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und nur aus Höflichkeit gegen ihn verlängerte man das Spiel. Er gewann in einem fort: in der Hitze des Glücks wurde von allen das Gesetz, das den höchsten Satz bestimmte, merklich überschritten; und binnen einer Stunde war die kleine Bank gesprengt und Herrmann beinahe funfzig Taler reich. Ein andrer erbot sich zwar, Bank zu machen, aber niemand hatte den mindsten Appetit dazu. Die Gesellschaft ging auseinander und küsste sich so herzlich bei dem Abschiede, als wenn sie in Jahr und Tag nicht wieder zusammenzukommen gedächten. Herrmann wurde von seinem neuen Freunde auf ein Kaffeehaus eingeladen, des Abends abgeholt und verlor die Hälfte seines Gewinstes wieder: so weh es ihm tat, sie nicht wieder erobern zu können, weil er nicht mehr bei sich gesteckt hatte, so verbiss er doch seinen Ärger und ging mit gezwungner Mässigung nach haus. Dreimal hatte er schon seine übrige Barschaft in den Händen, um mit ihr zum Spieltisch zurückzugehn, und dreimal zog ihn sein guter Genius warnend zurück.

Der Verlust liess ihn nicht ruhig schlafen; nicht sowohl aus Eigennutz und Gewinnsucht, als vielmehr, weil ihm seine Ehre beleidigt schien, empfand er ihn so hoch und beschloss noch in derselben Nacht, den folgenden Tag die Hälfte seines Restes daranzusetzen, um seinen Ehrgeiz wieder zu versöhnen. Er war der erste auf dem Kaffeehaus, spielte an der Bank seines Freundes, den er nunmehr aus allen Umständen für einen Spieler von Profession erkannte, und gewann über achtzig Taler. Der Mann besuchte ihn den morgenden Nachmittag und erkundigte sich mit einer Neugierde nach seiner Herkunft, Familie und seinen Vermögensumständen, als wenn er ihn über Artikel verhören wollte, doch auf eine so gute Art, dass er allen Schein einer lästigen Zudringlichkeit vermied. Er merkte wohl aus Herrmanns Verlegenheit und stotternden Antworten, dass sein Reichtum nicht sehr erheblich sein musste und dass er daher keine Prise war, wie er sie in ihm suchte: kaum war er soweit mit seinen fragen gekommen, als er ihn durch überhäufte Freundschaftsbezeigungen so treuherzig machte, dass er seine Verlegenheit wegen seines Auskommens in ziemlich unverhüllten Ausdrücken gestund. Der Spieler, der ihn bis auf die letzte Faser ausgezogen hätte, wenn er bei Gelde gewesen wäre, legte ihm eine Börse auf den Tisch. "Hier, mein Freund!" sprach er, "spielen Sie aus dieser Börse, bei welcher Bank Sie wollen! den Gewinst teilen wir: den Verlust trage ich." – Herrmann war über eine so unerwartete Freigebigkeit erstaunt, weigerte sich, sie anzunehmen, und wollte dafür danken, als sein Freund ihn mit den Worten verliess: "Wir sehen einander heute auf dem Kaffeehause."

Wer war nun froher und der Glückseligkeit näher als Herrmann? – Er fand in der Börse vierzig Louisdor und war beinahe willens, gewisse zweihundert Taler besser anzuwenden als zum ungewissen Spiel: allein sein Freund hatte sie ihm nur zu diesem Endzwecke geliehen, und er glaubte, einen Diebstahl zu begehn, wenn er sie zu einem andern anlegte. Er spielte viele Abende hintereinander mit steigendem und fallendem, doch nie mit ausgezeichnetem Glücke, speiste täglich bei seinem Freunde, der eine Art von offner Tafel für den Zirkel seiner Freunde hielt, und Glück und Vergnügen verdrängten Kummer, Unruhe und beinahe auch Ulriken, wenigstens dachte er nicht mit so wehmütigem Verlangen mehr an sie; und wenn es geschah, tat er es mehr mit der Empfindung eines Versorgers als eines Liebhabers. Die neue Laufbahn, in welche ihn die Gewinnsucht seines Freundes hingeleitet hatte und worinne ihn die Grossmut des nämlichen Mannes erhielt, brachte ihn unvermeidlich auf den Plan, sich auf einem so angenehmen Wege ein kleines Vermögen zu erwerben, alsdann Ulriken aufzusuchen und in einem unbekannten ländlichen Winkel sparsam mit ihr davon zu leben. Er teilte den Vorsatz seinem Freunde mit, der in vierzehn Tagen schon zu einer so brüderlichen Vertraulichkeit mit ihm gelangt war, dass keiner dem andern ein Geheimnis verschwieg: er billigte den Plan überaus und versprach alle mögliche Beihülfe.

Die Freundschaft wurde noch inniger durch ein Verdienst, das sich Herrmann zufälligerweise um ihn erwarb. Er hörte eines Abends ein Komplott wider seine Bank machen, die die Zusammenverschwornen schlechterdings sprengen wollten: er benachrichtigte seinen Freund davon, dass er die nötigen Massregeln dawider nehmen konnte, und aus Dankbarkeit versprach dieser, bei dem ersten glücklichen Streiche, den er machen würde, ihm zu Errichtung einer eignen Bank eine Summe zu geben, die er nicht wieder bezahlen sollte, im Fall, dass er unglücklich damit wäre.

Auch diese gelegenheit erschien. Einen reichen Livländer lockte man auf die nämliche Weise ins Garn, wie Herrmann gekirrt wurde, da man nur sein bordiertes Kleid, und seine leere Börse nicht, kannte: der junge Mensch wurde durch den kleinen Gewinst, den man ihn anfangs machen liess, so hitzig und durch den nachfolgenden Verlust so aufgebracht, dass er sein Glück schlechterdings zwingen wollte und in einem Niedersitzen alle Wechsel verlor, die er in Leipzig zu seinen Reisen nach Frankreich und England teils heben, teils stellen lassen sollte. Den Tag darauf dachte er seinen Verlust einigermassen wieder zu erobern und verlor an einen andern Spieler um die Hälfte soviel als gestern, gegen einen Wechsel; der arme Unglückliche stellte ihn mit Tränen und hätte in der Angst und Betrübnis seine Seele verpfändet, wenn es verlangt worden wäre. Arnoldso hiess Herrmanns Freundliess den jungen Menschen täglich bei sich speisen und erlaubte ihm nicht anders, als unter seiner Aufsicht zu spielen: er streckte ihm von Zeit