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sich zuweilen Vorwürfe über seine itzige Lebensart, allein sie wurden sehr bald durch die herrlichsten Scheingründe niedergeschlagen. 'Was tut Arnold Böses?' fragte er sich in solchen nachdenkenden Stunden. 'Er verleitet freilich Leute zum Spiel, die ausserdem vielleicht nicht gespielt hätten: aber lässt er es nicht lediglich auf das Schicksal ankommen, welchen Ausgang es haben soll? Wagt er nicht das Seinige mit dem Gelde des andern in gleiche Gefahr? Kann er dafür, dass das Glück die Karten für ihn günstiger fallen lässt als für den andern? Ich, der arme, streite mit dem Reichen um das ungleich ausgeteilte Vermögen, und der Wurf eines gemalten Blattes entscheidet, ob er oder ich mehr davon besitzen soll, als ein jeder bereits hat: handelt nicht ein jeder unter uns aus gleich freier Entschliessung und nach gleichem Rechte? – Aber seine Kräfte so im geschäftigen Müssiggange dahinschwinden lassen! die Tätigkeit, womit man etwas Grosses, Rühmliches und allgemein Nützliches schaffen könnte, bloss zu seinem eignen Nutzen, zu Befriedigung einer schnöden Geldbegierde anwenden! – Freilich sind das nicht Grundsätze, die mir Schwinger eingeprägt hat: – aber was Schwinger? Er kennt die Welt nicht. Was tun die Menschen rings um mich anders, als dass sie miteinander um ihren Nutzen, um die Mittel des Vergnügens und Wohlseins kämpfen? Dieser arbeitet mit den Händen, jener mit dem kopf, um dem Reichern etwas abzugewinnen: dieser handelt mit Schwefelhölzern, jener mit Juwelen, um vor der Masse des allgemeinen Reichtums einen grösseren teil zu erbeuten, als er hat; und was tut ein Spieler mehr oder weniger als das? Der Kaufmann, der Handwerker, der Gelehrte sucht Kunden an sich zu ziehen: wir tun nichts mehr und nichts weniger. Ich spiele aufrichtig, ohne den mindsten Betrug, und habe einen der edelsten Zwecke dabei, der beleidigten Unschuld Genugtuung und der schmachtenden Liebe Nahrung und Unterhalt zu verschaffen: kann es bei solchen Absichten und unter solchen Umständen Schande sein, für seinen Nutzen zu leben? – Schwinger hat mich mit finstern Schulgrillen angefüllt: Vignali sagte mir das oft: je mehr ich von der Welt sehe, je mehr fühl ich, dass es ganz anders ist und sein muss, als mir sie der gute Mann vormalte. Da sollt ich immer nur zum Besten der menschlichen Gesellschaft, immer nur für meine Ehre, immer nur wegen des Bewusstseins, etwas Gutes getan zu haben, arbeiten; allem Vergnügen und Eigennutz entsagen und nur nach grossen und edlen, sich selbst belohnenden Handlungen streben: Schimären! nichts als Schimären! Ich habe bei Vignali dem Vergnügen gelebt; und ich lebe hier dem Nutzen, um mir neues Vergnügen erkaufen zu können. Niemand bewegt um meinetwillen eine Fingerspitze, wenn er nicht eine Vergeltung seiner Mühe erwarten kann: jeder denkt nur auf seinen Vorteil, sein Vergnügen; und ich Tor soll mich mit leeren Gespenstern der Ehre herumjagen? soll der Grille nachlaufen, dem Irrlichte der Einbildung, dem Phantome des Bewusstseins, etwas Gutes für andre getan zu haben, da doch niemand etwas Gutes für mich tun will? – Weg mit den Träumen! Vergnügen und Nutzen sind die beiden Realitäten auf der Erde: das übrige ist Tand. Meine eingesognen Vorurteile und Hirngespinste haben mich in Berlin gegen das Vergnügen misstrauisch gemacht: o welch ein glückseliges Leben hätt ich bei Vignali geniessen können, wenn meine lichtscheuen Grundsätze nicht wirkung getan hätten! Schwinger hat, bei aller guten Absicht, die bisherige Hälfte meines Lebens verbittert. Das Vergnügen bot sich mir wie ein voller Baum mit funkelnden Früchten dar: meine hungernden Lippen wollten sich sättigen, und ängstliche Besorgnisse, wunderliche Träume von hoher Ehre und überspannter Tugend liessen mich nicht einmal kosten; diese nämlichen Grillen entzweiten mich auch mit Ulriken und trübten eine Liebe, die wie ein klares, süsses, labendes wasser aus Herz in herz floss: sie brachten mich der Verzweiflung und dem Gedanken des Selbstmordes nahe: noch jetzt machen sie mich bedenklich und schmälern mir meine Glückseligkeit: immer hungre ich halb am Tische des Vergnügens und Nutzens, aus Furcht, mich zu überladen. – Nein! ich will die Einbildungen alle verscheuchen: erwerben und geniessen sollen meine beiden Wünsche, meine beiden Beschäftigungen sein.'

Diese veränderten Gesinnungen, die der herrschende Ton des Eigennutzes rings um ihn und grösstenteils Arnolds Umgang erzeugt hatte, befolgte er getreulich: doch konnten sie die zwei Elemente seiner denkart, Grösse und Güte, nie verdrängen. Er dürstete nach Gewinn; und gleichwohl konnte er sich nie entschliessen, einen rechtmässigen Gewinst anzunehmen, wenn er wusste, dass der Verlierer deswegen darben musste: er schickte ihm einen teil seines Verlustes wieder nach geendigtem Spiele, ohne dass er wissen liess, wer das Geld schickte, oder er lud ihn zu sich ein und verlor durch vorsätzliche Unachtsamkeit an ihn. Er wollte sammeln und sammelte auch sehr geizig; allein wenn er von einer armen Witwe hörte, die kein Holz hatte, oder von einer dürftigen Familie, die sich des Bettelns schämte und doch kümmerlich darbte, oder von einem Unglücklichen, den die Musen beinahe verhungern und erfrieren liessen, dann wurde des Zurückgelegten nicht eine Minute geschont: die Leute empfingen von ihm durch die dritte Hand, ohne zu wissen, wem sie es verdanken sollten: er sammelte also in das Fass der Danaiden und hatte bei dem grössten Glücke und dem grössten Geize immer nichts. Seine stille, guterzige Wohltätigkeit machte gegen Arnolds ausschweifende Grossmut und verschwenderische Freigebigkeit einen sonderbaren Kontrast, und es war ein wirkliches