, so treuherzig wie ein Kind und ein herzlicher Liebhaber vom Spiel, hab ich erwischt. Er ist in Geschäften hier und hat einige tausend Taler bei sich, die er morgen auszahlen soll: sobald wir sie ihm abgenommen haben, müssen wir fort; denn das Geld gehört nicht ihm, und wenn Untersuchung angestellt würde, könnten wir übel dabei wegkommen. Ich habe ihn zum Abendessen gebeten: Essen, Wein und Gesellschaft ist schon bestellt: unser Hahn, dem wir die Federn ausziehen wollen, trinkt gern ein Gläschen, und damit soll er reichlich bedient werden. Wenn er dessen genug hat, dann soll die Lustjagd angehn; und ich setze meinen Kopf zum Unterpfande, dass ihm nicht ein roter Pfennig von seinen dreitausend Talern übrigbleiben soll. Hier sind meine Würfel mit lauter Sechsen und hier mein allzeit fertiges Ass zum Vingt et un; denn das ist sein liebstes Spiel, hat er mir gesagt. Freue dich, Brüderchen! Morgen wollen wir nicht mehr solche Halunken sein wie heute."
Herrmann konnte sich nicht freuen, ob ihm gleich reichlicher Anteil an der Beute versprochen wurde: er ging ängstlich wie ein Missetäter herum, oder als wenn er zu einem Opfer eingeladen wäre: er konnte es weder sich noch seinem Freunde verhehlen, dass dies förmliche Räuberei sei, wurde für sein guterziges Moralisieren ausgelacht und musste schweigen.
Der eingeladne Fremde stellte sich früher als alle anderen ein, weil er sich einmal einen recht lustigen Abend machen wollte: aber wie gross war Herrmanns Entsetzen, als er an der stimme und Figur bei seinem Hereintritt den Doktor Nikasius erkannte: er wusste nicht, wie er sich vor ihm verbergen sollte, und begab sich deswegen unter einem Vorwande gleich nach dem ersten Grusse hinweg. Sich erkennen zu geben war demütigend, weil er glaubte, dass ihm jedermann seine schlechten Umstände und schlechte Lebensart an der Stirn lesen könnte: gleichwohl seinen ehemaligen Retter, seinen wohltätigen Freund und Beschützer der schrecklichsten Gefahr nahe zu sehen und ihn mit keinem Winke zu warnen, das war eine Unmenschlichkeit, wofür sein Herz schauderte: warnte er ihn, so zerstörte er Arnolds Plan und lud seine unversöhnlichste Feindschaft auf sich. Er ging die Strasse einigemal nachdenkend auf und ab, so kalt es war, und beratschlagte: bald wollte er dem Doktor in einem Billett, als ein Unbekannter, die Gefahr zu wissen tun, bald Arnolden inständigst bitten, sich ein andres Opfer zu wählen: beides war misslich, und er schlug deswegen einen Ausweg ein. Arnold hatte des Doktors Bekanntschaft bei Tische in einem Gastofe gemacht: es war folglich zu vermuten, dass er auch dort wohnen oder seine wohnung dort zu erfragen sein werde. Er wanderte hin: glücklich war es des Doktors Quartier: man wies ihn zu dem Bedienten, der ihn auf den ersten blick erkannte und etwas verdriesslich bewillkommte. Herrmann bat ihn, sogleich in das Haus, das er ihm anzeigte, zu gehen, nach Herrn Arnold zu fragen und dem Doktor zu melden, dass ihn jemand, der Geld an ihn auszuzahlen habe und noch diesen Abend wegreisen wolle, notwendig auf eine Viertelstunde augenblicklich sprechen müsste: dem Bedienten schärfte er auf das Gewissen ein, seinen Namen nicht eher zu verraten, als bis er mit seinem Herrn auf der Strasse sei. Der Bediente ging, und Herrmann wartete am Tore des Gastofes so freudig, so leicht ums herz, als wenn ihm ein grosser Stein abgewälzt wäre.
Arnold liess den Doktor mit unendlicher Schwierigkeit von sich, und nur wegen der Hoffnung, seinen Gewinst durch die neue Auszahlung vielleicht zu vergrössern, willigte er in sein Weggehn. Nikasius langte voll Erwartung und keuchend an: der Bediente hatte ihm auch unterwegs Herrmanns Namen nicht entdeckt, und er führte ihn unerkannt auf seine stube. "Dergestalt und allermassen", rief der Doktor, als er ihm ins Gesicht blickte, "wie ist mir denn? Bin ich denn recht?" – Herrmann unterbrach sogleich seine Verwunderung, versicherte ihm, dass er recht sei, und erzählte ihm das Komplott. Nun ging erst Verwundrung und Erstaunen bei dem Doktor an: er lief vor Angst hurtig nach seiner Schatulle, um zu sehen, ob er seine dreitausend Taler nicht schon verspielt habe, und wusste nicht, wie er für die Warnung genug danken sollte, als er sie noch fand. Er wollte aus Erkenntlichkeit sogleich Wein und Kuchen holen lassen, allein Herrmann verbat es, versprach, ihn den andern Tag zu besuchen, und trennte sich von ihm, um keinen Verdacht bei Arnolden zu erwecken. Der Doktor wollte umständlich belehrt sein, woher er das alles wüsste, wie er in solche Bekanntschaft gekommen wäre, und tat tausend andre fragen, die Herrmann nicht zu beantworten Lust hatte.
Er kam zur Gesellschaft zurück, die mit Schmerzen auf des Doktors Rückkunft wartete, liess sich die Ursache seiner Abwesenheit wie eine ganz fremde Sache erzählen und wandte sehr heftige Zahnschmerzen als einen Bewegungsgrund vor, warum er sich vorhin wegbegeben habe und jetzt auf seine stube verfügen werde, ohne Anteil an der Lustbarkeit zu nehmen. Der Anblick seines ehemaligen Versorgers, das Andenken an seine eigne Gemütsbeschaffenheit bei seinem Aufentalte in des Doktors haus und die Vergleichung seiner damaligen Umstände mit den gegenwärtigen hatten ihn in eine Stimmung des Geistes versetzt, dass er das Gewühl der Freude unmöglich zu ertragen vermochte. Er schloss sich ein und seine traurigen, nagenden Gedanken mit sich.
Arnold verlor indessen alle Geduld über des Doktors langes Aussenbleiben, schöpfte Argwohn und suchte ihn in eigner person