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Vergnügen zu hören, wie diese beiden Leute deswegen wechselweise den Hofmeister aneinander spielten. – "Wenn du jedem, der Geld braucht, das deinige hingibst", sprach Arnold, "so wirst du in Ewigkeit nichts zusammenbringen. Was gehen dich denn die Leute an, denen du einen Louisdor nach dem andern zuwirfst! Du kannst hundert Jahre spielen und wirst doch nie genug beisammen haben, um dir nur ein Bauergütchen kaufen zu können." – "Bist du nicht wunderlich?" antwortete Herrmann lachend. "Ich habe ja Geld in Menge: es fliesst mir von allen Seiten zu. Wer viel hat, muss viel geben. Ich verschenke alle Tage und lege alle Tage neue Summen zurück. Das Glück ist freigebig gegen mich: so muss ich ja wohl wieder freigebig gegen andre sein, die es karg behandelt."

"Du bist ja ein wahrer Verschwender", sprach zu einer andern Zeit Herrmann zu seinem Freunde. "Du wirst dich durch deine übertriebne Freigebigkeit zugrunde richten. Wozu denn so ungeheure Verschwendungen an Leute, die dir's nicht einmal danken? Sie essen sich dick und rund und tun nicht einen Schritt deinetwegen, wenn du hülfe brauchst." – "Narr!" war Arnolds Antwort gemeiniglich, "das Geld muss vertan werden: dazu ist es gemacht. Ich kann nicht so klein leben wie alle die Knicker, die bei mir schmarotzen. Bei mir muss es gross hergehn, alles im Überflusse sein; und wenn mir's morgen einfällt, die ganze Stadt zu Tische zu bitten, so darf mir's nicht fehlen. Was willst du denn? mein itziges Leben ist ein bettelhaftes Leben. Wenn ich täglich sieben oder acht Leuten vier, auch wohl sechs Schüsseln und ein lumpichtes Dutzend Bouteillen Wein vorsetze; was ist das? – Wenn's nach meiner Neigung recht ordentlich zugehen soll, so muss ich alle Tage an zwei, drei Tafeln vierzig, fünfzig Personen speisen können; jede Mahlzeit müssen sich ein paar Leute zu tod essen; die Champagnerflaschen müssen in einem fort springen, als wenn bei Tische kanoniert würde: in einer Stunde müssen die Gäste schon vor Trunkenheit auf der Erde herumliegen wie tote Fliegen und sich im Weine wälzen; und dabei Pauken, Trompeten, Kanonen und ein halbes Dutzend Hofnarren! Das muss ein Toben und Lärmen sein, dass die Ohren zerspringen möchten: da muss gar nicht gefragt werden: 'Ist das da? kann man jenes haben?' – sondern ein jeder sagt: 'Ich will Tokaier; ich will Fasanen; ich will Drosseln; ich will Vogelnester; ich will Kapwein; ich will den fisch, ich will jenen' – und wie er's sagt, muss es da sein, und wenn sich jemand einfallen liess, amerikanische Schweinefüsse zu fodern: das heiss ich Leben. Mein itziges Leben ist ein halber Tod; kümmerlich wie bei einem Halunken geht's bei mir zu. Wenn wir vierundzwanzig Bouteillen ausgestochen haben, ein bisschen torkeln und hie und da ein schwacher Kopf spricht wie ein Kalb oder mit der Nase auf den Tisch fällt und einschläft, das ist unser grösstes fest: ist das wohl des Redens wert? – Schwimmen muss ich im Wohlleben wie ein Sultan, wenn ich's gelten lassen soll: jetzt lebe ich wie Sultan, mein Hund."

Unter der Anführung eines solchen Lehrmeisters war es kein Wunder, dass Herrmann mit dem Geschmack am geräuschvollen trunknen Wohlleben angesteckt wurde: seine tägliche Gesellschaft hielt es für eine Sache der Ehre, im Trunke viel leisten zu können: wie mochte er es also über das Herz bringen, sich durch verspottete Mässigkeit lächerlich zu machen? Ausserdem verdrängte der Wein den Rest seines vorigen Kummers vollends; der halbe Rausch, in welchem sich sein Kopf beständig befand, unterdrückte die stimme der Vernunft und des Nachdenkens, die ihm jetzt beide sehr zur Last fielen, weil sie ihm mancherlei unangenehme Dinge sagten, sobald sie zum Sprechen kamen: der Trunk begeisterte ihn mit Kraft und Tätigkeit und spannte alle Nerven seiner Phantasie an: er befand sich ungemein wohl in dem Gefühl seiner Stärke und leerte das freudenschaffende Glas desto öftrer aus, um dieses Gefühl voller und dauerhafter zu machen.

Ohne Liebe ist der Wein matt: auch folgte sie dem Trunke auf dem fuss nach; aber keine Liebe zu einer Ulrike! nein, eine Liebe, die sich vor Ulrikens Andenken schämte und es mit aller Gewalt zu vertilgen suchte! Sie wurde durch Arnolds Reden genährt, der die Ausschweifung laut predigte, und durch seine Beihülfe brach sie sehr bald in verwüstende Flammen aus.

In dem einsamsten Winkel der Stadt wohnten zwo Schwestern, die von der Arbeit ihrer hände lebten, trocknes Brot assen und dünnen Kaffee dazu tranken und, dieser kümmerlichen Kost ungeachtet, in der Kirche und auf dem Spaziergange mit den Reichsten in der Schönheit und Nettigkeit des Anzugs wetteiferten. Die Älteste war rasch, leichtsinnig, verbuhlt, und Arnold genoss ihre Vertraulichkeit im weitesten Umfange: seine Freigebigkeit erhielt sie beide; allein sie liessen seine Geschenke mehr ihrer Eitelkeit als ihrem Appetite zugute kommen, assen so kümmerlich wie vorher, wenn er sie nicht bewirtete, und putzten sich alle Tage herrlich heraus. Die Jüngste war still, von angenehmem Ernste, hatte einen höchst interessanten Zug der Traurigkeit im gesicht, und aus ihrem schüchternen Auge sprach die Liebe mit so vieler Stärke als aus ihrer Schwester ganzem gesicht die Buhlerei. Sie gab sich wohl auch zuweilen die freche Miene,