doch dem ersten Gebote mehr als dem letzten. Herrmann sah wehmütig auf ihn und sprach: "Lieber Bursch, was wird aus dir werden, wenn wir voneinanderkommen sollten?"
Der Pommer. Was Gott will.
Herrmann. Bekümmert dich denn die Zukunft gar nicht?
Der Pommer. Die Zukunft? – Was ist denn das?
Herrmann. Sorgst du nie für morgen, sondern bloss für heute?
Der Pommer. Nicht für morgen und auch nicht für heute. Ich sorge gar nicht.
Herrmann. Wenn ich dir aber kein Brot mehr geben könnte oder stürbe, was dann?
Der Pommer. Da gibt mir's ein andrer.
Herrmann. Wohl dir, dass du so denken kannst! – Also hast du niemals Unruhe?
Der Pommer. In Pommern nicht; aber hier! Wenn ich die schönen Leute in den schönen Kleidern sehe, wenn sie so fahren und reiten, oder wenn ich die reichen Leute in der grossen stube unten brav essen und trinken sehe, da geht mir's mannigmal wohl so unruhig im leib herum, dass ich nicht auch so essen und trinken und reiten und fahren kann. Wenn mir's denn so gar zu bange wird, so pfeif ich: da vergeht's.
Herrmann. Wenn dein Pfeifen solche Kraft hat, so pfeife mir doch eins vor! –
Der Pommer gehorchte und pfiff aus allen Leibeskräften ein Liedchen aus seinem vaterland. "Ich sehe wohl", sprach Herrmann nach geendigter Musik, "man muss ganz wie du denken, wenn dein Liedchen die Unruhe wegpfeifen soll."
Der Pommer. Ich will Ihm wohl sagen, woher das bei mir kommt. Sieht Er? Das Liedel pfiff ich allemal, wenn mir Mutter ein Brotränftel zur Vesper abschnitt; und wenn ich das Liedel pfeife, denke ich allemal an die Brotränftel, und da wird wir so wohl! so wohl, ich kann's Ihm gar nicht sagen.
Herrmann. O gehe den Augenblick wieder nach Pommern, wenn das Wohlsein dort so wohlfeil ist! Geh in dein Vaterland zurück! Ich kann dich unmöglich bei mir behalten.
Der Pommer. Warum denn nicht?
Herrmann. Ich werde Leipzig verlassen.
Der Pommer. So geh ich mit.
Hermann. Aber mein Geld könnte alle werden, und wir müssten dann beide zusammen hungern.
Der Pommer. Da bettle ich und bring es Ihm.
Herrmann. Oder ich könnte sterben.
Der Pommer. Er wird ja nicht! Mutter sagte immer: wenn man stirbt, ist man tot. Er wird nicht sterben: dazu ist er viel zu jung.
Herrmann. Der Kummer frisst auch ein junges Leben: du Glücklicher weisst nicht, was Kummer ist.
Der Pommer. Wenn Er Kummer hat, ich will Ihm eins pfeifen: da vergeht's. – Wenn Er stürbe, da legt' ich mich zu Ihm in den Sarg: da schmeckte mir zeitlebens Essen und Trinken nicht mehr. Sieht Er? Mutter hatte einmal eine Gans, die sie stopfte: die Gans war Ihm so fett, dass man seine Freude daran sah. Das wird schmecken! dachte ich. Sieht Er? Da wollte Mutter die Gans schlachten, und da starb die dumme Gans; und da hab ich Ihm um die Gans geflennt, dass mich der Bock stutzte. – Hör Er! sterb Er ja nicht wie Mutter ihre Gans! – Ja, wahrlich! wenn Er stürbe, ich flennte wie um Mutter ihre Gans.
Herrmann. Ich beklage, dass ich dir so viele Treue nicht belohnen kann. Deine Treuherzigkeit verdient, dass ich aufrichtig gegen dich bin. Mein Geld ist alle: ich kann dich nicht länger ernähren.
Der Pommer. Da sorg Er nur nicht: die Leute werden mir schon geben; und was sie mir geben, das soll Er alles kriegen. – Ich gehe nicht von Ihm, dass Er's nur weiss!
Herrmann. Geh wieder nach Pommern: da bist du am glücklichsten, wo du nur ein Brotränftchen dazu brauchst.
Der Pommer. Ich gehe nun nicht, das sag ich Ihm. Ich bleibe bei Ihm bis in den Tod.
Herrmann. Bis in den Tod? – Vielleicht kommt dieser gute Freund bald und führt mich aus meinem Unglücke heraus. Wie glücklich bist du, dass du dir so eine traurige hülfe nicht wünschen darfst!
Der Pommer. Ach, ich habe mir auch schon einmal den Tod gewünscht; aber ich bin deswegen nicht gestorben. Vater schlug mich alle Tage so gottsjämmerlich, dass mir der rücken platzte. Sieht Er? Da ging ich heraus aufs Feld zum Schäfer und sagte: "Mattis, schlagt mich tot! Vater bleut mich gar zu sehr." Da sagte der Schäfer: "David, bist ein Narr! Wenn du tot bist, schmeckt dir kein Bissen mehr gut." Da sagt ich zum Schäfer: "Mattis, du sollst mich totschlagen." – "Das tut weh", sagte Mattis, "wir wollen uns lieber ersäufen. Ich hab es schon gestern tun wollen: meine Frau bleut mich wie ein Dreschflegel: aber ich habe mir's erst überlegt, eh' ich's tue: ich habe da eine schöne Wurst, die möchte ich dem Wetteraase doch nicht gönnen; sie ist dir gar zu schön: ich kann's gar nicht übers Herz bringen, dass ich sie anschneide. Weisst du was, David? wir wollen sie