– ist das nicht das Leben eines Missetäters, der auf der Folter liegt und nach allen Seiten hingezerrt wird? Der Elende muss zerspringen und den Geist aufgeben: wehe ihm, wenn er ihn langsam aufgibt!"
Nach einer Pause, die schwarze Bilder und ängstigende Empfindungen ausfüllten, begann er wieder. "Sollte denn wahrhaftig, wie meine Freunde neulich unter sich stritten, dem Unglücklichen verboten sein, sich den Weg aus dem Labyrinte gewaltsam zu öffnen? Wenn ich nichts Böses noch Entehrendes tun soll und gleichwohl meine Rettung aus dem Unglücke nicht anders geschehen kann, ist es nicht doppelte Pflicht, mir selbst die Versuchung zu einem entehrenden Rettungsmittel abzuschneiden? Was lehrte mich Seneca? Was tat Cato, um der Schande zu entgehen? Er wählte den kleinern Schmerz, um dem grösseren auszuweichen. Was kann ein Mensch wie ich, der sich durch ein Verbrechen an der Tugend versündigt hat, anders erwarten als die tiefste Schande? Beginnt nicht meine Strafe schon? Kann die Gerechtigkeit, die mein Schicksal regiert, härter strafen, als dass sie mir alle Mittel benimmt, der geschändeten Unschuld nur das kränkelnde Leben wieder zu verschaffen, das man guten Ruf nennt? – Verschmachten soll ich in Reue und Verzweiflung, in Kummer und Mangel wie in tiefem Schlamme, mich emporarbeiten wollen, meine Kräfte langsam verzehren, bis das Ästchen, woran ich mich halte, zerbricht, mich sinken lässt und das eindringende wasser den schwachen Atem erstickt. Tut ein Verbrecher nicht den Willen der Gerechtigkeit, wenn er eine Strafe beschleunigt, die ihn spät, aber gewiss treffen soll? Menschen strafen mit einem Schwertschlage; und eine Gerechtigkeit, wovon die unsrige nur ein Schatten ist, sollte mit zehntausend Streichen, mit langsam entseelenden Stichen, mit verwundenden und allmählich tötenden Schnitten wie der grausamste Hurone strafen? – Nein: sie will durch kein Wunder töten: das junge feste Leben widersteht ihrer Hand; was tut also der Verbrecher, als dass er ihrer Hand seine eigne leiht und das Urteil ausführt, das sie gern gleich vollstrecken möchte, aber nicht anders als langsam vollstecken kann? – Meine Tätigkeit ist in der Blüte verwelkt: für das Vergnügen bin ich tot, für Geschäfte erstorben, ein wahres Flickwort im Ganzen des menschlichen Lebens; in Schande bei mir selbst versunken; der Schande vor den Menschen nahe; jeden Augenblick in Gefahr, von Mangel und Kummer, wenn sie Gewissen und Ehre allmählich einschläfern, zu Verbrechen und entehrenden Handlungen hingerissen zu werden; an keinen Freund, keine Familie, nur an eine einzige Seele mit einem Faden geknüpft, den das Schicksal zerrissen hat: ein so unnützes geschöpf, für jedermann entbehrlich, das nichts Erhebliches tun kann noch soll, elend ausser sich, elend in sich, elend in der Gegenwart und in der Zukunft, eine Beute der Verzweiflung, wozu lebt das? – Die Welt verliert nichts an ihm: es verliert nichts an der Welt: jeder künftige Zustand kann leicht besser sein als der seinige: welche Bedenklichkeit kann also einen Entschluss aufhalten, den Gerechtigkeit und Selbstliebe vorschreiben?"
Hier stockte er: seine Seele hatte sich aus dem stürmenden Gewitter in die bange, schwüle, schwerdrükkende Stille hineinräsoniert, wo sie nichts als Vernunft zu sein scheint, aber alles, was in ihr denkt und spricht, ist leidenschaft, die durch lange Gewohnheit die Miene der Vernunft angenommen hat. Es deuchte ihm, als ob ein neues Licht in seinem kopf aufgegangen wäre: kein Tumult, kein Brausen und Toben mehr in ihm! Aber so kalt, so vernünftig er sich vorkam, so fühlte er doch, dass alle seine Glieder zitterten: so richtig ihm seine Gründe schienen, so hielt er sich doch in einer misstrauischen Entfernung von ihnen, wie von neuen Bekannten, denen er sich nicht so blindlings anvertrauen möchte. Je schärfer und länger er sie ansah, je misstrauischer wurde er; aus dem Misstrauen wurde Angst: er floh in der finstern stube auf und nieder, rang die hände und schlug sie über den Kopf zusammen; und immer verfolgte ihn der fürchterliche Gedanke des Selbstmords wie eine Furie, die ihn bei den Haaren fassen wollte: seine Schritte wurden immer stärker und hastiger, die Angst drückender: der Unglückliche floh vor seinen eignen Gedanken, wollte ein Gespenst abschütteln, das in seiner Seele sass und desto grimmiger die Zähne fletschte, je mehr er mit ihm rang.
Schon eilte er nach der Tür, um dem Henker seiner Seele aus der stube zu entfliehen, die Treppe hinab und durch die Strassen zu rennen: indem trat sein kleiner Pommer, der ihn zeiter bedient hatte, mit einem Lichte in der Hand herein. Herrmann fasste ihn derb bei der andern und bat mit geknirschtem, hohlem Tone, bei ihm zu bleiben. – "Lass mich nicht aus den Augen! stehe dicht neben mir! lass meine hände nicht aus den deinigen!" sprach er, äusserst verwildert und bebend. Der Junge wusste nicht, was er denken sollte, fühlte wohl an dem einklammernden Drucke der Hand, merkte auch an Miene und Ton, dass sein Herr sich in einer unbeschreiblichen Angst befand: allein da er an blinden Gehorsam gewohnt war, tat er den Befehl wörtlich, ohne nach der Ursache zu fragen. Herrmann setzte sich, der Pommer hielt ihm beide hände fest und sah ihm unverwandt ins Gesicht; und obgleich sein Herr, als sich die Angst durch die Erleuchtung der Szene und die Gesellschaft ein wenig milderte, seinen Befehl widerrief, so gehorchte er