Nacht kommt und kein Mensch mehr zusieht – hurtig werden die Stelzen weggeworfen; und die tugendbelobte Dame schläft ganz natürlich bei dem Liebhaber –
Ulrike. Ich bitte Sie, Vignali, verlassen Sie mich! Mein Kummer quält mich genug: warum wollen Sie noch mein zweiter Henker sein?
Vignali. Weil ich mich ganz unendlich über Ihre Demütigung freue: ich frohlocke, dass Sie Ihren Stolz selbst gestraft haben. – Elendes geschöpf, verachte eine Vignali! erhebe dich mit deiner Tugend über sie! Ist sie noch die Hure, wie du sie einmal nanntest?
Ulrike. Das ist sie! und ich verachte die schnöde Spötterin, die so triumphieren kann.
Vignali. Verachtung ist mir nicht genug: fürchten sollst du mich. – Hier lies! und dann rate dir! –
Sie gab ihr den Brief des Grafen Ohlau, den sie jüngst dem Herrn von Troppau abschwatzte. Ulrike las mit Zittern den heftigen Brief, worinne ihr Onkel inständigst bat, sie einsperren zu lassen, bis sie zu ihrer Bestrafung abgeholt werden könnte. Sie sank todblass auf den Stuhl hin und bebte mit fieberhaften Verzuckungen.
Vignali. Erkennst du nun, dass du in der Gewalt der Frau bist, die du verachtest? – Vignali darf nur ein Wort sprechen, so ist deine Tür mit Wache besetzt – nur ein Wort sprechen, so wirst du in eine Kutsche geladen und zu deinem Onkel gebracht, der dich einsperren und bei wasser und Brot deine Sünden bereuen lassen will: – aber ich will's nicht sprechen: ich will mich deiner erbarmen und den Untergang abwenden, den ich bisher durch meine Fürsprache bei dem Herrn von Troppau verschoben habe. Vignali wird dir deine Verachtung mit Grossmut vergelten und dir fortelfen: verlass heute oder morgen heimlich deinen Platz und dies Haus! Du sollst entwischen, ohne dass ich's sehe. – Verachte nun die stolze Vignali und fliehe! –
Sie sprach dies mit einem unaussprechlichen Stolze, warf den verachtendsten blick auf sie und begab sich hinweg. Das arme Mädchen konnte weder stehen noch sitzen: ihr Herz fasste ihre Leiden kaum.
Vignali drängte sich unmittelbar darauf in Herrmanns verschlossnes Zimmer mit dem Hauptschlüssel ein und trat mit schreckender, strafender Miene vor ihm hin. "Unglücklicher!" rief sie, "was hast du getan? die Unschuld betrogen! die Ehre eines schwachen Mädchens geraubt! O du verruchter Heuchler! warst du darum gegen meine Proben so standhaft, um das ärgste Bubenstück zu begehn? verschmähtest du darum meine Anerbietungen, um auf die Tugend einer unschuldigen Taube zu lauschen?"
Hermann. Vignali, Sie sind ein Teufel: erst reizen Sie zum Verbrechen, und dann quälen Sie den Verbrecher mit Vorwürfen.
Vignali. Ich möchte, dass ich einer wäre: es sollte mir eine Wonne sein, dich für deine Untat zu peinigen.
Herrmann. Sie tun es: aber fahren Sie fort! Eine Hölle voll Vignalis wäre noch nicht Strafe genug für mich. – Warum lachen Sie nicht über mich? Ihr Herz grinst doch vor Freuden, dass ich zum Verbrecher wurde: woher wüssten Sie es so schnell, wenn Ihnen nicht daran läge? – Ich bin's und triumphiere bei allen meinen Leiden, dass ich's nicht an Ihnen wurde: aber wisse, wollüstiges Weib! auf dein Haupt muss die Strafe meines Verbrechens doppelt fallen: du hast mich die Wollust gelehrt, du meine Begierden angeflammt, du Leidenschaften in mir aufgeregt und die Vernunft eingeschläfert, die vorher über sie wachte. Dein Werk ist es, Ungeheuer: geniesse deines Werks und freue dich, dass ich nicht besser bin als du!
Vignali. Elender! ist das die Sprache der Dankbarkeit, in welcher du mit mir sprechen musst?
Herrmann. Die Sprache des Hasses, des glühendsten Hasses, den du verdienst! Was prahlst du mit Wohltaten, die doch nur der Köder an der Angel sein sollten? Hast du nicht, mitten unter allen falschen verdammten Liebkosungen, in Vertraulichkeit an meinem Kummer gearbeitet? – denn wer anders als du kann meine und Ulrikens Briefe unterschlagen haben? Kein Mensch auf der Erde ist einer solchen Falschheit und Bosheit fähig wie Vignali: – Und nun soll der fisch es dem Fischer als eine Wohltat verdanken, dass er ihm einen Regenwurm an der Angel reichte?
Vignali. Herrmann, Sie werden mich zwingen, meinen ganzen Zorn über Sie auszuschütten –
Herrmann. Schütte ihn aus, Weib! Giesse deine ganze Galle über mich her, die du so lange zurückhieltest – den ganzen Groll, dass ich deine buhlerischen Foderungen ausschlug! Entlade dich deines Gifts, Viper!
Vignali. Weisst du, dass du in meiner Gewalt bist? dass ich nur einen Wink zu tun brauche, um dich auf Befehl des Grafen Ohlau gefangennehmen zu lassen?
Herrmann. Tun Sie den Wink! mir liegt fürwahr wenig daran, ob ich mich im Gefängnis oder in Freiheit quäle! – Ich bin ein Elender, aber kein Schwachkopf, der ein Märchen fürchtet.
Vignali. Da! lies das Märchen! –
Sie gab ihm den Brief des Grafen: er las ihn, erschrak und schleuderte ihn in den Winkel hin. – "Tun Sie, was Sie wollen!" setzte er trotzig hinzu.
"Verblendeter, jachzorniger Mensch!" sprach Vignali mit gezwungner Güte. "Glaubst du, dass ich eine solche Grausamkeit an dir begehen könnte? An dir, der meine ganze Liebe besass?"
Herrmann. Schweigen Sie von Liebe! In Ihrem