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Jede Betrügerei verabscheute er im Glücke, aber in der Not war ihm keine zu verächtlich, wenn sie nur ein wichtiges Objekt betraf: überhaupt konnte er nie im kleinen arbeiten, und er kannte keine andre Niederträchtigkeit, als kleine Summen durch schlechte Mittel zu erobern suchen: dies nannte er Beutelschneiderei. Seine grösste Stärke war die Kunst, junge und alte, erfahrne und unerfahrne Leute zum Spiel zu verleiten, und zwar so unmerklich, dass sie die Absicht der Verleitung gar nicht argwohnten. Seine Leidenschaften waren Verschwendung und Liebe, für deren Befriedigung er jeden Streich unternahm, und oft gesellte sich auch ein gewisser Ehrgeiz hinzu, dass er sich schmeicheln konnte, einen gesetzten oder vorsichtigen Menschen überlistet und wider seinen Willen zu einer Handlung gebracht zu haben, die er zu vermeiden suchte. Der nämliche Ehrgeiz schien ihn grösstenteils auch bei seinen verliebten Unternehmungen zu regieren; die seinen Anerbietungen mutig widerstund, konnte auf seine Freigebigkeit sichre Rechnung machen, ohne dass er die mindeste Erkenntlichkeit dafür verlangte, und er verliess gemachte Eroberungen sogleich wieder, weil ihm der Sieg keine Mühe kostete. War er einmal aus Mitleid oder innerer Zuneigung jemandes Freund geworden, dann dünkte ihm keine Aufopferung, keine Gefahr, keine Arbeit zu gross, um seinem Freunde zu helfen oder Vergnügen zu machen.

Davon war Herrmann ein lebendiger Beweis: von der Minute an, da er sich das Geständnis seines Mangels entwischen liess, wurde Arnold sein unermüdeter Freund und Wohltäter, besonders nachdem er aus der Nachricht, die ihm Herrmann eines Abends von dem Komplotte wider seine Bank gab, schliessen konnte, dass der junge Mensch Zuneigung für ihn fühlte: einen solchen Beweis wartete er gemeiniglich ab, und auch ein geringerer Dienst, als ihm Herrmann tat, war ihm hinlänglich dazu. Seinem Versprechen gemäss schenkte er ihm von dem Gewinst, den der livländische Junker einbrachte, die Hälfte, um selbst Bank zu halten. Das Glück breitete seine Flügel über Herrmann aus und träufelte Gewinn und Reichtum auf ihn herab: er legte sich von Zeit zu Zeit einen teil seines Gewinns zu Ausführung seines Plans mit Ulriken zurück und wiegte sich wie ein auserwählter Günstling in dem Schosse der Freude und der süssesten Hoffnung. allmählich verlor er freilich seinen verliebten Zweck ganz aus dem gesicht und spielte nicht mehr, um zum Besten seiner Liebe zu gewinnen, sondern um zu spielen. Seine ganze Tätigkeit wurde auf diesen Punkt hingerissen und seine leidenschaft so überspannt heftig, dass ihn selbst Arnold darüber tadelte. Wie bald waren nun Musen und Wissenschaften aus seinem kopf verscheucht! Bald wollte er spielen, um nebenher studieren zu können, wollte immer morgen den Anfang machen, und immer erschien nur der künftige Morgen für das Spiel: bald verwarf er das Studieren als einen Umweg, um zu Ulrikens Besitze zu gelangen, und hoffte, nach einem halbjährigen Gewinnen schon genug beisammen zu haben, um mit ihr in philosophischer Stille und Genügsamkeit den Rest seines neunzehnjährigen Lebens auf dem land zuzubringen: er schwankte bald zu diesem, bald zu jenem Plane; jeder Tag brachte einen neuen hervor, bis sie endlich samt und sonders verdrängt und nur Spielen sein Denken, Trachten und Begehren wurde.

Viertes Kapitel

In diesem Zeitraume der Spielsucht empfing er Schwingers Antwort auf seinen letzten reuevollen Brief und in demselben den Rat, seinen Studierplan noch ein halbes Jahr aufzuschieben und den Winter bei ihm auf dem land zuzubringen: er hatte dabei die gutgemeinte Absichtwiewohl er sie in dem Briefe nicht angab –, den jungen, von der Liebe verführten Menschen wieder in das Gleis seiner vorigen Grundsätze durch seinen Umgang zurückzuführen und von dem Geschmacke einer zerstreuten, geräuschvollen Lebensart zu heilen: auch glaubte er ihn auf solche Weise von Ulriken abzuziehn, die ihm nach seiner Mutmassung entweder nachgefolgt sein möchte oder doch bald nach Leipzig nachfolgen würde. Überhaupt war ihm in Herrmanns geschichte alles zu dunkel, als dass er nicht das Schlimmste argwohnen und nicht neugierig sein sollte, sie im Zusammenhange aus seinem eignen mund zu erfahren. Der gutmütige Mann schrieb in einem so gemilderten Tone und vergab ihm seinen unhöflichen Brief aus Berlin so aufrichtig, dass Herrmann in jeder andern Gemütsverfassung bis zu Tränen gerührt worden wäre: doch jetzt fühlte er nur einen flachen Eindruck, steckte den Brief in die tasche und legte das Reisegeld, das ihm Schwinger schickte, in seine Spielkasse: er wollte jeden Tag antworten und ihm berichten, dass er seinen Vorschlag auch diesmal ausschlagen müsste, und vergass es jeden Tag: Zerstreuung und Spiel liessen ihm keine Zeit dazu.

Inzwischen, so leichtsinnig ihn auch Glück und leidenschaft zu machen schienen, so wenig vermochten sie doch über Gewissen und Ehre bei ihm: nie suchte er, wie seine Freunde, von der Unerfahrenheit oder Dummheit eines Jünglings Vorteil zu ziehen: nie lockte er durch listige Kunstgriffe zum Spiel an, sondern wer freiwillig bei ihm gewinnen oder verlieren wollte, war ihm willkommen, und nur das Glück entschied. Den Nachstellungen, womit Arnold junge Leute zum Spieltisch und meistens in ihr Verderben lockte, sah er anfangs mit stiller Missbilligung zu, tadelte seinen Freund darüber, der ihn meistens dafür auslachte, und die Gewohnheit härtete allmählich seine Billigkeit so sehr ab, dass er sich an den lustigen Szenen, die oft dabei vorkamen, vergnügte, Arnolds List bewunderte und das Ungerechte, Räuberische in seinem Verfahren gar nicht mehr fühlte: er bedauerte im Herzen die unglücklichen Schlachtopfer und blieb ein stiller Zuschauer ihres Verlustes. Die leidenschaft hat eine eigne Kasuistik: in den wenigen Stunden der Überlegung, die Herrmann übrigbehielt, machte er