allein man merkte sehr bald, dass sie nur nachgemachte Grimasse und nicht natürlicher Ausdruck ihrer denkart war: deswegen achtete sie Arnold sehr wenig, nennte sie das stille Schaf und machte sich nebst ihrer Schwester meistenteils über sie lustig. Herrmann wurde von seinem Freunde in diese Gesellschaft gezogen, damit er nicht so müssig ginge, wie dieser sagte, sondern sich etwas zu tun schaffte. Arnolds Absicht schlug nicht fehl: denn gleich bei dem ersten Blicke, den Herrmann und Lisette – welches der Name der Jüngsten war – aufeinander warfen, machten beiden den Anfang, sich etwas zu tun zu schaffen. Die Vertraulichkeit blieb nicht lange aussen; allein mitten darunter mischte sich bei dem Mädchen eine Scheu, eine Zurückgezogenheit, die den neuen Liebhaber so sehr anlockte, als ihn ihre Buhlerei zurückstiess, weil sie ihr so wenig stunde, dass sie unendlich dabei verlor. Arnold erkundigte sich jeden Tag bei ihm, wie weit er mit ihr gekommen wäre, und jedesmal tadelte er seine Blödigkeit. "Ich will dein Geschäfte machen", erbot er sich endlich, da ihm die Zauderei zu lange währte, brachte dem entbrannten Herrmann die günstigste Antwort und trieb ihn durch beschämende Vorwürfe an, aller Schüchternheit zu entsagen. eigentlich war es nicht Schüchternheit bei ihm, sondern Lisette hatte ihm mit der Liebe bereits zuviel achtung beigebracht: er liebte sie zu sehr und zu zärtlich, um ihr eine unerlaubte Zumutung tun zu können; allein Arnolds Zuredungen, die seinen Ehrgeiz verwundeten, siegten zuletzt über ihn. Lisette, von seinem Freunde vorbereitet, empfing ihn überaus ängstlich und traurig, ob man gleich das Gegenteil hätte vermuten sollen. Das Gespräch belebte sich zwar ein wenig: Herrmann, von Wein, Liebe und Ehrgeiz trunken, erlaubte sich ungewohnte Freiheiten: das Mädchen wurde immer trauriger und bis zum Weinen bänglich. Endlich, da die geduldeten Freiheiten sich bis zur Unverschämteit verstärkten, fing Lisette an, bitterlich zu weinen. "Schonen Sie meiner!" sprach sie unterdrückter stimme. "Meine Armut, Ihre Geschenke und Arnolds Zuredungen verleiteten mich freilich zu einem übereilten Versprechen, das ich seitdem vielfältig bereut habe. Ich bin in Ihrer Gewalt: wollen Sie mich unter keiner andern Bedingung Ihre Freigebigkeit geniessen lassen, so muss ich Ihnen aufopfern ..." – Tränen erstickten den Rest ihrer Rede: Herrmann stand bestürzt und verlegen da, ohne ein Wort reden zu können.
"Sie sind zu edel, um ein armes Mädchen ins Verderben zu stürzen", fing sie nach einer langen Pause wieder an, "und unglücklich muss ich zeitlebens sein, wenn Sie schlechter denken, als ich glaube; denn Sie können mich nicht heiraten." –
"Warum nicht, Lisette?" unterbrach sie Herrmann, der sich indessen wieder von der Bestürzung erholt hatte. "Glauben Sie, dass ich Sie dazu nicht genug liebe?" –
"Nein", antwortete das Mädchen, "sondern weil Sie vermutlich eine ältre Liebe mir nicht aufopfern werden."
Herrmann. Wieso? eine ältre Liebe? – Sie sind freilich nicht die erste, die ich liebe; aber was schadet das? – Aus den Augen, aus dem Sinne: wer kann alle Mädchen heiraten, die man liebt?
Lisette. Und so dächten Sie wahrhaftig nicht besser gegen unser Geschlecht? Sind Sie wirklich einer so entsetzlichen Untreue fähig? – Wollen Sie mich wirklich heiraten?
Herrmann. Vielleicht: versprechen kann ich nichts – vielleicht, vielleicht.
Lisette. Ich muss Ihr völliges Ja haben.
Herrmann. Wenn Sie mir nicht anders trauen wollen – Ja, Lisettchen! hier ist meine Hand.
Lisette. Ich nehme sie nicht an, weil Sie mich durch Ihr Versprechen hintergehn wollen. Sie können keine Hand mehr weggeben: Ihre Treue ist verpfändet. –
Sie zog darauf ein Papier aus der tasche und überreichte es ihm. "Wenn die Verfasserin dieses briefes befriedigt ist", sprach sie, "dann bin ich von dieser Minute an die Ihrige."
Herrmann erkannte wie vom Schlage gerührt Ulrikens Hand auf dem Papiere: es war einer ihrer zärtlichsten Briefe, worein er – wie es sich hernach auswies – in der Zerstreuung des Vergnügens und der Spielsucht eine Garnitur Haarputz gewickelt und Lisetten ein Geschenk damit gemacht hatte. Er fühlte sich wie von einem Abgrunde zurückgezogen: er war überführt, konnte und wollte nichts leugnen, sondern bekannte offenherzig die Falschheit, die er zu begehen willens gewesen war.
Lisette unterbrach sein Bekenntnis. "Meine Schwester", sagte sie, "hat sich mit mir veruneinigt: ich habe zeiter halb von ihrer Wohltätigkeit leben müssen, und sie rückte mir's sehr oft vor, dass sie mich Arnolds Freigebigkeit mitgeniessen liess. Ihre Vorwürfe und ihr Übermut auf Arnolds Freundschaft werden so unerträglich, dass ich mich von ihr trennen muss. Die Arbeit meiner hände gibt mir kaum kümmerliches Brot; und ich wollte lieber verhungern, als durch meine Aufführung in Kleidern meine Eltern im grab beschimpfen. Sie waren reich, erzogen uns beide im Überflusse und wurden durch einen unglücklichen Bankerutt arm. Die Welt hatte an unserm Unglücke nicht genug, sondern beneidete, verleumdete und verspottete uns noch obendrein, dass wir den Schein des vorigen Glücks durch unsern Anzug zu behaupten suchten: mit dem giftigsten Spotte und den hämischsten Erdichtungen haben uns die üblen Nachreden der Stadtklatscherinnen verfolgt. Verlassen Sie mich, so bin ich ganz verloren; ich werde der Dürftigkeit und Schadenfreude preisgegeben; und lieber wollt' ich in den Tod gehen oder in die grösste