mund ist sie mir verhasst.
Vignali. Schmähe mich und meine Liebe! und bei aller Undankbarkeit sollst du sie doch empfinden, erkennen und dich schämen. Du kannst ungehindert mein Haus verlassen: durch meine hülfe sollst du der Nachstellung des Grafen entfliehen.
Herrmann. Ihre hülfe kommt zu spät: meine Abreise war heute früh beschlossen.
Vignali. Und ich will den Entschluss nicht hindern.
Herrmann. Hindern Sie ihn, damit ich keine Verbindlichkeit gegen Sie mit mir hinwegnehme. – O dass ich jemals eine von Ihnen empfing! Sie haben den Frieden aus meiner Seele gescheucht und sie mit ewigem Kriege erfüllt. – Vignali! Vignali! die Rechnung Ihrer Sünden ist während meines Aufentalts bei Ihnen stark angewachsen: wenn einst so viel Strafen auf Sie warten –
Vignali. Wir wollen nicht in den erbaulichen Ton fallen. – Ich liebte in Ihnen einen Unwürdigen, der für meinen Zorn zu klein ist.
Herrmann. Und ich liebte in Ihnen eine Falsche, eine Verführerin –
Vignali. Stille! Wir wollen uns nicht schimpfen, sondern auf eine anständige Art brechen. – Reisen Sie glücklich und vergessen Sie Vignali nicht!
Herrmann. Ja, um ihr zu fluchen.
Vignali. Und ich will mich Ihrer erinnern, um Ihnen zu verzeihen.
Hermann. Das tu ich Ihnen jetzt. –
Vignali ging voller Unmut hinweg, dass er ihre verstellte Grossmut überbot. Um nicht den Anschein zu haben, als ob sie im Zanke mit ihm gebrochen habe, und vielleicht auch aus einem Rest von Liebe schickte sie ihm des Nachmittags zehn Louisdor Reisegeld, meldete ihm in einem sehr höflichem Billett, dass sie auf morgen früh Post für ihn habe bestellen lassen, und wünschte, dass er im stillen, ohne Abschied zu nehmen, abreisen möchte. Herrmann wurde bei allem Unwillen wider sie, der ohne ihre vormittägigen Vorwürfe nicht ausgebrochen wäre, durch so viele Güte empfindlich gerührt und sah mit Beschämung, dass sie grossmütiger handelte, als er nach seiner itzigen Vorstellung verdiente: er verachtete sich selbst als einen Unwürdigen, der sich von Zorn und Unmut zur Undankbarkeit hinreissen liess, dankte seiner grossmütigen Freundin, wie er jetzt Vignali nannte, schriftlich für die gegenwärtige Verbindlichkeit und für alle vergangne, empfahl ihr Ulriken auf das angelegenste und bat, sie vor den Nachstellungen ihres Onkels zu sichern, bis ihm sein Schmerz und bessere Umstände erlaubten, sich ihrer anzunehmen.
Vignali hatte vor Freuden, sich an den beiden Verliebten gerächt und von einer gefährlichen Nebenbuhlerin so schnell erlöst zu sehen, wirklich die gutgemeinte Absicht, sie beide auf der ersten Station zusammenzubringen, als ob es vom Zufalle geschähe, und riet deswegen Ulriken, in der Nacht heimlich mit einem für sie bestellten Fuhrmanne abzufahren, und gab ihr einen Brief nach Leipzig an eine Freundin, die vor einem paar Jahren ihr Mädchen gewesen war, wegen einer Ungelegenheit Berlin verlassen hatte, jetzt als Putzmacherin in Leipzig lebte und noch mancherlei Aufträge für ihre ehemalige herrschaft besorgen musste: diese Umstände erfuhr freilich Ulrike nicht, sondern wurde bloss versichert, dass es eine sehr gute Frau sei, die ihr auf Vignalis Verlangen allen möglichen Beistand angedeihen lassen werde. Die niedergeschlagne Ulrike fasste wieder einiges Zutrauen zu Vignali, da sie so lebhaft für ihre Entfliehung aus der Gefahr sorgte, und nahm den Vorschlag mit Vergnügen an, um nur nicht in die hände ihres Onkels zu geraten. – "Bleiben Sie bei dieser Frau", setzte Vignali hinzu, "bis Sie Herrmann abholt: ich habe meiner Freundin den Auftrag gegeben, dafür zu sorgen, dass Sie mit ihm auf einem dorf getraut werden und von dem wenigen, was Sie beide haben, so lange dort leben, bis sich eine gelegenheit zu Ihrem Unterkommen zeigt; denn nunmehr ist doch wahrhaftig nichts Besseres für Sie zu tun, als dass Sie sich von einem schwarzröckichten mann zusammenbinden lassen. Vergessen Sie die Baronesse und werden Sie beizeiten Madam Herrmann, damit nicht ein Monsieur Herrmann – was weinen Sie denn nun gleich wieder? Geschehen ist geschehen. liebes Kind! wenn jede so viel weinen wollte wie Sie, so wären wir nicht vor einer zweiten Sündflut sicher. Mut gefasst! Lafosse, an die ich Sie empfehle, wird Ihnen mit Ehren unter die Haube helfen; und dann sorgen Sie weiter für sich! Wenn Sie ein Anliegen haben und ich kann Ihnen dienen, so wenden Sie sich dreist an mich!"
Ulrike hielt diese Sprache ganz für Güte, da sie es doch höchstens nur zur kleinsten Hälfte und die grösste eigenes Interesse war: sie bat Vignali wegen ihres Misstrauens um Verzeihung und glaubte im ersten Anfalle der Dankbarkeit, dass die Frau wirklich besser sei, als sie ihr geschienen habe. Der Abschied war auf beiden Seiten rührend und zärtlich, und des Nachts ging die Reise fort. Das verliebte Mädchen war durch die Aussicht auf eine nahe Verbindung wieder so leidlich aufgeheitert worden, dass sie nur mit halber Betrübnis an ihren Fall zurückdachte.
Auch Herrmann, der von allem diesen nichts erfuhr, empfing einen Brief an Madam Lafosse, doch ohne von seiner nahen Trauung unterrichtet zu werden, sondern Vignali setzte bloss in ihrem Billett die Worte hinzu: – 'Lassen Sie sich nicht durch falsche Scham, wie Sie bereits geäussert haben, abhalten, Ihre Pflicht gegen Ulriken zu tun! Wenn Sie dies nach dem, was gestern zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, nicht verstehn, so wird Ihnen Madam Lafosse auf meinen Befehl sagen, was Sie zu tun haben. Ein Mensch von so vielen grundsätzen wie Sie