grüssen, als ihn der Ton seiner fremden stimme verscheuchte – husch! war er in die kammer hinein. Nach langer Zeit kam er mit bekleideten Füssen, aber in dem vorigen Anzuge, wieder zurück, weil ihn sein Freund durch die Kammertür aus allen Kräften versicherte, dass der Fremde seine Draperie nicht übelnehmen werde. Er bewillkommte seinen noch nie gesehnen Gast mit vieler Ängstlichkeit und drückte sich dabei mit dem rücken so dicht an die Wand, als wenn er besorgte, Herrmann werde ihm darauf springen; und da er sich so an drei Wänden hin bekomplimentiert hatte, bat er an der vierten um Erlaubnis, seinen Hut aufzusetzen. – "Ich habe mir meinen Kopf so gewaltig erkältet", gab er zur Ursache an, "dass er sich seit vier Tagen nicht erwärmen lässt." – Herrmann verstattete ihm sehr gern die verlangte Freiheit und wartete ungeduldig auf die versprochne Aufheiterung, die ihm dieser Mann verschaffen sollte: er suchte deswegen das erloschne Gespräch wieder anzufachen; der Aufheiterer machte sich bei jedem Gange, den er tat, beständig den Rükken frei und verliess deswegen niemals die Wand. Seine Scheu wurde zuletzt so gross, dass sie sein Freund bemerkte und ihn darüber befragte: er wollte lange nicht beichten, doch da ihm auch Herrmann durch fragen zusetzte, gestund er endlich, dass seine Gegenwart ihn in solche Furcht versetze. Herrmann näherte sich ihm, um die Furcht durch freundliches Zureden zu vertreiben: je näher er ihm kam, je ängstlicher und zitternder zog sich der andre vor ihm zurück, bis er in einen Winkel kam, der ihn nicht weiterliess: er bat um Gottes willen, ihm ja nicht auf den Hals zu fallen. Herrmann entfernte sich zwar, aber ruhte nicht, bis er ihm die Ursache dieser sonderbaren Besorgnis entdeckte. – "Sie sehen", sagte er, "natürlich wie ein griechisches Sigma (ς) aus; und den verwünschten Buchstaben kann ich nun vierzehn Tage her nicht ohne Angst ansehn: es ist mir immer, als wenn er über mich herfallen und mich mit dem gottlosen langen Schnabel hacken wollte."
Nicht lange darauf erschien ein zweiter Besuch: ein anständig gekleideter, wohlgesitteter Mann trat herein, um, wie er berichtete, dem Herrn der stube den Krankenbesuch zu machen: "Aber", setzte er hinzu, "ich tu es aus grosser Freundschaft; denn ich bin selbst keine Minute vor dem tod sicher." – Herrmann musste sich um so viel mehr darüber verwundern, da der Mann so frisch und gesund aussah, dass er dem tod wohl noch zwanzig Jahre Trotz bieten zu können schien. Man erkundigte sich nach der Krankheit, die ihn mit einem so nahen tod bedrohte. "Gestern", antwortete er, "hab ich mir mit dem Federmesser eine so tödliche Wunde gemacht, dass ich wegen der gefährlichen Folgen keinen Augenblick ruhig sein kann. Der Schnitt schmerzte mich entsetzlich: es wollte nicht bluten, und das ist immer eine schlimme Anzeige. Wenn nun gar eine Entzündung dazu schlüge, und aus der Entzündung würde der kalte Brand, und der kalte Brand träfe die Eingeweide: da wär ich ja den Augenblick ohne alle Umstände tot." – Weil Herrmanns Freund mit der Gewohnheit des Verwundeten, seine körperlichen Leiden zu vergrössern, bekannt war, drang er in ihn, seine Wunde zu zeigen: der Mann ging ausserordentlich schwer daran und wikkelte nach vielen schmerzlichen Bewegungen und langen Zurüstungen ein grosses Stück Leinwand von dem Finger: die ganze Gesellschaft untersuchte ihn an allen Seiten und konnte ohne Mikroskop schlechterdings keine Wunde entdecken. Der Verwundete, der mit beständigem Zittern fürchtete, dass man sie zu stark berühren werde, bezeugte eine sonderbare Verlegenheit, als man nirgends eine Wunde entdecken wollte: endlich besann er sich, dass es der Zeigefinger war, an welchem man auch einen kleinen unbedeutenden Schnitt fand: der gute Mann hatte sich den unrechten Finger verbunden und sich den unrechten Finger schmerzen lassen.
"Kleinigkeit!" rief der Herr von der stube, "die ganze vorige Woche hab ich meine linke Hand nicht brauchen können: ich fürchtete mich, sie nur zu berühren."
"Und warum?" fragte jemand.
"Sie war in einer Nacht so weich geworden, dass ich alle Augenblicke glaubte, sie würde zerfliessen: wie eine Gallerte! und so leicht, dass ich kaum fühlte, ob ich eine Hand hatte." –
"Und wie ist sie denn wieder hart geworden?" –
"Von sich selbst in einer Nacht! Da ich des Morgens aufstehe, ist meine Hand wieder so fest und brauchbar wie die rechte."
"Possen!" fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. "Das ist Einbildung gewesen: aber lassen Sie sich einmal eine Historie von mir erzählen, wobei Ihnen die Haare zu Berge stehen sollen! Am dritten heiligen Osterfeiertage vor dem Jahre – was meinen Sie wohl? –, da sitz ich unter den Linden – es war gerade ein gar allerliebster Tag –, da sitz ich unter den Linden und – was meinen Sie wohl? – da fällt mir etwas von dem Baume über mir gerade in den Mund hinein, und eh' ich mich's versehe, ist es hinuntergeschluckt. Nun stellen Sie sich einmal die Angst vor, was das alles gewesen sein konnte! Vielleicht ein Stückchen Holz voll von giltigem Tau, wie er in dieser Jahreszeit häufig fällt? Es konnte auch ein Stückchen Glas sein, das mit die Eingeweide zerschnitt