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Herrmann gab sich die Miene des begünstigten Liebhabers, nahm mit vieler Verlegenheit die Glückwünsche seines Freundes an und wurde berichtet, dass heute sehr schlechtes Kommerz auf dem Kaffeehause wäre: deswegen schlug Arnold eine Partie bei ihm auf der stube vor. Herrmann wollte sie ablehnen, aber er kam mit seinem Widerstande nicht sonderlich weit; denn eben traten vier von seinen Bekannten herein und unterstützten Arnolds Vorschlag. Sie machten, ohne lange zu fragen, Anstalt zum Spiel, Arnold besorgte den Punsch: halb ängstlich, ein getanes Gelübde so bald zu brechen, und halb erfreut, sich zum Bruche gezwungen zu sehen, setzte sich Herrmann zum Spiel, brachte die Nacht bis an den frühen Morgen bei dem Punschglase und den Karten zu und verlor ein paar hundert Taler. Das war in jedem verstand ein schlimmer Anfang zur Besserung; denn mit dem Verluste bemäntelte seine leidenschaft den gänzlichen Aufschub derselben: er musste nunmehr notwendig spielen, um sich das verlorne Geld wieder zu schaffen. Der Verlust wuchs jeden Tag und also auch jeden Tag die Hitze seiner Spielbegierde: das Glück ging so gewaltig mit ihm abwärts, dass er, der noch vor acht Tagen der Besitzer unendlicher Reichtümer zu sein glaubte, nicht den Pfennig mehr besass. Das Schlimmste dabei war, dass Arnold mit ihm gleiches Schicksal hatte: einige, die ihm übelwollten, hatten eine Verschwörung wider ihn gemacht und Vermögen und Leben unter sich verpfändet, ihn zugrunde zu richten: das Glück und Arnolds Heftigkeit begünstigten ihren Plan, und in kurzer Zeit war er ganz auf dem Trocknen, mit Schulden überhäuft, nicht fähig, sie zu bezahlen, und sehr geneigt, sie zu vermehren; allein man verschob den Kredit bis auf bessre zeiten. Was war zu tun? die offne Tafel wurde eingestellt, kein Champagner netzte mehr seine Kehle, Freunde und Schmarotzer flohen, und er musste nebst Herrmannen äusserst zufrieden sein, dass ein guterziger Speisewirt ihnen täglich eine schlechte Portion Fleisch auf Kredit zukommen liess. Kleider und Wäsche war schon verkauft und nichts mehr übrig, als bei der Nacht sich unsichtbar zu machen: der Entschluss war wirklich gefasst, und nur die nahe Neujahrsmesse sollte entscheiden, ob er ausgeführt werden müsste. Unterdessen stimmte Arnold seine denkart herab und arbeitete im kleinen: er schlich in den Dorfschenken herum und übertölpelte zuweilen ein paar junge Bauernkerle, denen er mit dem Würfel wenigstens so viel abgewann, um den Kredit des Speisewirts bei Atem zu erhalten. Herrmann fand freilich diese Lebensart äusserst erniedrigend: allein was vermag nicht die Not? Wenn niemand um Geld spielen wollte, geschah es um Stecknadeln, einen Krug Bier, eine Mahlzeit, und an einem Sonntage gewannen sie einem Bauer seinen ganzen Hühnerstall ab. Sie trieben sich einige Zeit auf dem land herum, und alles, was nur in Geld gesetzt werden konnte, wurde zum Einsatz genommen: Herrmann war zwar bei den häufigen Betrügereien, wodurch Arnold sich sein Gewerbe ergiebig machte, nur Zuschauer, höchstens Gelegenheitsmacher, allein er erschien sich selbst als Mitgehilfe bei einer solchen Kaperei in einem so verächtlichen Lichte, dass er beschloss, die Messe abzuwarten und dann heimlich seinen Freund zu verlassen, wenn sie das Glück nicht wieder in bessere Umstände versetzte.

Fünftes Kapitel

Die längstgewünschte Messe erschien, und die beiden Kaper rückten mit einer kleinen Barschaft, die sie aus den erbeuteten Hühnern, Gänsen, Kühen und Eiern gelöst hatten, wieder in die Stadt. Arnold, so freigebig und edel er im Glücke war, handelte in der Not mit der grausamsten Tyrannei: um sich emporzuhelfen, schonte er weder Vater, Mutter noch Freund. Gleich zu Anfange der Messe wandte er sich an einen fremden Kaufmann von seiner vertrautesten Bekanntschaft, der von seinem Unglücke noch nichts wusste, und schwatzte ihm zehn Louisdor ab, die er in drei Tagen wieder zu bezahlen versprach. Herrmann bekam zwei davon, um sein Glück auf den Kaffeehäusern zu versuchen, und Arnold ging aus, einen einfältigen, reichen Fremden oder guterzigen Jüngling aufzusuchen, um ihn reinzuplündern. Herrmann, der sein Versprechen gegen Lisetten noch nicht mit einem Groschen hatte erfüllen können, flog sogleich zu ihr und überbrachte ihr die Hälfte seiner zehn Taler: er fand sie noch bei ihrer Schwester, die teils aus Kummer, dass sie Arnold ganz verlassen hatte, teils aus Furcht vor künftiger Schande krank geworden war; denn sie hatte gegründete Ursachen, traurige Folgen von Arnolds Vertraulichkeit zu erwarten. Lisette konnte nicht genug verdienen, um sich und ihre bettlägerige Schwester zu erhalten: ein teil ihrer Kleider war schon versetzt, und an den übrigen sollte nächstens die Reihe kommen. In einer so kläglichen Lage war Herrmann mit seinem Louisdor ein Engel, der sie vom Himmel speiste. Lisette weinte, bleich von vielem Härmen, und ihre Schwester wickelte sich schluchzend in die Betten, um ihr entstelltes, schamvolles Gesicht zu verbergen: das Bild des Schmerzes und Mangels, das er erblickte, wohin er sich kehrte, und die Klagen der beiden Mädchen machte so tiefen Eindruck auf Herrmann, dass er auch seinen zweiten Louisdor hingab. Er blieb die übrige Zeit des Tages bei ihnen und ging gegen Abend auf Arnolds stube mit verstellter Wut und Trostlosigkeit, als wenn er sein Geld auf dem Kaffeehause verloren hätte. Sein Freund zog ihn mit seinem vorgegebenen Verluste auf und versicherte ihm, dass er heute abend einen bessern Fang tun werde. "Den Vogel hab ich im Garne", sprach er, "und diesen Abend wollen wir ihn rupfen. Einen Mann, so fidel wie ein halbjähriger Student