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, deren Einbildung durch die Nachtszene mit seltsamen abenteuerlichen Bildern erfüllt wurde, wiederholte noch einmal weinend die Bitte, die sie schon bei dem ersten Niedersitzen an Herrmann getan hatte: ihr Herz schlug von einer bangen Ahndung, die er ihr durch die grössten Beteurungen nicht benehmen konnte; und ihm selbst flüsterte bei jeder neuen Beteurung eine geheime stimme zu: 'Du lügst!'

Sie traten nach langem Ausruhen eine neue Wanderung an, um sich vielleicht herauszufinden: aber da war keine andre Möglichkeit, als dass sie hier übernachteten: sie wurden einer Jägerhütte ansichtig, und Ulrike selbst bezeigte vor grosser Ermattung ein Verlangen, sie zum nächtlichen Aufentalte zu wählen. Herrmann untersuchte sie und bereitete ihr von den darinne liegenden Zweigen und Blättern ein Lager: vor Furcht konnte sie ihn nicht von sich lassen, und gleichwohl setzte sich eine ebenso grosse Furcht dawider, dass er an ihrem Lager teilnehmen sollte: sie überlegten, stritten und beratschlagten lange, teilten, schon in vertraulicher Nähe, das Lager und beratschlagten immer noch, wie sie es anfangen sollten, um es nicht zu tun. Ihre Beratschlagung verlor sich in Besorgnisse, ihre Besorgnisse in Empfindungen der Liebe, ihre Empfindungen in Liebkosungen, die Zärtlichkeiten stiegen zur Flamme empor, und so führte allmählich die Furcht vor dem Falle den Fall selbst herbei: was keine Reizungen der Wollust, keine Eitelkeit, kein Geld, keine Vignali, kein Lord Leadwort und kein Herr von Troppau vermochten, vermochte die Allmacht der Liebe. Die Tugend fiel durch ihre Hand: bei ihrem Falle brauste der blasende Wind durch die Bäume und starb mit erlöschendem Keuchen in ihren wankenden Wipfeln: Kiebitze wimmerten in den sausenden Lüften ihren Klaggesang, und Eulen heulten in den hohlen Ästen das Grabelied der gefallnen Unschuld: die Tannen seufzten, vom Winde bewegt, und der ganze Wald trauerte im Flor der Nacht um die gefallne Unschuld.

Sechstes Kapitel

Vignali kam die ganze Nacht nicht ins Bette: es war für sie eine Nacht des Triumphs und des Frohlockens; und sie wachte noch, als am frühen Morgen die beiden Verirrten, in weiter Entfernung hintereinander, beschämt und verwirrt zu haus anlangten. Bei ihrem Erwachen hatte sich Ulrike aus der Hütte herausgeschlichen und befand sich zu ihrer Befremdung nicht weit von einem bekannten breiten Wege, den vergangne Nacht, in der Angst und Berauschung einer geheimen leidenschaft, keins von beiden gewahr wurde. Herrmann, als er sie herausgehn hörte, riss sich von der Lagerstätte der Liebe empor, erblickte mit gleicher Verwunderung den gestern übersehenen Weg und folgte Ulriken nach: nicht einen blick wagte sie zurückzuwerfen und er nicht, einen aufzuheben: von Scham und trüber Besorgnis gefoltert, begaben sie sich auf ihre Zimmer, und Vignali wollte vor rachsüchtigem Vergnügen unsinnig werden, als sie das Geräusch ihrer Ankunft hörte. Sie hatte ihnen den Bedienten nachgeschickt, der sie in der Ferne still begleitete und schon vor etlichen Stunden mit der Nachricht von ihrer Einkehr in der Jägerhütte zurückgekommen war. Sosehr sie indessen Herrmanns und Ulrikens Fall für gewiss hielt und über die Erreichung ihres Wunsches triumphierte, so mischte sich doch in ihre Freude ein bittrer Unwille, dass sie Herrmanns Erniedrigung nicht durch sich selbst hatte bewirken können.

Er wurde zum Tee gerufen, allein er wandte eine Unpässlichkeit vor und schloss sich ein: Ulrike tat dasselbezwei überzeugende Beweise für Vignali, dass ihr gelungen war, was sie wünschte! Sie liess fleissig durch die Schlüssellöcher spionieren und tat, als wenn sie die Ursache der Krankheit nicht wüsste.

Indessen sass Herrmann auf Dornen da, von den schrecklichsten Empfindungen der Scham und Reue gepeinigt: er zürnte wider sich und seine Überlegung, dachte an seine Beteurungen, eine Handlung nicht zu begehn, zu welcher er sich von seiner Schwäche kurz darauf hinreissen liess, und fluchte sich wie einem Verbrecher. – "Ach könnt ich doch", sprach er bei sich, "tief im Schosse der Erde mein Angesicht verbergen, um von keinem Auge mehr beschaut zu werden! – Ich, ein Schänder der Tugend! ein Räuber der Unschuld! ein Mörder, der die Ehre der reinsten, geliebtesten Engelsseele würgte! – Fluche mir, Ulrike! fluche mir! ich will mir dir die schrecklichsten Verwünschungen über mein Haupt ausschütten. – Wie in diesen verbrecherischen Armen das Kostbarste dahinschwand, was ich ihr nehmen konnte! Wie noch mit dem letzten Hauche ihre Ehre durch schwaches Widerstreben den Mörder von sich abwehrte! kämpfte und ohnmächtig im Kampfe erlag! – O tausendfach heisser brenne mich, Reue, als du tust! Und würde gleich mein Herz zum Feuerpfuhl, aus welchem glühende Bäche in alle Adern ausströmtenich hätt es verdient. – – Entsetzlich! ein Mädchen über alles zu lieben und aus Liebe sie elend zu machen! Lässt sich etwas Schwärzeres denken? – Sie in Tränen, Kummer, Jammer und Schande zu stürzen! O der verfluchten Liebe, die so barbarisch liebt! – Wehe dem unseligen Rate, der uns zu diesem Spaziergange antrieb! Wehe den Füssen, die uns zu dem Verbrechen trugen! und tausendfaches Wehe der Hütte, die sich uns zum Opferaltare der Unschuld darbot! Jedes Auge wird an meiner Stirn meine Schuld lesen; jede Zunge wird mir nachrufen: das ist er, der schändlichste Unmensch, der nicht schonte, was er liebte! – Keinen blick werde ich wieder in ein menschliches Auge wagen können, keine Minute meines Lebens ohne Vorwürfe und Qual sein. – Die Unschuld wählte mich zum Freunde, und zum Lohne ihres Vertrauens ward sie von mir