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zu beschwerlich sein, um am Ende seiner akademischen Laufbahn Ulriken, einen so hohen Preis, zu erlangen. Er sann, zu welcher Fakultät er sich schlagen wollte, und wählte die juristische. "Wer weiss", sagte er sich, "welchen hohen Posten ich durch Fleiss und Anstrengung erringen kann, der mich Ulriken mit Ehren besitzen lässt, ohne dass sich ihre Anverwandten meiner zu schämen brauchen?" – Mit ungeduldiger Hitze eilte er diesem glücklichen Zeitpunkte auf den Flügeln der Liebe schon entgegen, wollte seine Wissenschaft nicht bloss lernen, sondern verschlingen, und deswegen während seiner ganzen Studierjahre niemals mehr als fünf Stunden schlafen und zum Vergnügen nicht eine Minute verschwenden: Bücher sollten sein einziger Umgang und Studieren seine einzige Beschäftigung sein. Wie kränkte es ihn, dass er nicht auf der Stelle gleich Instituten und Pandekten wie eine Tasse Tee hinunterschlucken konnte!

Drittes Kapitel

Die Philosophie seines Pommers und Ulrikens Schattenriss schienen ihm seine vorige Tätigkeit wieder eingehaucht zu haben: er machte noch denselben Tag Anstalt, sich Bekanntschaften, gönner und Freunde zu verschaffen, die ihm mit Rat und Unterstützung beistehen sollten, und erfuhr von seinem hypochondrischen Freunde, dass er Bekanntschaften von dieser Art in einem gewissen Italienkeller machen könnte, wo er des Abends jederzeit Leute finden würde, die viel durch Empfehlung vermöchten.

Wie dauerte ihm der Nachmittag so ewig! und wie flog er, sobald es dunkel war, nach dem Keller! Er wagte eine halbe Bouteille Wein daran und hoffte, dass ihm diese Ausgabe durch die neuen Bekanntschaften wieder ersetzt werden sollte. Ein merkurialischer Mann von unendlichem Geschwätze sprach für die ganze übrige Gesellschaft: man fragte sich ringsherum zischelnd, wer der Fremde wäre, selbst der Schwätzer hielt mit seiner Predigt inne, und da Herrmann ein Kleid mit einer schmalen Tresse trug, wurde die Neugierde so allgemein rege, dass man schlechterdings dahinterkommen wollte. Ein junger Kaufmann redete ihn an, gab ihm seine Adresse und erbot sich, ihn mit allen seinen Waren, die er nach der Reihe hersagte, zu bedienen; Herrmann dankte sehr freundlich. – "Sie wollen hier studieren?" hub der Sprecher der Gesellschaft an: die Frage wurde mit einem der höflichsten Ja beantwortet. – "Kann ich Ihnen irgendworinne dienen", fuhr jener mit geläufiger Zunge fort, "so werde ich mir eine Ehre daraus machen. Ich wollte, dass Sie schon ausstudiert hätten: ich habe jetzt eine Versorgung für Sie, die Ihr Glück machen würde. Die Kaiserin von Russland hat an mich geschrieben, ihr einen Informator für den Sohn ihrer ersten Kammerfrau zu schaffen: ich schwöre Ihnen zu Gott, wer den Platz bekömmt, der hat sein Glück gemacht: straf mich Gott! es kann ihm gar nicht fehlen. Die Kaiserin ist seine Pate und hat mir sehr viele Komplimente gemachtich habe den Brief nicht bei mir, aber ich kann ihn zeigen –, sie schreibt überaus gnädig, dass man sieht, es muss der Dame sehr am Herzen liegen, dass ihre Kammerfrau wohl versorgt wird: sie fängt ungefähr so anMonsieur, la reputation, dont Vous jouissez par toute l'Europeund so weiter in diesem Tone fort. Oder wäre denn das nicht etwas für Sie? der erste Kammerherr beim König in Schweden braucht einen Sekretär. sehen Sie, da wäre wieder Ihr Glück gemacht: Sie dürfen ja, straf mich Gott! dem Herrn nur sagen, was für eine Stelle im Reich Sie haben wollen, so sagt er's dem Könige, und ich weiss, der König interessiert sich überaus für den Herrn: er hat selbst die Gnade gehabt, mich grüssen zu lassen, und empfiehlt mir die Sache wie seine eigne. Ich habe Ihre Majestät meine untertänigste Bereitwilligkeit versprochen, aber noch hab ich, so wahr ich lebe! keinen Menschen gefunden, der so gut dafür wäre wie Sie: Sie sind gut gewachsen, und Ihr Glück ist gemacht, dafür lassen Sie mich sorgen! Ich pariere hundert Dukaten, Sie sind in einem halben Jahre Reichsrat, oder was sie nun dort haben. Nach China gehen Sie doch nicht, das weiss ich schon: aber ich habe auch einen schönen Auftrag. – Apropos, meine Herren", fuhr er in einem Atem fort und wandte sich zur übrigen Gesellschaft, "gestern hat mir die Fürstin von ** ein Kompliment sagen lassen durch den Bereuter vom hof. 'Dass Er mir ja zu dem mann geht!' hat sie noch aus dem Fenster nachgerufen, als er fortgeritten ist. 'Ein halb Dutzend andre Kommissionen kann er vergessen, aber nur mein Kompliment nicht.' – Er kam auch geradesweges vor mein Haus geritten, eh' er noch in einem Gastof eingekehrt war. Der Mann hatte nun seine tausend Freude, mich zu sehenden berühmten Mann und den grossen Gelehrten, und was er mir denn noch weiter für Komplimente machte –, er hatte gar nicht geglaubt, dass ich so aussähe wie ein andrer Mensch: ich schwöre Ihnen zu Gott, der Mann freute sich wie ein Kind: die Tränen standen ihm in den Augen, da er Abschied nahm. 'hören Sie!' sagte er, 'bei Ihnen wollt ich Tag und Nacht en suite sitzen und nur zuhören: ich kann es gar nicht satt kriegen': – und drückte mir die Hand; und da ich ihn vollends küsste, da wollt er wie von Sinnen kommen. 'hören Sie!' sagt' er, 'das ist