Greis, gelangt man zu der so lange gehofften und erharrten Glückseligkeit –
Ulrike. Und kann sie vor Überdruss des unendlichen Wartens nicht geniessen. Es ist doch fürwahr eine recht wunderliche Welt.
Herrmann. Alles geht schief, alles quer. Heftige Wünsche, voreilende Begierden, rennende Leidenschaften und Millionen Gebürge von Hindernissen, Schwierigkeiten, Verzögerungen! Wenn man zu geniessen weiss, darf man nicht: wenn man geniessen soll, kann man nicht. So geht's mit jeder Freude. Tausendmal besser befänden wir uns, wenn wir Klötze wären, nichts wünschten noch begehrten; so entbehrten wir nichts. Das Schicksal reicht uns das Vergnügen so kümmerlich, so kärglich wie arme Leute ihren Kindern das Brot. – Sollt es denn nicht einen Winkel auf dieser Erde geben, wo Ruhe und Glückseligkeit für zwei irrende Verliebte wohnt?
Ulrike. O wenn du einen solchen wüsstest! Zu Fuss wollt ich dir dahin folgen und mit meinen eignen Händen eine Hütte baun, um mit dir dort zu wohnen; aber nirgends ist eine: wir werden sterben, eh' unser Glück vollendet ist.
Herrmann. Traure nicht, Ulrike! Warum sollte nicht ein solcher zu finden sein? Wir dürfen nur suchen: – aber dann, wenn wir ihn gefunden haben, dann wollen wir die einzigen glücklichen Geschöpfe unter dem Himmel sein. Unsre arme sollen vom Morgen bis zum Abend ineinander verschlungen sein wie unsre Herzen: Liebe soll unsre Speise, Liebe unsre Arbeit sein; sie soll vor uns hergehn und uns auf allen Schritten begleiten, unser Leben ein wahres arkadisches Leben werden, wie Dichter es nur dachten und noch nie Sterbliche empfanden – ein immer klarer Bach, worinne Freuden, Entzückungen und Seligkeiten in ungestörtem Laufe dahinfliessen –, ein Himmel, wo nie die Sonne untergeht, im ewigen Frühlinge alles blüht und grünt – ein Paradies, voll der lieblichsten Früchte und labendsten Ergötzungen, voll Einigkeit, Ruhe, Zufriedenheit, ohne Kummer und sorge, wo unsre Gedanken und Empfindungen in vertraulicher Friedlichkeit ineinanderfliessen wie zwei Ströme, die sich in einer Seele vereinigen; wo wir wie Kinder stets nur geniessen, kein Unglück kennen, als bis es uns trifft, die Gegenwart voll, rein und unverbittert empfinden und für die Zukunft nie sorgen, als bis sie da ist, und sie dann zufrieden teilen, sie gebe Schmerz oder Freude – O des seligen, des seligen Lebens! –
Die Vorstellung dieser träumerischen Glückseligkeit berauschte sie so heftig, dass sie beide in entzückter Umarmung dahinsanken und weinend verstummten; und bald hätte der Taumel ihrer Träumerei Vignalis Wunsch erfüllt: kaum trennten sie noch wenige Augenblicke von ihrem Falle: plötzlich geschah in der Nähe ein Schuss: Ulrike wand sich aus seinen Armen, als wenn ihr der Schuss gegolten hätte, sprang auf und sprach mit zitternder Furchtsamkeit: "Lass uns fliehen!"
"Lass uns fliehen!" rief Herrmann mit der nämlichen Erschrockenheit. Sie gingen beide in weiter Entfernung voneinander, stillschweigend, mit schüchternem Misstrauen gegen sich selbst, um einen Ausweg aus dem Gebüsche zu suchen. Der Pfad verlor sich in dichtes Gesträuch: sie mussten wieder umkehren. Bald kamen sie an einen Ort, wo vier bis fünf kreuzende Wege nach verschiedenen Richtungen hinliefen: die Wahl war sehr ernstaft, weil im wald schon die Dämmerung anfing: je weiter sie auf dem gewählten Pfade fortgingen, je tiefer gerieten sie in Waldung hinein, je dunkler wurde die Dämmerung. Das Gewitter hatte des Mittags die Luft so abgekühlt, dass jetzt Ulrike in der leichten Sommerkleidung vor Frost zitterte: Fledermäuse fuhren sausend über ihren Köpfen hin, der ganze Schwarm der Nachtvögel setzte sich in Bewegung und fing sein trauriges, misstönendes Konzert an: die Furcht vor allen diesen ungewohnten Erscheinungen der Nacht, die Furcht vor Verirrung und noch mehr die Furcht vor sich selbst und den täuschenden Verführungen der Liebe schreckte das arme Mädchen so gewaltig, dass ihr die Knie sanken: ihre Lippen bebten und vermochten kaum ein verständliches Wort zu sprechen: das Gesicht färbte sich mit einer bläulichen Blässe, und der Angstschweiss, den ihre innerliche Not auspresste, stand in dichten Tropfen auf der bleichen Stirn; sie klammerte sich fest an Herrmanns Arm mit dem ihrigen an, schloss die Augen zu, stunde und sprach mit schwachem schaurichtem Tone: "Ich kann nicht weiter; meine Füsse tragen mich nicht mehr." – Herrmann verbarg, so gut er konnte, seine eigne Beängstigung und tröstete sie, riet ihr, hier auszuruhen und ihn einen Weg suchen zu lassen. Das war gar kein Rat für sie, und kaum hatte er ihn gegeben, so hing sie sich mit dem ganzen Gewichte ihres Körpers an ihn, um ihn zurückzuhalten: er musste sich mit ihr auf den betauten Boden setzen und nahm sie in die arme, um sie an seiner Brust ausruhen zu lassen. Der innerliche Kampf zwischen Begierde und Furcht, zwischen Tugend und Schwachheit, zwischen leidenschaft und Vernunft stieg bei beiden so hoch, und die Dunkelheit, die Schöpferin und Pflegemutter der Leidenschaften, vermehrte ihn so gewaltig, dass sich keins von beiden rührte – hin und wieder ein ängstlicher tiefer Seufzer, das war ihre ganze Sprache. Die fernen Feldgrillen zischten ihr muntres Abendlied; aus weiter Entfernung schallte der helltönende Chor der Frösche; mit dem Schweigen des finstern Waldes wechselte zuweilen das Rauschen des wehenden Abendwindes in den Ästen der hohen Tannen ab; auf dem Boden rings um sie her regten sich schlüpfend hie und da Geschöpfe, die zur Ruhe eilten oder zum nächtlichen Leben erwachten. Ulrike