wird doch wohl nicht zaudern, einem unschuldigen Mädchen wiederzugeben, was er ihr genommen hat?'
Er reiste in aller Frühe ab und glaubte Ulriken noch im haus, und sein Herz wurde deswegen so viel schwerer, als das ihrige durch Vignalis tröstende Vorspiegelungen leichter geworden war: er verliess, nach seiner Meinung, sein Liebstes im haus des Vergnügens und der Gefahr. Erst unterwegs, da sich das Gewühl seiner schmerzhaften Empfindungen ein wenig zerstreute, überlegte er sich Vignalis Ermahnungen, seiner Pflicht gegen Ulriken nicht zu vergessen und sich von Madam Lafosse belehren zu lassen, wie er sie erfüllen sollte: er schloss daraus, dass er sie dort finden oder von dieser Frau erfahren werde, wo sie ihn erwarte: Vignalis letzte Güte brachte ihn in seinen guten Mutmassungen so weit, dass er gar Veranstaltungen zu seiner Verbindung mit Ulriken argwohnte; und er freute sich schon halb über die Nähe seines Glücks, allein der traurige Gedanke, 'wovon soll ich mit ihr leben?' tötete seine Freude wie ein giftiger Mehltau. Ohne zu wissen, was er wünschen, hoffen und tun sollte, langte er in Zehlendorf an.
Ulrike hatte auf Vignalis Veranstaltung den nämlichen Weg genommen, war wirklich schon im wirtshaus, als Herrmann abstieg, und rettete sich bei seiner unvermuteten Erblickung durch die Flucht, liess sich ein Stübchen allein geben und verschloss sich. Die guten Kinder hatten beide Vignalis Vertröstung, dass Madam Lafosse ihre Verheiratung besorgen sollte, angehört, ohne in der Verwirrung zu bedenken, dass sie also einen Weg nehmen müssten: Ulrike hätte sich durch alle Reichtümer der Welt nicht bewegen lassen, sich ihm zu zeigen, und tröstete sich dafür mit der gewissen Hoffnung, ihn in Leipzig wiederzufinden, um durch Madam Lafosse mit ihm vereinigt zu werden: die süsse Erwartung zerstreute fast ihren ganzen Kummer.
Herrmann, ohne zu vermuten, dass ihn nur eine Leimendecke von Ulriken schied, überliess sich finstern Gedanken und zweifelhaften Hoffnungen, frühstückte wenig und sass mit der traurigsten Melancholie im Winkel. Ihm gegenüber Befand sich an einem kleinen Tischchen voller Viktualien ein kleiner, dicker, runder Pommer, der sich mit stiller Selbstgelassenheit von dem reichlich aufgetragenen Vorrate nährte: mit ernster Bedachtsamkeit steckte er jede Minute einen Bissen in den Mund, seufzte vor Sättigung und fuhr immer in gleichem Takte zu essen fort. Herrmann hatte ihn bei dem Hereintritte in der Zerstreuung gar nicht wahrgenommen und bemerkte ihn auch nicht, da er ihm gegenübersass, weil sich an der dickgestopften Figur kein Glied regte als der Arm, wenn er den Lippen einen neuen Bissen überlieferte. Herrmann dachte über die Unmöglichkeit, Ulrikens Ehre zu retten, bei sich nach, glaubte, allein zu sein, und fuhr in der Düsternheit seiner Träumerei auf: "O Gott! Stehe mir bei! Was soll ich anfangen?" – Indem er es sagte, ging er in dem Stübchen auf und nieder, stunde still, vor sich hinsehend – auf einmal zupfte ihn jemand etlichemal am Ärmel; er blickte um sich, und siehe! Da stunde der kleine, dicke, runde Pommer mit dem originalsten gesicht voll treuherziger Einfalt, ein kleines ledernes Beutelchen in der Hand, das er mit ganzer Seele darbot. Der guterzige Junge kannte aus eigner Erfahrung keine andre Not als Geldmangel und bildete sich also ein, als Herrmann mit gerungnen Händen seine Ausrufung tat, dass es ihm an Barschaft fehle, besonders da er sich ein so elendes Frühstück geben liess. – "Ich habe noch acht Groschen", sagte er, indem er das Beutelchen darreichte, "da! Ich will mit Ihm teilen." – Herrmann musste erst einige fragen tun, un hinter die Veranlassung einer so originalen Dienstfertigkeit zu kommen, und ward so entzückt von ihr, dass er den Jungen in die arme drückte und die angebotnen vier Groschen aus dem Beutelchen nahm: der Bube verliess Umarmung und Beutelchen und kehrte, um nichts zu versäumen, zum Essen zurück. In der Zwischenzeit steckte ihm Herrmann statt der vier Groschen zwei preussische halbe Taler hinein und gab es mit feurigem Danke zurück – "Es will nicht viel sagen", sprach der Bube in seiner platten Sprache, "steck Er mir nur das Säckel in die Fikke!" – Herrmann tat es, und sein Wohltäter schmauste ungehindert fort.
"Wo willst du hin?" fragte Herrmann.
Der Pommer. In die Fremde.
Herrmann. Mit vier Groschen?
Der Pommer. Die Leute werden mir ja geben, wenn's alle ist.
Herrmann. Du guter Junge! aus welcher Welt kömmst du?
Der Pommer. Aus Pommern.
Herrmann. O so gehe den Augenblick wieder nach haus, wenn die Menschen dort so gut sind, wie du sie in der Fremde erwartest! Warum bliebst du nicht zu haus?
Der Pommer. Vater ist zu böse; er schlägt mich.
Herrmann. Was willst du aber in der Fremde anfangen?
Der Pommer. Was der liebe Gott beschert.
Herrmann. O du weiser Pommer! komm mit mir! du sollst mich lehren, wie man mit vier Groschen ohne Sorgen durch die Welt kommt. –
"Das kann ich wohl!" antwortete der Bube und nahm die Partie an. Er ruhte nicht, bis das ganze aufgetragne Frühstück verzehrt war, und dehnte sich ächzend, nachdem er das Messer eingesteckt hatte, als wenn er sich von einer schweren Arbeit erholen wollte. Die Bezahlung des Frühstücks nahm gerade sein übriges Vermögen hin: da er bei dieser gelegenheit die zwei