über seine Arbeit fällte. – "Das ist kein Stall", antwortete der empfindliche Erfinder. – "Es steckt doch da ein Vieh darinne: was soll's denn sein?" fragte der Oberste weiter. – "Lesen Sie doch nur!" war die höchst trotzige Antwort hierauf.
Der Oberste folgte seinem Rate, setzte die Brille auf, las die Inschriften und brachte mit hülfe der gegenübersitzenden Nachbarin heraus: 'Vivat Sophia Eleonora l'Amour encagé.' – "Hm!" brummte der Oberste, "das sollte ja wohl heissen:
Vivat Sophia Eleonora et l'amour encagé?"
"So?" unterbrach ihn die Gräfin lächelnd. "Das hiesse ja soviel, als ob ich und die Liebe am besten aufgehoben wären, wenn man uns einsperrte."
Er sann nach: – "Der Teufel! ja, das hiess' es", fuhr er heraus. "Haben Sie das gemeint, Herr Graf?"
Die Gräfin winkte zwar dem Obersten, ihrem Gemahl, der keinen Spass verstund, die Frage nicht zu wiederholen: allein der übereilte Mann achtete auf keinen Wink, sondern schrie den ganzen streitigen Punkt mit allen Klauseln über die lange Tafel hinauf: der Graf wurde rot, weil ihm das Gespräch einen Tadel über sein Werk in sich zu schliessen schien, und verbarg sein Missfallen damit, dass er sich stellte, als wenn er nichts verstehen könnte. Unterdessen wurde die Materie um und neben dem Obersten, unter seinem Vorsitze, noch genauer untersucht. Sobald nur fräulein Hedwig – eine weitläuftge Anverwandtin der Gräfin, die als Wirtschaftsdame bei ihr lebte und zugleich die Stelle einer Gouvernante bei der Baronesse Ulrike versah, die Krone aller hässlichen fräulein-, sobald sie, sage ich, heraus hatte, dass ein Amor im Käfig steckte, so konnte sie nicht unterlassen, die Gesellschaft mit einem Gerichte von ihrer beliebten Gelehrsamkeit zu bedienen. "Das ist ja", fing sie an und reckte den dicken Kopf in die Höhe, "wie dort bei dem Virgilio Marus, wo die jungen Grafen des Aeneas den Amor in einen Topf stecken."1
"Doch nicht in einen Nachttopf?" schrie der unsaubre Herr Oberste. Ob sich gleich fräulein Hedwig bei seiner unanständigen Frage die Nase zuhielt und die Miene des Ekels sich in ihrem gesicht auf das lebhafteste ausdrückte, so erwischte sie doch die günstige gelegenheit, ihrer Gelehrsamkeit Ehre zu machen, mit grosser Herzensfreude. "Ach", fuhr sie fort, "der arme Bube hat schon viel Herzeleid ausstehen müssen: wie dort bei dem Ambrosius wird er gar mit Stecknadeln gestochen, und im Cicero Marcus binden ihn die Hofdamen der Königin Semiramis mit ihren Jartieres" –
"Womit?" unterbrach sie der Oberste. fräulein Hedwig wiederholte es.
"Mit den Strumpfbändern also?" rief der Oberste.
"Fi!" antwortete das fräulein mit Naserümpfen und nahm Tabak. "Wer wird denn so etwas über Tafel nennen?"
Der Oberste. Warum denn nicht?
fräulein Hedwig. Über Tafel darf man von nichts reden, was unter der Tafel ist.
Der Oberste. Das mag wohl bei Ihren Carus und Narrus, und wie die Kerle weiter heissen, Mode gewesen sein: aber ich wüsste nicht, wer mir's wehren wollte, von Strümpfen und Schuhen –
Das fräulein. Schämen Sie sich doch! Wer wird denn dergleichen Sachen deutsch nennen? Wenn Sie ja davon sprechen müssen, so dürfen Sie ja nur 'chaussure' sagen.
Der Oberste. Was ist denn das bessers? – Ob ich, zum Exempel, sage: 'Votre cû large' oder –
Indem er die Übersetzung hinzufügen wollte, zog ein allgemeiner Aufstand an dem andern Ende der Tafel seine Aufmerksamkeit von der vorhabenden Disputation ab. Der kleine Amor hatte in seinem Käfig Langeweile: durch die Ausdünstungen des Essens, die eine Atmosphäre von Wohlgeruch um ihn bildeten, wurde sein Appetit ungemein rege gemacht: – diese beiden Ursachen trieben ihn an, mit seinen kleinen Fingern in die Biskuittorte, die auf dem dach des Käfigs ruhte, hineinzubohren und sich ein Stück herauszuzwicken. Der Genuss feuerte die Begierde noch mehr an, und da er ringsum alles, was er durch die offnen Zwischenräume der Latten erreichen konnte, heruntergeholt und verzehrt hatte, suchte er durch einen Stoss mit dem Bogen der Torte eine Wendung zu geben, dass sie ihm eine noch unangetastete Seite zukehrte: allein der Stoss geriet in der Hitze der leidenschaft zu stark, die Torte stürzte herab, in die Gärten der Alcina hinein, zerschmetterte Bäume, Hekken und Pavillons, taumelte über die Gartenmauer hinaus und fiel mit lautem Geräusche in eine Assiette hinein, dass ein dichter Platzregen von schwarzer Brühe auf die dort Sitzenden herabströmte. Alles sprang auf, seine Kleider zu retten, als schon die ganze herumgesprützte Essenz auf ihnen lag: in einem Tempo wurde eine ganze Reihe Stühle zurückgeworfen! Bediente schrien, dass man ihre Zehen quetschte: die Kavaliere, denen die emporschnellenden Fischbeinröcke der Damen bei dem Aufspringen Ohrfeigen gaben, stolperten, um ihnen zu entgehen, über die Stühle hinweg: der kleine bucklichte Herr von E** wurde durch den einen Windflügel der Frau Geheimrätin von S** so gewaltig aus allem Gleichgewichte gebracht, dass er zu Boden stürzte, und weil sich die Dame sogleich auf den zurückgestossnen Stuhl wieder niedersetzte, um sich die entstandnen Flecke abzuwischen, so deckte sie den ganzen kleinen gestürzten E** mit ihrem ungeheuren Fischbeinrocke zu, und in der Hoffnung