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verstunden seine gutgemeinte Herzhaftigkeit so übel, dass sie mit geballten Fäusten auf ihn hereinstürzten und das arme geschöpf zu zermalmen drohten. Mit Mühe konnte ihn Herrmann nebst der übrigen Gesellschaft von ihrer Wut retten: er floh ins weite Feld hinaus, und die Trunknen wurden von einigen weniger Trunknen zum Glase zurückgeholt. Kaum war der Wagen wieder in Bewegung, so kam er von der Flucht zurück, hielt als Herrmanns Begleiter seinen Einzug in Leipzig und liess wie ein Pudel Tag und Nacht nicht von ihm ab, ass fleissig, wo er nur etwas erwischen konnte, und gehorchte auf den Wink.

Neunter teil

Erstes Kapitel

Dass Herrmann, voll guter Ahndungen, nicht lange zögerte, Vignalis Brief abzugeben, lehrt die Sache selbst: aber wie scheiterten die guten Ahndungen so plötzlich! Madam Lafosse hatte noch vor ein paar Wochen in dem haus gewohnt, welches die Aufschrift des Briefes anzeigte, und war gegenwärtig gar nicht mehr in Leipzig. Warum? "Weil sie einem Handschuhmacher aus Dresden nachsetzte, der sich mit ihr in der Ostermesse versprochen hatte und nicht Wort halten wollte", berichtete der Hausknecht und setzte hinzu, dass sie ihre stube aufgegeben habe und vermutlich nur in den Messen Leipzig besuchen werde.

Also war dem armen Herrmann auch das bisschen Trost geraubt? – Nicht eine Stütze, nicht ein Schatten, nicht eine Illusion blieb ihm übrig: sein trauriges Schicksal lag so schwer auf ihm, dass er unter dem gewaltigen Drucke weder dachte noch fühlte. Er öffnete Vignalis Brief, verstund ihn in der Niedergeschlagenheit kaum und las ihn wohl zwanzigmal, ehe er den Inhalt glaubte, als er darinne den Auftrag an Madam Lafosse fand, den Überbringer desselben anzuhalten und ihm allen möglichen Vorschub zu tun, dass er sich auf einem dorf in der Stille mit dem Frauenzimmer trauen liesse, das entweder in seiner Gesellschaft oder nicht lange nach ihm mit einem Briefe von Vignali ankommen werde; als er darinne fand, dass Vignali sich zur Tragung der Unkosten erbot und ihre Freundin recht inständig bat, die Sache mit ihrer gewöhnlichen Klugheit zu betreiben und sosehr als möglich zu beschleunigen: zugleich wurde sie auf den Brief verwiesen, den Ulrike mit sich bringen werde, um den ganzen Plan zur Ausführung zu erfahren.

Wie unglücklich war er nun vollends! Der Brief lehrte ihn, dass ihm der Zufall sein Glück unter den Händen wegnahm: gleichwohl war er auf der andern Seite nunmehr insofern besser daran, dass er sich mit einem Schimmer von Hoffnung täuschen konnte. Ulrike musste also, nach Vignalis Briefe zu urteilen, nicht mehr in Berlin seinschon eine Beruhigung! Sie musste entweder schon in Leipzig sich befinden oder doch bald eintreffen: wie leicht war es, sie aufzusuchen, Vignalis vorgeschlagnen Plan aus ihrem Briefe zu erfahren und ihn ohne Beihülfe der Madam Lafosse auszuführen? – Aber er hatte sich vorgenommen, nicht eher wieder vor ihr zu erscheinen, als bis er ihr einen sichern Unterhalt anbieten könnte! – Er schwankte lange, ob er seinem Vorsatze treu bleiben sollte, erkannte ihn für Übereilung in den ersten Augenblicken der Reue, glaubte, dass es für ihn und Ulriken zuträglicher sei, sie zu heiraten, um sie nicht den Nachstellungen und der Rachsucht ihres Onkels aufzuopfern: – aber wo und wovon sollten sie zusammen leben? – 'Von der Arbeit!' sagte er sich. 'Sie mag nähen, stricken, waschen: ich will in einer Handlung oder bei einem Advokaten Arbeit suchen.' – Wie gesagt, so beschlossen; wie beschlossen, so getan: er bestellte in der gewesenen wohnung der Madam Lafosse, dass man ein junges Frauenzimmer, wenn sie nach dieser Frau fragte, in seinen Gastof weisen sollte.

Er für seinen teil liess es unterdessen nicht an

Mühe fehlen, sie zu treffen: vom frühen Morgen bis zum Abend wanderte er auf den Strassen, auf dem Wege, wo die Berliner Post herkommen musste, unermüdlich herum, stellte auch eine Anweisung im Postause aus: da war keine Ulrike! da kam keine Ulrike!

Er durchstrich an den volkreichsten Tagen und

Stunden den Spaziergang ums Tor, sah geputzte Damen und Herren, die in einem kleinen Bezirke drängend durcheinander herumkrabbelten, alle etwas suchten und zum teil zu finden schienen. Gähnende Damengesichter, von der Langeweile auf beiden Seiten begleitet, suchten den Zeitvertreib, und rechnende Matematiker suchten zu der Grösse ihres Kopfputzes und ihrer Füsse die mittlere Proportionalzahl oder suchten in den Garnierungen ihrer Kleider Parallelopipeda, Trapezia, Würfel und Kegel, schöne Mädchen und Weiber suchten Bewunderer ihrer Reize und funfzigjährige Magistri Bewunderer ihres Schmutzes; Doktores juris à quatre epingles suchten die Jurisprudenz und veraltete Koketten die Jugend; junge Anfängerinnen suchten die ersten Liebhaber und junge Dozenten die ersten Zuhörer, Scheinheilige suchten Sünden und Ärgernisse, um sie auszubreiten; Moralisten suchten Laster und Torheiten, um dawider zu eifern, und Kennerinnen des Putzes suchten Sünden des Anzugs, um darüber zu spotten: ein jedes suchte die Gesichter der andern, ein jedes in den Gesichtern der andern Zeitvertreib, und ein grosser teil des Geländers war mit lebendigen Personen verziert, die mit stieren Augen die übrigen alle suchten, um sich auf ihre Unkosten zu belustigen. Aus dieser suchenden Gesellschaft drängte sich Herrmann in den grösseren, verachteten teil der Promenade: hier suchte ein tiefsinniger Philosoph mit gesenktem haupt und wackelndem Schritte die Monaden mit dem Stocke im Sande, ein denkender Kaufmann suchte Geld für verfallene Wechsel, ein Almanachsdichter Gedanken für seine Reime und ein bleicher Hypochondrist das Vergnügen in der Luft; und alle suchten vergebens