausgegangen und die Beute verloren: Arnold durchstrich in der äussersten Wut alle Örter des Vergnügens und traf ihn nirgends, denn er besuchte einen alten Magister, seinen ehemaligen Universitätsfreund.
Mit den Zähnen hätte Arnold sich, den Doktor und die ganze Gesellschaft zerreissen mögen: Verdacht war sichtbarlich da; aber auf wen? – Es war nichts zu tun, als dass er das bestellte Abendessen mit den beiden übrigen Gästen genoss und sich im Namen des Doktors betrank. Herrmann, der mit ihm seit dem grossen Verluste in einem haus wohnte, wurde von ihm zur Gesellschaft zurückgeholt: Wein und Spiel zerstreuten die quälenden Gedanken, die des Doktors Gegenwart in ihm erregt hatte, und trieben ihn wieder ins vorige Gleis zurück. Er bekam zwar noch einige Tage hinterdrein einige Anfälle von Vernunft: er wollte den Doktor aufsuchen und ihn bitten, dass er ihn aus seiner Lebensart herausrisse; allein teils schämte er sich, in einem so nachteiligen Lichte vor ihm zu erscheinen, teils war seine leidenschaft für das Spiel ein verzärteltes Kind, dem er unmöglich wehe tun konnte: er wünschte, sie zu vertreiben, und wagte es nicht.
Arnold hatte in jener Nacht der Schwelgerei von den beiden halbtrunknen Gästen über hundert Taler gewonnen und eilte nunmehr mit seinem Busenfreunde Herrmann auf neue und grössere Beute aus. Auf ihren Wanderungen erblickten sie einen kleinen, blaurockichten Mann, der mit vier schönen, kastanienbraunen Pferden vormittags und nachmittags um das Tor fuhr. – "Was wettest du?" fing Arnold an, "übermorgen soll der Postzug unser sein." – Herrmann lachte über seinen Einfall und nahm ihn für Scherz auf. Sie erkundigten sich nach diesem blaurockichten mann und erfuhren, dass es ein Pferdehändler war, der diesen Postzug einer herrschaft auf dem land überbringen wollte und zu seinem Vergnügen in der Messe mit ihm paradierte. Sie passten ihm auf, als er vor seinem Quartier hielt, und Arnold fragte ihn, wie teuer er die Pferde verkaufen wollte. – "Nit teuer und nit wohlfeil, mein Herr", antwortete der Pferdehändler, "sie sind bestellt." – Arnold und Herrmann lobten die Gäule um die Wette, dass den kleinen Pferdehändler die Eitelkeit nicht wenig übernahm, und fragten, ob er ihnen nicht geradeso einen Postzug schaffen könnte, und zwar so bald als möglich. Der Rosstäuscher, dessen Eigennutz ein Paar verblendete Liebhaber vor sich zu haben glaubte, lenkte sogleich wieder ein und erbot sich, den beiden Herren aus gefälligkeit, weil sie es wären, auch diesen zu lassen, wenn sie einen guten Preis machten. Arnold setzte mit verstellter Begierde vierhundert Taler darauf: der Rosstäuscher glaubte die leidenschaft der beiden Leute besser nützen zu müssen und schüttelte mit dem kopf, als wenn das ein Missgebot wäre. – "Aber so sagen Sie doch geradeheraus", sprach Arnold heftig, "was Sie haben wollen! Es wird ja noch zu bezahlen sein." – "Mit einem Wort, achtundert Reichstaler in Gold!" war des Mannes Erklärung. Arnold und Herrmann fanden die Foderung etwas hoch und meinten, dass vielleicht noch fünfzig oder hundert Taler abgehen würden: der Mann versicherte das Gegenteil, und die beiden vorgeblichen Liebhaber baten sich indessen die Erlaubnis aus, des Nachmittags mit ihm und seinen Pferden auf ein Dorf zu fahren, um genauere Bekanntschaft mit dem Postzuge zu machen. – "Wenn er gut geht", setzte Arnold hinzu, "so soll's auf fünzig, hundert Taler nicht ankommen." – Nach einer so edelmütigen Erklärung willigte der Pferdehändler mit einer tiefen Verbeugung in die Partie und sprach nunmehr nicht anders als den Hut in der Hand, ob er ihn gleich vorher nicht mit einer Fingerspitze vom kopf bewegt hatte.
Sie luden den Mann des Mittags zu Tische ein, und auch diese Einladung nahm er mit einer so tiefen Verbeugung an, dass er keuchte; denn weil er ziemlich dick war, wurde ihm die Höflichkeit ein wenig sauer. Bei Tische fand der Blaurock den Wein so köstlich, dass er wie ein trockner Schwamm ein Glas nach dem andern in sich zog; kaum war ihm eingeschenkt, so wischte er die dicken Finger an der Serviette ab, packte das Glas an – "Sie erlauben Dero hohes Wohlsein" –, schnapp! war es hinunter.
Er liess sich 'Dero hohes Wohlsein' so angelegen sein, dass er taumelte, als sie in den Wagen stiegen. Arnold und Herrmann fanden die Pferde so vortrefflich, dass der Rosstäuscher seine achtundert Taler schon in der tasche zu haben glaubte: seine Höflichkeit stieg so übermässig hoch, dass er, trotz der Kälte, nicht anders als mit blossem kopf fahren wollte. Kaum war man an Ort und Stelle, als schon von neuem aufgetragen wurde – Wein, Likör, Kuchen, alles im Überflusse! Der Pferdehändler lobte aus Erkenntlichkeit, dass man seine Gäule so vortrefflich fand, den Likör aus allen Kräften, setzte sich an den Tisch und fütterte und tränkte sich mit solcher Behaglichkeit, dass ihm die kleinen Katzenaugen wie ein paar Feuerfünkchen aus den glühenden aufgedunsenen Backen hervorleuchteten.
Arnold und Herrmann stritten miteinander, wer von ihnen den Postzug kaufen sollte, und man wählte Würfel zu Schiedsrichtern: man liess Würfel bringen, und Arnold gewann den Vorkauf. "Sie würfeln wie die Hundsfötter", fing der betrunkne Rosstäuscher an, "ich werfe auf jeden Wurf einen Pasch." – Arnold schob ihm seine falschen Würfel unter, und der