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, dass sie bald ihren Sitz verändern möchte, blieb er geduldig liegen. Die gehoffte Veränderung erfolgte nicht, und er fing also an, sich aus seinem Zelte herauszuarbeiten. Der Kammerherr T**, der daneben stunde, sah unter der Schleppe der Geheimrätin zwei ihm bekannte Menschenfüsse hervorkommen und fragte: "E**, wo sind Sie denn?" – "Hier!" seufzte der arme Junker unter dem Fischbeinrocke hervor, spannte seine Schnellkraft an und kroch mit den Bewegungen einer Raupe auf allen vieren aus der erstickenden Atmosphäre heraus.

Noch wusste niemand, dass der Vogelbauer eine lebendige Kreatur verbarg, sondern man bildete sich ein, dass die Torte durch ihre eigne Schwerkraft den gefährlichen Fall getan habe: Amor hatte sich, dem gegebnen Befehle gemäss, so still darinne gehalten, dass man ihn für eine Wachspuppe ansah, und seine Bewegungen bei dem Bestehlen der Torte wurden durch das Geräusch des Gesprächs verschlungen. Jetzt aber ward es ihm unmöglich, länger eine Puppe vorzustellen: der genossne Biskuit fing an, heftige Unordnungen in seinem kleinen Körper zu verursachen: die Schmerzen wüteten so heftig und die Besorgnis vor einer entehrenden Aufführung quälte ihn so sehr, dass sich der arme Bube niedersetzte und bitterlich weinte. Es war gerade Ebbe in der Unterhaltung, und alle Ohren wandten sich verwundrungsvoll nach dem Orte hin, woher die Klagetöne kamen: einige suchten unter der Tafel, aber die Gräfin lenkte ihre Augen sogleich auf den Käfig, sah aufmerksamer als bisher durch die schmalen Zwischenräume der Latten und wurde mit Erstaunen ihren lieben kleinen Heinrich gewahr. Hurtig gab sie Befehl, ihn herauszulassen: der schöngelockte Liebesgott drückte sein verschämtes Gesicht dicht an die Brust des Bedienten, der ihn herausnahm, und liess sich voll von innerlichen Martern der gekränkten Ehre zum Zimmer hinaustragen. Knirschend trat er vor der Tür hin, stampfte und warf, voll Ärgers über sich selbst, den Bogen auf den Fussboden und deckte mit den kleinen Händen das glühende Gesicht zu. Man sprach ihm Trost ein, aber sein kindisches Herz fühlte schon zu sehr die Stacheln der Ehre und Schande, um sich durch Worte beruhigen zu lassen.

Die Gräfin war für ihn besorgt und zürnte bei sich nicht wenig über den tollen Einfall ihres Gemahl, der nicht weniger bei sich über den unschuldigen Liebesgott ungehalten war, dass er ihm durch sein unzeitiges Weinen den schönen Plan verrückt hatte: denn nach seinem Willen sollte er nach der Tafel mit dem Käfig abgehoben und seiner Gemahlin wie ein Papagei zum Geschenk überreicht werden. Beide sprachen seit dieser Begebenheit in den übrigen drei Stunden, die man noch bei Tafel zubrachte, wenig oder gar nichts mehr; und die Gäste assen, tranken und hatten Langeweile während dieser Zeit auf die gewöhnliche Art.

Sechstes Kapitel

Bewundernswürdig ist der Mann, der zuerst die Kunst erfand, seine Leidenschaften, Empfindungen und Urteile so tief in den innersten Winkel seiner Seele zurückzudrängen, dass auch nicht eine Linie breit von ihnen durch Miene und Gebärden hervorschlüpfte: aber dreimal, wo nicht mehrmal bewundernswürdiger ist der Tausendkünstler, der zuerst seine Gesichtsmuskeln zur Freundlichkeit anspannen und seine Worte zum Lobe stimmen konnte, wenn sein Herz zürnte und missbilligte. Wer sollte glauben, dass die Gräfin bei so vielem innerlichen Unwillen, bei so lebhaftem innerlichen Tadel, bei so starker Empfindung des Lächerlichen in dem 'amour encagé' doch nach aufgehobner Tafel den Urheber desselben sogleich in ein Fenster ziehen und ihm mit einer Freude, die fast bis zur Rührung stieg, für sein abenteuerliches Geschenk danken und die Art, wie er ihr es machte, als schön, neu und interessant lobpreisen würde? -Ja, das tat sie wirklich: sie küsste ihrem Gemahle einmal über das andre die Hand und versicherte ihn, dass sie den Knaben weder Tag noch Nacht von sich lassen werde, weil er sie beständig an die Dankbarkeit für ihres Gemahls Gnade erinnere. Jedes unter den Anwesenden, als man von der Sache näher unterrichtet war, hielt es für billig, dem Grafen, der ihnen so viele und schöne Essen vorgesetzt hatte, ein Kompliment über seinen Vogelbauer zu machen, dass Michael Angelo durch seinen Bau an der Peterskirche nicht zur Hälfte soviel Lob und Bewundrung eingeerntet hat als der Graf Ohlau mit seinem hölzernen Käfig. Die Gräfin ging so weit, dass sie dem mann, der bei der Erbauung die Aufsicht geführt hatte, verbindlich die Hand drückte, seine Arbeit als ein Meisterstück der Baukunst erhob und ihn für seine Mühwaltung mit zehn Louisdoren beschenkte. Der Graf schwamm in Entzücken: er fühlte sich über sich selbst erhaben, wie ein Künstler, der ein Denkmal seines Talents, dauernder als Erz, unzerstörbar durch Regen, Feuer und Wasserfluten, vollendet hat.

natürlich musste dieses Entzücken für den Knaben einnehmen, der es veranlasste: der Graf befahl sogleich, ihn aufzusuchen und herbeizubringen, und die Gräfin ging in eigner person nach ihm, um ihn wegen des Unfalles bei Tafel zu beruhigen. Ihre Bemühung kam zu spät: die kleine Baronesse Ulrike, die schon einigemal genannt worden ist, war sogleich nach der Mahlzeit mit ihrer gewöhnlichen Übereilung hinausgerennt, um den Liebesgott zu finden, von dem sie, als er aus dem Käfig herausgenommen wurde, ein hübsches weisses Händchen gesehen hatte, das sie in dem Augenblicke herzlich gern in die ihrige zu legen, zu drücken, zu liebkosen wünschte. Auch bildete sie sich ein, dass zu dem hübschen Händchen ein hübsches Gesichtchen gehören möchte, und eilte deswegen, ihre Neubegierde zu befriedigen, weil sie auch schon in ihrem siebenten Jahre eine grosse Liebhaberins