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zusammen essen, und hernach ersäufen wir uns." Da holte Mattis eine grosse, unbändige Wurst aus dem Schubsakkedass ich nicht lüge! sie war Ihm, bei meiner blutarmen Seele! wohl so dick wie mein Arm: eine recht unbändige Wurst! und da setzten wir uns hin und schnabulierten, dass einem das Herz im leib lachte. Da fing Mattis an: "David, es schmeckt gar zu gut: hol mich der Teufel! ich kann mich nicht ersäufen." – Und da sagt ich: "Bei meiner blutarmen Seele! ich auch nicht! und wenn mir Vater alle Rippen zerbleute." Da sprach Mattis: "Wer gäb uns denn im wasser so schöne Würste? David, wir wollen uns bleuen lassen. Alle Tage Schläge und mannigmal so ein Stückchen Wurst ist doch besser als keine Schläge und keine Wurst. Man wird das Unglück gewohnt. Nach einer Tracht Schläge schmeckt's noch einmal so gut." – "Das sag ich auch", sprach ich; und da ging ich heim und ersäufte mich nicht und liess mich Vatern bleun, soviel er wollte, und da wurde ich's gewohnt, und da tat mir's nicht mehr weh, und ich kann's Ihm gar nicht sagen, wie mir's seitdem gut geschmeckt hat. Der Mattis war Ihm ein recht gescheiter Kerl. Nun bereut' ich's schön, wenn ich mich damals ersäuft hätte. – Herr, soll ich Ihm etwas zu essen holen?

Herrmann. Ja, David; bringe mir ein Stück von Mattis' Wurst.

Der Pommer. Hol mich alle! wenn wir die noch hätten! Da sollt ihm das Sterben schon vergehn. Wenn Ihm nicht so recht lustig um den Kopf ist, so sag Er mir's nur: da pfeif ich Ihm mein Liedel; und da vergeht's.

Herrmann. So musst du mich erst lehren, bei einem Brotränftchen glücklich zu sein.

Der Pommer. Das lernt sich bald; und wenn Er kein Geld hat, da müssen mir die Leute geben, und ich bring's Ihm; und wenn Er sterben will, da hol ich Ihm etwas zu essen. –

Herrmann wurde durch die genügsame, zufriedne Philosophie des Burschen beschämt: er tadelte sich, dass ein so dummes geschöpf mehr Standhaftigkeit haben sollte, das Unglück zu ertragen, als er, und fand in der Anmerkung des Schäfers, "man wird das Unglück gewohnt", einen Schatz von Weisheit, die ihn weder der Umgang mit seinen gelehrten Freunden noch sein eigenes, von der leidenschaft bestochnes Nachdenken so anschauend gelehrt hätte. Zwar kamen die vorigen trüben Gedanken in der Nacht etlichemal zurück, und der Stolz sophistizierte Mattis' Philosophie oft danieder: allein der nämliche Stolz, der ihm den Mangel an Gelde als einen unerträglichen Schandfleck vorstellte, malte ihm nunmehr den Mangel an Standhaftigkeit und die Verzagteit im Unglückke als einen noch grösseren Schandfleck ab. Wie die Sonne, wenn sie über dem gesunknen Nebel hervorsteigt, erhub sich den Morgen darauf seine Seele über die gestrigen düstern Gedanken: die Mutlosigkeit schien ihm so entehrend klein und die Stärke des Geistes in der Widerwärtigkeit so erhaben, dass er sich beinahe über seine Verlegenheit freute, weil sie ihm gelegenheit gab, sich selbst durch Mut und Klugheit zu gefallen. In seinem kopf hatten jetzt alle Gedanken eine andre Beleuchtung: jedes Rettungsmittel, das ihm sein bisheriger Unmut für verwerflich und unrühmlich erklärte, schien ihm jetzt wünschenswert oder doch nicht schimpflich, nachdem seine Rettung einmal eine Sache der Ehre für ihn geworden war. Er nahm sich vor, noch denselben Vormittag an Schwingern und Vignali zu schreiben, suchte unter seinen Briefschaften Papier, und siehe da! – unter dem Suchen fällt ihm Ulrikens Schattenriss, den er einmal in einer eifersüchtigen Laune dem Mr. de Piquepoint in Berlin raubte, in die hände: er erschrak, verweilte dabei, und je mehr er die sanfte Physiognomie ansah, je mehr schämte er sich seiner gestrigen Melancholie. Gedanke holte Gedanken, Empfindung Empfindung herbei, und in wenigen Minuten stand er im vollen Feuer verliebter Begeisterung: das Bild schien seinem Ehrgeize zu sagen, dass er für Ulriken Ungemach leide und überstehe: ihre Lippen befahlen ihm, jedes Mittel zu versuchen, um einen an ihr begangnen Raub wieder zu vergüten: was ihm gestern Verbrechen schien, war ihm heute Übereilung, und fast war ihm die Übereilung lieb, weil sie ihm eine so wünschenswerte Vergütung auferlegte. Alles ging ihm leicht, alles hurtig von der Hand: er schrieb an Vignali, meldete ihr die Entfernung der Madam Lafosse von Leipzig und seine daher entstandne Verlegenheit und ersuchte sie um ihren Rat, besonders um Nachricht von Ulriken. An Schwingern schrieb er gleichfalls, berichtete ihm die Veranlassung zu seinem trotzigen Briefe aus Berlin, bat ihn um Verzeihung, Rat und Beistand und bezeugte, da er sich in dem Sitze einer Universität aufhielt, ein grosses Verlangen zu studieren, doch war er auch bereit, den Vorschlag, den er in Berlin von sich gewiesen hatte, nunmehr anzunehmen, wenn Schwinger ihm mehr dazu riete als zum Studieren. – Alles ernste und feste Vorsätze!

Er hoffte, dass Schwinger seinen Plan, sich einer Wissenschaft zu widmen, nicht nur billigen, sondern ihm auch einen Zuschuss dazu geben werde: die noch fehlenden Bedürfnisse dachte er sich durch arbeiten zu gewinnen, und wenn es auch durch Informieren geschehen müsste: keine sollte ihm zu gering, keine