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gedacht wurde: ich habe dinstinguiert, da ich noch ohne Hosen herumlief." –

"Und wenn Sie in Mutterleibe schon distinguiert hätten, so sind Sie doch ein Narr, wenn Sie sagen, dass ich mir meinen Zufall mit der Hand nur eingebildet habe." –

"Ein Erznarr", stimmte sein Konsorte mit ihm ein; "wenn ich mir nur eingebildet haben soll, dass ich eine Spinne im leib hatte."

"Meine Herren", fing Herrmann sehr bescheiden an, "wenn Sie nun alle drei recht hätten? Sie bildeten sich alle etwas ein." – Armer Herrmann! nun ging der ganze Krieg auf den Zweifler los, der allen zugleich und keinem allein recht gab: zu seinem grossen Glückke stellte sich ein neuer Besuch ein. Herr Logophagus trat äusserst verwildert herein: die Streitenden riefen ihn zum Richter auf, allein er lehnte die Ehre mit der höflichen Bitte von sich ab, dass man ihn ungeschoren lassen sollte, weil er wichtigere Sachen im kopf hätte. Man fragte ihn, welche, und er begann also:

"Da bin ich mit einem Ignoranten, einem Narren, der den schönen Geist macht, zusammen gewesen: der Hasenfuss tat so dicke und hielt sich so viel über mich auf, dass ich böse wurde und mich recht tüchtig mit ihm zankte. Ach! es ist aus in der Welt: alle wahre echte Gelehrsamkeit hat ein Ende: seitdem so viele schöne Geister unter uns geworden sind, rücken die Wissenschaften und Gelehrsamkeit dem Untergange mit jeder Minute näher. Da lernen die Leute ein bisschen Geschmack, und nun sind sie schöne Geister und verachten einen Mann, der das Seinige redlich und rechtschaffen in litteris getan hat."

Herrmann. Machen denn vielleicht die schönen Geister eine besondre Innung bei Ihnen aus? Sie sprechen davon wie von einem Handwerke, das man lernt. 'Er ist ein schöner Geist' – kommt mir nicht anders vor, als wenn man von jemandem sagte, er ist ein gutes Gedächtnis.11 Ein französischer Gelehrter sagte mir einmal: "Die Deutschen haben viel schöne Geister, aber wenig schönen Geist."

"Es ist auch nicht viel daran gelegen", antwortete der Wirt. "Das sind Einbildungen des Herrn Litophagus. Er denkt, weil seine Silbenstechereien, seine kritische und humanistische Wortkrämerei nicht mehr im Gange ist, deswegen wird es gleich mit aller Gelehrsamkeit aus werden. Desto besser, dass wir uns nicht mehr um das heidnische, abergläubische Zeug bekümmern! Ich will Ihnen besser sagen, was das Schöngeistern unter uns für Schaden anrichtet: es verdirbt die Religion, führt Freigeisterei und Unglauben ein, und Gottesfurcht und Frömmigkeit nehmen alle Tage mehr ab, seitdem das verhenkerte Schöngeistern bei uns eingerissen ist. Nichts wird geschrieben und gelesen als Witz: ein bisschen Witz ist bald hingeschmiert, und wer ihn liest, dem tut der Kopf auch nicht weh: darum saugen die Menschen so gern Witz ein, und Witz und Unglauben sind Brüder".12

"Da haben Sie völlig recht", fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. "Aber das Übel erstreckt sich viel weiter. Wissen Sie, warum das Menschengeschlecht so elend, so kraftlos, klein und schwach ist, dass sechs Menschen jetzt nicht so viel heben und tragen können als einer zu unsrer Väter zeiten? Sonst gab man dem Tee und Kaffee die Schuld: grundfalsch! der Witz hat uns zu solchen krüppelichten Zwergen gemacht; und wenn der verdammte Witz so fortfährt, unter uns einzureissen, so werden unsre Kinder so matt wie die Fliegen: wenn sie ein rauhes Lüftchen trifft, werden sie umfallen und sterben."

"Ach, Sie haben immer etwas mit dem Sterben zu tun!" unterbrach ihn Herrmanns Freund. "Ich weiss besser, woran unser Jahrhundert krank liegtan der Menge von Genies. Die Genies haben die Sitten verderbt, alle Wissenschaften in Verachtung gebracht und sind die Ursachen unserer itzigen Unwissenheit in der Philosophie. Hätten wir nichts vom Genie in Deutschland gehört und gesehen, so würde auch die Philosophie noch so viel gelten wie vormals."

A. Ach, mit Ihrer Philosophie! Diese könnten wir wohl entbehren: aber wo Kritik und Philologie nicht mehr im Werte sind, da sind die Menschen der Barbarei nahe.

B. Die Philologie und Kritik? – Was Sie sich einbilden! Die Wortklaubereien hätten immerhin niemals auf der Welt sein mögen: aber die Teologie! das ist der Brunnquell aller Künste und Wissenschaften; wenn diese in Verfall gerät, dann werden aus den Menschen Bruta.

C. Ei, gehorsamer Diener! Ich dächte, auf die Jurisprudenz käme wohl mehr an als auf die liebe Teologie: wo die echte, elegante römische Jurisprudenz keine Liebhaber mehr findet, da ist alles vorbei; und nach ihr setze ich die Medizin; denn sie errettet vom tod.

D. Ja, wenn man Spinnen verschluckt hat! Ihr seid alle nicht auf dem rechten Flecke. Der übrige Plunder alle kann zugrunde gehen: aber wenn die Philosophie sinkt, dann entsteht allgemeine Finsternis. Ausser der Philosophie ist alles Schnurrpfeiferei.

"Das sagt ein Narr!" riefen die andern drei in einem Tempo.

"Woher wüsste denn die Philosophie so viele Sachen, wenn ihr meine Wissenschaft nicht hülfe?" sprach der Teolog. "Sie weiss nichts von guten und bösen Geistern" –

Auf dies Wort fielen die andern drei mit vereinten Kräften der Lunge über ihn her. Der Philolog bewies aus griechischen