halben Talerstücke gewahr wurde, legte er sie auf Herrmanns Tisch. "Mein Säckel ist ledig", sagte er äusserst zufrieden und wickelte das Beutelchen zusammen: Herrmann nötigte ihn, das Geld zurückzunehmen, allein er verlangte, dass er es tragen möchte, da sie doch miteinandergingen. Der Bursch in einem kurzen, blauen Jäckchen und einer Pelzmütze, ob es gleich mitten im Sommer war, barfuss, Schuh und Strümpfe unter dem arme, setzte sich ohne Bedenken auf den Wagen und fuhr davon, ohne zu wissen wohin.
In Beeliz hielt es Herrmann für ökonomischer, die ordentliche Post zu erwarten, und verkündigte seinem Pommer, dass er ihm keinen Platz werde verschaffen können. "So geh ich zu fuss nebenher", sprach der Junge, mit allem zufrieden, wenn er sich nur nicht von ihm trennen durfte. Ulrike kam erst in der Dunkelheit an, schlich hurtig und ungesehen in ein Stübchen und verschloss sich. Ihr Fuhrmann war nur bis dahin gedungen: zur Extrapost schien ihr kleiner Geldvorrat nicht hinlänglich: sie entschloss sich also auch zur ordentlichen; allein da man ihr berichtete, dass unten auch ein Herr auf die Post wartete, und da sie aus der Beschreibung Herrmannen erkannte, den sie schon wieder abgereist glaubte, verschob sie ihre Entschliessung und blieb nach langem Wanken bis zum folgenden Posttage hier: nach seinem letzten Billett besorgte sie, ihn zu beleidigen, wenn sie ihn plötzlich auf dem Postwagen mit ihrer Gegenwart überraschte. 'Finden wir doch einander gewiss bei Madam Lafosse', dachte sie freudig und liess ihn reisen. Herrmann merkte abermals nicht, dass er eine Nacht und einen Tag in einem wirtshaus mit ihr zubrachte: er setzte seinen Weg fort, sein getreuer Pommer zu Fuss nebenher: der Bube war durch eiserne Banden an ihn geknüpft und hätte auf dem nächsten dorf vor Leipzig beinahe die Freundschaft mit seinem Blute besiegelt.
Ein Schwarm berauschter Musensöhne focht hier einen alten Groll aus, einen vieljährigen Zwist mit den Gesellen verschiedener Zünfte, der schon bei mancher Dorflustigkeit die schmutzigen Dielen mit Blute gefärbt hatte, wenn es auch nur blutende Nasen waren: an diesem Tage war ein entscheidendes Treffen geliefert worden. Die schlauen Zünftler, die es vermuteten, versammelten sich sehr früh und zahlreich und nahmen mit ihren Nymphen den Tanzplatz ein: nicht lange darauf langten die Vortruppen der akademischen Armee an und suchten durch feine Nekkereien den ruhenden Zwist in Bewegung zu setzen: ihre gelehrten Hälse ertönten von platten Schimpfwörtern, ihre Ellenbogen bestürmten die Flanken der friedfertigen Handwerker: noch immer wollte der Streit nicht Feuer fangen. Endlich versuchten die Angreifer das letzte gewaltsame Mittel: sie begingen einen Sabinerraub, entführten den Zünftlern ihre Schönen, eroberten den Tanzplatz und tummelten sich mit ihnen in fröhlichen, triumphierenden Schwenkungen herum. Gelassen ertrug lange das feindliche Chor Unrecht und Hohn und regte sich nur durch leises Murmeln dagegen; doch jetzt konnten sie länger nicht: patetisch trat ein Schneidergesell, ein grosser Redner, der bei den hohen Festtagen seiner Zunft schon manchen Lorbeer durch seine Beredsamkeit errungen hatte, ein zweiter Demosten, mit edlem Anstande hervor, erzählte Punkt für Punkt mit fruchtbarer Kürze die Beschwerden seines Ordens und bat – doch ohne seiner eignen Ehre etwas zu vergeben – um Einstellung der Feindseligkeiten: wider alles Völkerrecht verachteten die Söhne der Musen seine gesandtschaftliche Würde, höhnten den Redner und prellten ihn mit einem unvermuteten Kniestosse, dass er stotternd in die arme seiner Kameraden zurücktaumelte. Über eine so offenbare Beleidigung der geheiligten Gesandtschaftsrechte schwoll allen die Galle empor, schwarze Wut sprach aus den braunen Gesichtern, Rachsucht blitzte aus den wässrigen Augen, und die hände ergriffen die Waffen: sie verschwuren sich, einen solchen Schimpf mit akademischem Blute auszulöschen. Mutig brachen sie auf die schwächeren Feinde los, doch kaum fiel der erste Schlag auf sie herab, so stürzte sich die ganze Hauptarmee der Musensöhne mit blinkenden Degen und knotichten Prügeln herein, sie schwangen unter kriegerischem Jauchzen die Waffen hoch in die Luft und liessen einen Platzregen von Wunden auf die Köpfe der umzingelten Feinde herabfallen, die bald der eindringenden Macht weichen mussten: hier lag einer und glaubte sich tot; dort untersuchte ein andrer seinen Kopf, ob er noch festsitze; ein dritter kroch krächzend und hustend unter den schwerausgeholten Hieben hindurch; wimmernde Mädchen weinten um ihre zerprügelten Liebhaber; andere wuschen den ihrigen den Heldenschweiss und die blutigen Wunden; einige heroische Nymphen wagten sich sogar in den Streit, um ihre Seladons anzufrischen oder aus dem Gedränge herauszureissen, und wurden so tief in das Getümmel verwickelt, dass ihre goldnen Häubchen über die Haufen der Geschlagnen dahinrollten und ihre glattgeschnürten Leiber über ihre Freunde herpurzelten. Der Sieg war so unzweifelhaft, dass die Zünftler um Frieden baten und voll Beulen und Wunden das Feld räumten. Die Sieger trugen Tisch und Stühle in die freie Luft und besangen hier bei dem vollen Glase mit lauten Jubelliedern die grossen Heldentaten des Tages. Dem Landesvater zu Ehren stachen die patriotische Löcher in die Hüte und vertranken die lang erwarteten Wechsel zur Erhaltung der akademischen Freiheit.
In diesem Zeitpunkt des Triumphs und des Jubels langte Herrmanns getreuer Pommer neben dem Postwagen an: man hielt, weil der Postknecht Geschäfte im wirtshaus hatte. Einige unter den Triumphierenden, von Sieg und Biere trunken, nahten sich den Pferden, um die armen, müden Tiere die Ausgelassenheit ihrer Freude empfinden zu lassen. Der kleine Pommer, dem dieser Wagen mit allem Zubehör so nahe wie sein Leben anging, weil Herrmann auf ihm fuhr, hatte das Herz, ihn wider die Anfälle der Betrunknen zu verteidigen: sie