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wie Herrmann.

Welch nagender Kummer, nicht zu wissen, wo sie ist, die man liebt! Tausend Gefahren und Widerwärtigkeiten sich als möglich zu denken, unter welchen sie vielleicht schmachtet, und dabei sich den Vorwurf machen zu müssen: Du warst es, der sie durch eine Unbesonnenheit aus ihrer Ruhe auf ein Meer von Kümmernissen hinaustrieb! – Unendlichemal sagte sich Herrmann dies in einem Tage und bereute, dass er eine Liebe nährte, die der Himmel selbst nicht billigen müsste, weil er sie so vielfältig hinderte.

Seine Leiden machten ihn stumm und äusserst traurig: er sprach an dem öffentlichen Tische, wo er speiste, beinahe kein Wort, ass wenig und wusste selten, was er genoss: sein gewöhnlicher Nachbar hielt es ebenso; und deswegen vertrugen sich diese beiden Leute so vortrefflich miteinander, dass sich allmählich eine Sympatie zwischen ihnen entspann. Die leidende, verzerrte Miene des Mannes, sein hagres, fast verdorrtes Gesicht, sein in sich gezognes, menschenhassendes Betragen, seine Zerstreuung zog sehr bald Herrmanns Aufmerksamkeit auf sich: er liebte ihn, weil er auch zu leiden schien. Wenn einer den Tisch verliess, verliess ihn auch der andre: als wenn sie ein geheimer Zug lenkte, gingen sie nebeneinander spazieren, ohne es meistenteils selbst zu wissen, redeten nicht vielmehr als bei Tische, höchstens alle fünf Minuten ein paar Worte: der eine richtete seinen gang, vielleicht ohne daran zu denken, in einen Garten; ungefragt und ohne Widerspruch folgte der andre ihm nach: sie setzten sich in eine Laube, eine schattichte Allee; der eine stunde vielleicht auf und ging nach haus, der andre vermisste ihn nicht, als bis er selbst gehen wollte. Gerieten sie in einen Kaffeegarten, so foderten sie Kaffee, vergassen ihn zu trinken und schmälten, wenn sie endlich einmal einschenkten, dass man ihnen so kalten Kaffee vorsetzte. Die Bekanntschaft wuchs so schnell zur Freundschaft empor, dass sie sich mit vieler Treuherzigkeit Besuche versprachen, zuweilen gaben und alsdann die Stunden mit nichts hinbrachten, als dass sie nebeneinander träumten. Nachdem sie schon einige Wochen einander alle Tage gesehen hatten, machte Herrmanns neuer Freund die Bemerkung, dass er ihm heute nicht so aufgeräumt wie sonst vorkomme, obgleich Herrmann vorher während ihrer ganzen Bekanntschaft so traurig gewesen war wie jetzt. – "Ist Ihnen etwas Widriges begegnet?" setzte der Hypochondrist hinzu. – "Ach Freund!" antwortete Herrmann, "ich bedarf keines neuen Unglücks zur Traurigkeit: ich muss der Freude sehr jung entsagen."

Der Hypochondrist. Ich bin auch heute nicht halb so lustig wie sonst. Die starke Hitze schlägt allen meinen Mut nieder.

Herrmann. O es ist kühl, rauh, wie im Herbst: man friert.

Der Hypochondrist. Meinen Sie? – Ja, Sie haben wirklich recht: es ist sehr kalt: ich werde meinen Pelz umnehmen. –

Er nahm ihn um: über eine Weile schüttelte er sich, als wenn er vor Frost schauderte. – "Es ist gewaltig kalt", sprach er, "dass ich einheizen lassen muss." – Er gab Befehl dazu; und der Mann, der vorher sich einbildete, vor Hitze zu ersticken, bildete sich jetzt ein, vor Frost zu vergehen, und stellte sich im Pelze an den glühenden Ofen.

Auf einmal fing er an: "Es ist Ihnen ganz entsetzlich warm."

Herrmann. Ich sitze hier am offnen Fenster: ich kann nicht darüber klagen.

Der Hypochondrist. Ihnen wäre nicht warm? Sie keuchen ja vor Hitze.

Herrmann. Wenn meinem herz so wohl wäre wie dem Körper!

Der Hypochondrist. Ich weiss nicht, wozu Sie es leugnen: der Schweiss läuft Ihnen ja am kopf herein.

Herrmann. Mir nicht, aber Ihnen! Sie schwitzen und glühen wie ein Backofen.

Der Hypochondrist. Meinen Sie? – Ja, es kann wohl sein. – Oh, es ist mir übernatürlich warm: der Pelz brennt wie die Hölleah, ich möchte verschmachten. –

Hastig warf er den Pelz von sich, das Kleid hinterdrein und zog das leichteste, dünnste Negligé an. Er ging stillschweigend in der stube herum. "Warum sind Sie denn so still?" fragte er.

Herrmann. Lieber Freund, meine Seele ist so voll, dass die Zunge nicht reden kann. Sprechen Sie! Zerstreuen Sie meine düstern Empfindungen!

Der Hypochondrist. rede ich denn nicht? – Ich dächte, ich hätte den Mund nicht zugetan.

Herrmann. Kaum funfzig Worte haben Sie gesprochen, solang ich hier bin.

Der Hypochondrist. Das wundert mich; aber es ist möglich: ich fühl es selbst, dass ich heute nicht halb so munter bin wie sonst. Kommen Sie! wir wollen den Magisterwie heisst er doch? –, Sie werden's schon erfahren; er ist mein sehr guter Freund und wird uns gewiss aufheitern. –

Sie begaben sich zu dem Magister und fanden ihn in einem so tollen Anzuge, dass sich Herrmann, seiner übeln Laune ungeachtet, des Lachens kaum entalten konnte. Ein kleines Männchen, einen Tressenhut nebst einer Haarbeutelperücke auf dem kopf, den buntgestreifichten Schlafrock mit einem braunledernen Degengehenke zusammengeschnallt und aufgeschürzt, wie die Bauermädchen die Röcke aufgürten, in blossen Füssen und grossen wollnen Socken: in dieser grotesken Kleidung wandelte er gravitätisch die enge beräucherte stube auf und nieder, ohne sich durch den Besuch von seiner Richtungslinie abbringen zu lassen. Kaum hatte Herrmann den Mund geöffnet, um ihn zu