Schandtat willigen, als der Bosheit das Vergnügen machen, dass ich ihr meine Dürftigkeit öffentlich zeigen müsste. Wollen Sie nunmehr nicht anders als für die Befriedigung Ihrer Lust mein Wohltäter werden und mich der öffentlichen Schande, der Armut entziehen, wohl! – machen Sie alles mit mir, was Ihnen gefällt! Ich muss Ihrer Begierde gehorchen; aber nur noch einen Augenblick Überlegung! Wenn Sie mich armes Mädchen einer noch grösseren Schande aussetzen; und wenn mich, um der Schande und den Gesetzen zu entgehn, meine Ehre zu einem Verbrechen verführte – haben Sie das Herz, die ganze künftige Glückseligkeit eines verlassnen Mädchens einigen frohen Augenblicken aufzuopfern?"
Sie weinte, dass Träne auf Träne folgte. – "Solch ein Verworfner bin ich nicht!" rief Herrmann tief gerührt. "Nein, Lisette! so weit will ich nicht herabsinken, dass meine Liebe Ihre Tränen verachten soll. Ich war ein Leichtsinniger, der im Taumel der Verführung eine Schandtat durch Untreue und Betrug erkaufen wollte: aber ein vorsätzlicher Bösewicht kann ich nicht sein. Ich will verflucht sein, wenn ich von dieser Minute an noch ein Verlangen gegen Sie äussere, das Sie unglücklich machen könnte. Einmal Verführer der Unschuld gewesen zu sein ist genug; und das war ich, Lisette, das war ich! an dem schuldlosen Geschöpfe, das diesen Brief schrieb! An die Stirn will ich mir meine Schande ätzen lassen, dass jede, die noch einen Funken Tugend und Ehre im herz trägt, vor mir flieht wie das Schaf vor dem Wolfe. – Solch eine Nichtswürdigkeit hätte ich mir doch nie selbst zugetraut: Kaum steh ich von einem Falle auf, so renne ich schon wieder zu einem zweiten hin. – O Verführung! Verführung! du bist der Löwe, der im Finstern herumschleicht! aber du sollst mich nicht mehr beschleichen, das schwör ich. Kein Tropfen Wein soll wieder über meine Zunge gehen und meine hände keine Karte jemals wieder berühren; denn das sind meine beiden Verderber. – O Ulrike! wenn du den wüsten, taumelnden Spieler und Mädchenverführer sehen solltest, ob du deinen Herrmann noch in ihm erkennen würdest? Mit Abscheu müsstest du dich von mir wenden; und du tätest recht: ich bin deiner unwert! ein Verworfner!"
Lisette musste alle Mühe anwenden, um ihn wieder zu beruhigen; denn des Selbstverwünschens und Bereuens wurde gar kein Ende. Nachdem es ihr gelungen war, ihn zufriedenzusprechen, tat er ihr, um seine ungerechten Zumutungen zu vergüten, die heiligste Versicherung, dass er nunmehr seine Freigebigkeit gegen sie verdoppeln werde. "Mieten Sie sich eine wohnung!" sprach er, "ich bezahle sie: alles, was Ihre kleine Haushaltung kostet, trage ich, aus Dankbarkeit, dass Sie mich aus einer Verblendung gerissen haben, die mich in das tiefste Verderben führen konnte. Sie sind künftig meine Freundin; und sobald mich die Liebe hinreisst, mehr als Freund für Sie sein zu wollen, so verstossen Sie mich als einen Unwürdigen, oder rufen Sie mich mit der liebenswürdigen Güte, wie jetzt, zu meiner Pflicht zurück! – Aber auf einer Bitte muss ich bestehen: Arnold soll glauben, dass Sie meine Absichten begünstigen: sein Spott würde mich unbarmherzig verfolgen, wenn er erführe, was zwischen uns vorgefallen ist. Er hätte vielleicht geradeso in meinem Falle gehandelt; allein seine Höhnereien über meine Blödigkeit und Mässigung sind ohnehin unendlich: er würde mich wie ein Kind auslachen. Dass er ja nicht eine Silbe erfährt!"
Lisette versprach, weil er schlechterdings darauf bestund, sich gegen seinen Freund einen schlimmern Schein zu geben, als sie war; und sie trennten sich beide mit dem lebhaftesten Danke und zuversichtlich zufriedner, als wenn Herrmann in ihren Armen seine leidenschaft gestillt hätte. Seinem Vorsatze gemäss ging er nicht auf das Kaffeehaus, speiste zu haus und hatte Langeweile: das Spiel fehlte ihm; die ganze stube war ihm zu enge: er ging in allen vier Winkeln herum wie ein Mensch, der etwas vermisst, konnte dem Triebe unmöglich widerstehen, nahm den Hut, ging an die Tür, stunde – warf plötzlich den Hut auf den Tisch und setzte sich. Um sich seine Entaltsamkeit weniger peinlich zu machen, rief er seinen Pommer zu sich in die stube. "Kannst du spielen?" fragte er, "mit Karten, mit Würfeln oder ein ander Spiel?" – "Würfeln!" antwortete der Pommer, "würfeln ist mein Leibspiel." – Wer war froher als Herrmann? Er würfelte mit dem Burschen, und da er ihm alle Barschaft abgenommen hatte, musste er Weste, Beinkleider, Strümpfe und Schuhe setzen: der arme Teufel war so unglücklich, dass er seinen ganzen Anzug verlor und im Hemde und barfuss dortstehen musste. Die Beschimpfung verdross ihn, und weil ihm gar nichts mehr übrig war, setzte er im Zorne seine Haut; auch diese verlor er: der Junge fing an bitterlich zu weinen, als wenn er das Schicksal des Marsyas leiden sollte, und während dass Herrmann seiner Tränen lachte, trat Arnold herein. Der Spass wurde auf Unkosten des armen Pommers eine Zeitlang fortgesetzt, der so verwegen war, auch Arnolden eine Partie anzubieten: das Glück drehte sich so schnell auf seine Seite, dass er in kurzer Zeit einen Dukaten gewann. Wie unsinnig vor Freuden sprang der Bube, den funkelnden Dukaten in der Hand, zur Tür hinaus und liess seinen Anzug herzlich gern im Stiche.
Sogleich wurde das Gespräch auf Lisetten gelenkt: