zu Zeit einige Louisdor vor, um bei andern Banken vielleicht das Reisegeld nach haus zu gewinnen, allein das Glück blieb sein entschlossner Feind: alles Vorgestreckte ging den vorigen Weg. Arnold ermahnte ihn täglich, wieder nach haus zu reisen, weil der Termin seines Wechsels bald verflossen war. "Sie kommen augenblicklich in Verhaft", sagte er ihm unaufhörlich, "und Sie haben mit einem harten, geizigen mann zu tun." – Nichts half: der unglückliche Junker getraute sich nicht, vor seinem Vater zu erscheinen, und wusste doch auch keine andre Partie zu ergreifen. Arnold riet ihm, Kriegsdienste zu nehmen; allein dazu fand er in seinem weichen, zarten Körperchen nicht den mindesten Beruf. Sein Hofmeister, der bei einem Freunde etliche Meilen von Leipzig zum Besuch war, getraute sich gleichfalls nicht, vor einem Vater zu erscheinen, dessen ihm anvertrauter Leibeserbe alle seine Wechsel verspielt hatte, und antwortete dem jungen Herrn gar nicht auf den Brief, worinne er ihm seinen Unfall klagte, sondern nahm aus Verzweiflung die Flucht. Über der Unentschlossenheit des Junkers rückte der Zahlungstermin heran, und was man ihm prophezeit hatte, erfolgte: auch hier schlug sich Arnold ins Mittel, zwang den Gläubiger durch vieles Zureden, dass er sich mit der Hälfte der schuldigen Summe befriedigen liess, und streckte sie dem Schuldner auf einen weit hinausgestellten Wechsel vor: der junge Mensch wurde durch diese Güte so gerührt, dass er einen kleinen Ring, den ihm fräulein Renatchen zum Andenken ihrer Gewogenheit auf die Reise mitgegeben hatte, aus der innersten Beinkleidertasche zog und ihm mit Tränen der Dankbarkeit zum Geschenk überreichte. Arnold, als er erfuhr, welchen Wert der Zuneigung der Ring für seinen Besitzer hatte, lehnte das Geschenk von sich ab, bestellte die Post für ihn, versah ihn mit Reisegeld und übergab ihn einem livländischen Kaufmanne, der ihn in die hände des gnädigen Papas liefern sollte. Noch den Abend vor der Abreise fährt dem unbesonnenen Jünglinge der Spielgeist in den Kopf: er besass noch zwanzig der auserlesensten, hellglänzendsten Kremnitzer Dukaten, die dem teuren kind die gnädige Frau Mama von ihrem Spielgelde nach und nach zurückgelegt und in einem roten, saubern Beutelchen von Gros de Tours, worauf sie mit eigner Hand das Familienwappen in Gold stickte, als einen Notpfennig auf den Weg mitgegeben hatte, mit dem Befehle, diesen Schatz, wo möglich, unversehrt wieder zurückzubringen. Um dem Befehle desto leichter zu gehorchen, nähte der Herr Sohn nach seinem ersten grossen Verluste dies Beutelchen in der linken Uhrtasche fest und glaubte, dass es der Satan selbst nunmehr nicht wegstehlen sollte: auch widerstand er die ganze übrige Zeit tapfer allen Versuchungen, den Gefangnen zu erlösen, sah jeden Abend bei dem Schlafengehen darnach, ob seine Fesseln noch unversehrt wären, und in Gesellschaft, wo er ging und stunde untersuchte alle fünf Minuten seine linke Hand das Befinden des roten gestickten Beutelchens. An jenem unglücklichen Abende führte ihn die Dankbarkeit auf das Kaffeehaus, um seinen Freund Arnold noch einmal zu umarmen: Arnold warnte ihn vor dem Spiele, allein er glaubte sich über alle Reizungen erhaben und trat an einen Tisch, um bloss zuzusehn: da stand er, sah neidisch Summen gewinnen und verlieren und zappelte vor Begierde! Bald kraute er sich hinter dem Ohre, bald nahm er den Hut ab und fächelte sich – er glühte am ganzen leib von dem innerlichen Kampfe –, seine Linke deckte unaufhörlich das rote Beutelchen, arbeitete zuweilen an den Zwirnbanden, um sie loszureissen, und stunde hastig wieder davon ab, wenn ihm die Möglichkeit, die schönen Dukaten zu verlieren, einfiel. Lange drehte er sich so in dieser ängstlichen Unentschlossenheit herum: endlich gab die leidenschaft seinem herz einen Stoss: er foderte von dem Marqueur ein Messer, trat in einen Winkel und schnitt die ganze Uhrtasche heraus, um sich nicht zu lange dabei aufzuhalten. Grinsend vor Freude trat er an den Tisch, das Beutelchen in der Linken, setzte eine Maria Teresia nach der andern und verlor sie: seine Dukaten waren so hervorstechend, dass ihnen der Tailleur einen besonderen Platz anwies und jedermann mit Bewundrung nach ihnen hinblickte. Jetzt prangten sie alle zwanzig vor dem Bankier: dem Junker traten die Tränen vor Ärger in die Augen. "So mag der Teufel den Beutel auch holen!" sprach er weinerlich, nahm eine Karte und setzte das rote Beutelchen darauf: der ganze Tisch lachte, der Tailleur schlug um, und mit der ersten Karte war auch das rote Beutelchen in seiner Gewalt. Der unglückliche Jüngling schlug sich an den Kopf, weinte und jammerte: das ganze Kaffeehaus versammelte sich, die schönen zwanzig Dukaten und das schöne Beutelchen zu beschauen: auch Arnold erschien und fragte nach der Ursache seines Wehklagens. "Ach, der gnädigen Mama rotes Beutelchen!" rief er unaufhörlich mit bangem Trauertone, schlug die hände über den Kopf zusammen und stürzte sich zur Tür hinaus. Arnold lief ihm nach und wich nicht von seiner Seite, bis er auf dem Postwagen sass, damit er nicht sein Reisegeld noch obendrein verspielen sollte.
So handelte dieser sonderbare Mann beständig: er lebte vom Raube im eigentlichen verstand und teilte seinen Raub mit andern, die weniger hatten als er: wen er nicht plündern konnte, den beschenkte er, oder plünderte die Leute und erzeigte ihnen hinterdrein die grössten Wohltaten, interessierte sich so brüderlich für sie wie für diesen Junker und verschwendete durch seine aufrichtige, gutgemeinte Vorsorge oft die Hälfte der Beute wieder an denselben Menschen, dem er sie abgenommen hatte.