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vergiftet! – Aber schon verfolgt mich die Strafe: die Angst nagt wie ein Wurm in meinen Eingeweiden. – O wehe über mich Verbrecher!"

Ulrike weinte in tiefer Schwermut, und zwar am meisten über die fürchterlichen Folgen, die sich ihrer Einbildung in der schreckendsten Gestalt vormalten: sie jammerte wie eine Verlassne, die um ihre liebste Gespielin trauert, verzieh dem Unglücklichen, der sie tötete, und klagte nur sich und die Schwäche ihres Herzens an.

Herrmann hatte sich kaum von seinem Schmerze ein wenig ermannt, so schrieb er folgenden Brief an Ulriken.

'Wenn deine Augen, Ulrike, die Schrift eines Frevlers anzuschauen würdigen, der die schändlichste Untat an dir beging, so lies hier meine Reue und die Strafe, die sie mir auferlegt! Ich irre wie ein Mensch, der einen Mord begangen hat und jeden Augenblick fürchtet, entdeckt zu werden, voll Verzweiflung im Zimmer herum und kann mit Mühe meine Gedanken zu diesem Briefe sammeln.

Ich bin mir selbst ein Abscheu: meine eignen Gedanken sind mir verhasst; und wenn ich jemals meine Ruhe wiederfinde, kann es nur in einem Falle seinnur dann, wenn ich imstande bin, dir durch eine gesetzmässige Verbindung die Ehre wiederzugeben, die ich dir nahm. Bis dahin soll dich mein Auge nicht sehen, oder ich will verflucht sein: ich will mich aus deiner Gegenwart verbannen, Berlin morgen verlassen und dich nicht eher wieder an mich erinnern, als bis ich jene Bedingung erfüllen kann. Begünstigt das Glück meine Absicht nicht, soll deine Schande ausbrechen und laut wider ihren Urheber zeugen, dann sehen wir uns in diesem Leben nie wieder. Wohin ich gehen werde, weiss Gott; aber weit genug, um nie wieder ein Land zu betreten, wo ich mich mit der schwärzesten Schande brandmalte, dafür steh ich.

Lebe wohl, Ulrike, so glücklich, als die entweihte Unschuld leben kann! Ich kann dir keinen Trost geben; denn ich habe selbst keinen. Meine Leiden sind unzählbar wie deine Tränen. Vergiesse keine um mich! ich bin ihrer nicht wert, und wenn Unglück über Unglück auf mich herabstürzte.

O Liebe! wie bitter ist dein Kelch, wenn du ihn bis auf den Boden zu leeren gibst!'

Ohne sich zu unterschreiben, machte er das Blatt zusammen: da er wusste, dass man seine und Ulrikens Briefe während ihrer Uneinigkeit unterschlagen hatte, so traute er niemandem als der kleinen Karoline, welcher er an der Tür aufpasste; und als sie aus Vignalis Zimmer kam, rief er sie zu sich und bat sie heimlich, ihn sogleich zu bestellen. Das fräulein lief aus allen Kräften die Treppe hinauf und überlieferte ihn richtig: sie hatte von Vignali den Auftrag gehabt, sich bei Ulriken zu erkundigen, ob sie zu Tische kommen werde, und langte mit einem "Nein" die Minute drauf wieder bei ihr an. "Was macht sie?" fragte Vignali; und das gute Kind erzählte mit treuherziger Aufrichtigkeit, dass sie einen durch sie bestellten Brief lese. Statt des Botenlohns bekam sie einen Stoss, und Vignali eilte in einem Fluge zu Ulriken. Sie traf die arme Bekümmerte in Tränen bei Herrmanns Briefe an, den sie sogleich bei Erblickung einer so unwillkommnen Zeugin zusammendrückte und in den Busen steckte.

"Was lesen Sie da?" fing Vignali glühend an. Ulrike wollte ihr Weinen zurückhalten und schluchzte immer stärker, konnte weder reden noch die Augen aufschlagen.

"Zeigen Sie mir!" sprach die gebietrische Frau; und da Ulrike nicht gleich Anstalt dazu machte, fuhr sie ihr plötzlich mit der Hand in den Busen hinein und zog trotz alles Sträubens den Brief heraus. Ulrike warf sich mit dem kopf auf das Fensterbrett und verbarg ihr beträntes Gesicht in ihren Händen. Zum Unglück war der Brief deutsch, und Vignali rief also stehendes Fusses den Bedienten, der ihn, so gut er konnte, französisch verdolmetschte: so unvollkommen auch die Übersetzung war, so gab sie doch genug von dem Sinne wieder, um die Hauptsache zu verstehn. Vignali erhub das bitterste Gelächter, als sie so viel herausgebracht hatte, und der Dolmetscher stimmte mit ein. "Ich kondoliere", begann Vignali mit dem schadenfrohesten Spotte. "Ist die gute Tugend auch gestorben? Ei, Ei! Es war doch eine gar schöne Tugend. Heute Nacht ist wohl das Leichenbegängnis gewesen? – Und sie war doch so frisch und gesund! blühte wie eine Rose! Wie hinfällig doch eine Tugend istWeinen Sie, mein liebes Kind! weinen Sie um die Herzensfreundin! Einmal begraben, auf immer begraben! – Aber sagen Sie mir doch, wie hat denn die arme Tugend so plötzlich den Hals gebrochen? – Erzählen Sie mir doch!"

Ulrike fiel ihr um den Hals und flehte mit Tränen, ihre Leiden nicht durch einen so grausamen Spott zu verdoppeln.

"Was ist es denn nun weiter?" unterbrach sie Vignali lächelnd. "Wer wird sich denn bei einem so kleinen Unfalle so närrisch anstellen? Haben Sie nicht vor lauter Tugend und Unschuld die Liebe lange genug hungern lassen? – Mein Kind, an der Tugend zu sterben, muss ein sehr bittrer Tod sein."

Ulrike. Wenn man nicht besser denkt als Vignali.

Vignali. Wie denkst denn du, mein tugendhaftes Puppchen? – Du schreitest auf der Tugend wie auf Stelzen daher, siehst mit verächtlichem Stolze auf alle herab, die nur auf natürlichen Absätzen und nicht auf Stelzen gehen, und wenn die