mir so lieb, als wenn mich meine Fürstin geküsst hätte.' – Ha, ha, ha, ha. Er hat mir Aufträge über Aufträge mitgebracht: ich weiss gar nicht, wo ich anfangen oder wo ich aufhören soll. Hört, Leute! ich rate euch, werdet nicht berühmt! Ihr denkt, das ist lauter Glückseligkeit, wenn man von Königen und Fürsten, bald von der schönen Dame, bald von dem vornehmen Herrn Komplimente und Aufträge bekömmt: aber ich schwöre euch zu Gott, man wird seines Lebens nicht froh dabei. Bei Tische esse ich kaum sechs Bissen, so fällt mir der Brief ein – 'der Henker! dem Geheimerate hast du auch noch nicht geantwortet' –, und so werfe ich die Serviette hin und setze mich und schreibe an den Herrn Geheimerat. Geh ich spazieren, so bin ich kaum vor dem Tore – 'halt! hast du die Verse nach Wien doch vergessen!' –, gleich kehr ich wieder um, und wenn andre Leute sich belustigen und das schöne Wetter geniessen, da sitz ich in meinem Stübchen und mache Verse nach Wien. Apropos –" (womit er sich zum Kellerwirt hindrehte) – "habt Ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen noch nicht gehört? Seht Ihr! solche Oden müsst Ihr Euch ein paar Dutzend machen lassen und Sie den Gästen vorlesen, wenn sie Lerchen bei Euch essen: da werden Euch die Leute den Keller stürmen. Die Gräfin ** war die letzte Messe hier und liess mich zu sich rufen, sie war kaum aus dem Wagen gestiegen. Des Abends konnte ich nun nicht wegkommen, das war vorbei. Da die Lerchen kamen, fing ich an: 'Ihre Exzellenz, ich pariere hundert Louisdor, ich bezahle Ihnen die Lerchen teurer, als sie Ihnen der Wirt anschreibt.' – 'Wieso?' fragte sie. – 'Ich pariere tausend Dukaten, ich gebe Ihnen so viel Verse dafür, als sie alle zusammen Krallen an den Füssen haben.' – Sie wollte das sehen. Ich sagte: 'Haben Sie nur die Gnade, mich fünf Minuten ins Nebenzimmer gehen zu lassen!' – Ich ging, und hört, ihr Leute! in fünf Minuten komme ich mit fünfzig Versen zurück, dass die Dame ganz erstaunt ist. 'hören Sie!' sagte sie, 'ich lasse Sie nicht mehr mit mir essen. Sie müssen hexen können: ich habe Sie zwar für einen sehr grossen Mann gehalten, aber so etwas ist mir doch nicht vorgekommen.' – Da ich ihr nun vollends meine Verse vorlas, da ging das Erstaunen erst recht an; da wollte die Dame gar nicht aufhören zu lachen: es tat mir selber leid um sie; denn sie ist sehr korpulent und wollte nun gar nicht wieder zu sich kommen. Noch bei dem Abschiede fing sie wieder an und drückte mir die Hand sehr gnädig. – 'Ach, Sie sind ein scharmanter Mann! ein gar allerliebster Mann! man möchte sich bucklicht über Sie lachen; und solange ich hier bleibe, dürfen Sie gar nicht von meiner Seite kommen. Sie müssen jeden Morgen den Tee bei mir trinken, und hernach nehm ich Sie in Beschlag und lasse Sie nicht von mir bis zum Schlafengehn.' – Ich sagte: 'Ihre Exzellenz, es ist mir eine hohe Gnade, aber meine vielen Geschäfte! es warten wenigstens dreissig Briefe auf Antwort; und die Welt will doch auch befriedigt sein: ich lebe doch einmal für die Welt.' – 'Ach, Sie haben genug für die Welt gelebt; leben Sie nun einmal auch acht Tage für mich!' – Straf mich Gott! Sie hat mich des Morgens durch die Heiducken mit der Portechaise holen und des Abends wieder nach haus bringen lassen; darüber hab ich nun alles versäumt und kann diesen Winter mit meinen Briefen nicht fertig werden: da liegen an hundert zu haus. Ja, denke ich, wenn ich sie sehe: ihr werdet lange liegen müssen, ehe die Reihe an euch kommt. – Stille! ich will euch meine Ode vorlesen." –
Auf die Ankündigung hub sich einer nach dem andern in der Gesellschaft empor, um sich in die andre stube zu begeben: allein der Deklamator stellte sich vor die Tür. – "Ihr wärt nicht wert, dass euch die Sonne beschien, wenn ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen nicht anhörtet", sprach er und trieb sie an den Tisch zurück. Sie mussten sich dem Zwange unterwerfen; er räusperte sich, gebot allgemeine Stille und hub an: "Wie wenn im Ozean die hocherhabnen Wellen Mit grimmig wilder Wut bis zu den Sternen
schwellen;
Wie wenn ein schwarzer Sturm den Nationen Tod Und steilen Felsen Angst und bange Schmerzen droht. Die Stelle hab ich dem Virgil gestohlen: aber dieser römische Homer könnte sie nicht herrlicher ausdrükken, wenn er deutsch schriebe. Ich will euch die Stelle einmal vorlesen: sie ist überaus prächtig: aber straf mich Gott! sie hat in meiner Ode nichts verloren." – Er holte stehenden Fusses einen Virgil aus der tasche, las die Beschreibung eines Sturms vor und übersetzte und erklärte die Schönheiten derselben mit der wortreichsten Beredsamkeit, doch jederzeit mit einer Wendung, dass Virgil einen Grad unter seiner Ode blieb. Die Gesellschaft schlich sich, einer nach dem andern, in die andre stube, auch Herrmann folgte dem Beispiele, und der erzgelehrte Mann las den stummen Kellerwänden bald ein Stück aus seiner