sich leise zur Tür hinaus und ging nach haus.
Den folgenden Tag erfuhr er, dass die Gesellschaft bis gegen zehn Uhr zusammen geschlafen hatte. Als einer nach dem andern erwachte, fürchtete sich ein jeder vor den Augen der übrigen, die ihm in der Dunkelheit zu brennen schienen: der Philosoph ermannte sich zuerst und suchte ein altes Feuerzeug, schlug an: er lief mit dem brennenden Schwefel in der Hand herum, um den Leuchter zu suchen, und da er von ungefähr nach dem Tische blickte und die drei Gesichter seiner Freunde sah, auf welche das blaue Schwefellicht einen blassen, totenähnlichen Schein warf, dass sie in der Dunkelheit drei Leichen zu sein schienen, warf er vor Schrecken den Schwefel auf die Erde, flüchtete in die nahe kammer, legte sich wohlbedächtig auf das Bette und schlief sehr bequem, während dass der Wirt mit den übrigen beiden Gästen am Tische übernachtete.
Zweites Kapitel
Für einen Menschen, der wie Herrmann so viele eigne Ursachen zur Betrübnis hatte, war solche traurige Gesellschaft ein wahres Verderben: gleichwohl ging er ihr nach und hätte sie um alles in der Welt nicht gegen bessere vertauscht: sie harmonierte zu sehr mit der Stimmung seiner Seele, um nicht Nahrung für seinen Kummer in ihr zu suchen.
Nicht bloss Unglück der Liebe; nicht bloss Ungewissheit wegen Ulrikens Schicksal; nicht bloss Reue über seine verliebte Übereilung; nicht bloss die Unmöglichkeit einer Verbindung mit ihr quälte ihn jetzt mehr, sondern das schrecklichste Übel, das einen Menschen von Herrmanns denkart bedrohen kann – der Mangel. Seine kleine Barschaft, die er von Berlin mit sich brachte, war teils auf der Reise, teils bei seinem Aufentalte in Leipzig weggeschmolzen; er hatte kein gelehrtes noch mechanisches Handwerk gelernt, um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, zu den arbeiten, die er hätte verrichten können, raubte ihm der Gram Lust und Kräfte; mit seinem einzigen Freunde, mit Schwingern, hatte er sich auf Vignalis Antrieb entzweit und wagte es nicht, ihm seinen Aufentalt zu entdecken, aus Furcht, er möchte seine Drohung wahr machen und ihn in die hände des Grafen zur Bestrafung für seinen unverschämten Brief liefern; von seinen Eltern, wenn er auch seinen Vater nicht durch die schnöde Behandlung in Berlin beleidigt hätte, konnte er keinen Beistand erwarten; die Rache des Grafen musste er täglich fürchten: also ohne Rettungsmittel, ohne Freund, unter Furcht, Qual und Kummer sass er da in einer unbekannten Stadt unter unbekannten Menschen, die von ihm gewinnen wollten, und sein ganzes Vermögen waren zwei Louisdor. Hunger war seine kleinste sorge; aber sich ohne Schande aus einer so kritischen Lage herauszuziehn, das war sein Anliegen; er überlegte so oft und vielfältig auf allen Seiten, was er tun sollte, dass ihm von der Unmöglichkeit, sich zu retten, wie vor einem Abgrunde schwindelte. Das Rosental wurde der Vertraute seines Schmerzes, aber meistens, um ihn zu mehren; jedes Paar, das vertraulich nach geendigter Arbeit dem Vergnügen in Gohlis zueilte, erinnerte ihn an eine Glückseligkeit, die ihm fehlte. – 'So könntest du', dachte er, 'jetzt mit Ulriken dahinwandeln, wenn Vignalis Anschlag vollzogen worden wäre, so nach der Mühe des tages die Ruhe am arme der Liebe geniessen. O wärst du einer von diesen Glücklichen, die Leben und Vergnügen durch die Arbeit ihrer hände zu erkaufen wissen!' – Er wollte dem beneideten Anblicke in Nebenpfade entfliehen und kam immer wieder auf den Hauptweg zurück, um sich neuen Stoff zum Missvergnügen zu holen: er hörte die fröhliche, schreiende Tanzgeige, das schallende Horn und das laute Gewühl der Freude: o wie eilte er der brausenden Mühle zu, für ihn ein viel harmonischer Getöse! und mit weitem Umwege entging er der Freude durch einsame, menschenlose Gänge. Das absterbende Laub, die abgemähten Wiesen, der herannahende Tod der natur, den die herbstliche Szene allentalben ankündigte, waren reizende Bilder für seine Melancholie: die halbentblätterten Bäume wurden seine Freunde, die mit ihm zu empfinden schienen, weil sie mit ihm um sich selbst trauerten.
In einer der finstersten Launen kam er eines Abends von einem solchen Spaziergange zurück, und auf der stube warteten schon ebenso finstre Gedanken auf ihn, als er mit sich brachte. Er wollte kein Licht, lehnte sich in der Dunkelheit mit dem rücken ans Fenster und tat, was er immer tat – sann auf Rettung und fand keine.
"Ist es möglich?" fing er endlich mit gerungnen Händen an, "also ist leben wirklich eine so schwere Kunst, als mir Schwinger oft sagte? Unter einer solchen Last von Unglück den Atem nicht zu verlieren, das erfodert Riesenstärke. – Aber wenn doch leben unser Beruf auf der Erde ist, warum muss dieser Beruf so sauer sein? Hätte mich die natur zum Bösewichte oder zum Niederträchtigen gemacht, wohl mir! Ich dränge mit einem schlechten Wagestücke, das mir Leben oder Tod brächte, hindurch, raubte oder betröge, um reich oder geköpft zu werden: aber die natur gab meinem Gewissen eine stimme und legte in mein Herz die Ehre, die mich bei jedem Schritte nicht bloss vor Schande bei den Menschen, sondern auch vor der Schande bei mir selbst warnt – ein edles, aber fürwahr auch ein lästiges Geschenk! 'Kämpfe mit Unglück, Kummer und Mangel!' gebietet das Schicksal, 'rette dich aus dem Kampfe!' will die natur: 'übersteh ihn ohne Schande oder komme darinne um!' verlangt Gewissen und Ehre: