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ihm der Graf nie Vorwürfe machte, wenn sie ihm auch misslang, obgleich dies in den meisten Fällen geschah.

Durch die nämliche Öffnung der Tür, die der beleidigte Konditor machte, um aus dem Zimmer zu gehen, wurde auch der Maulesel hereingerufen: es versteht sich, dass er kaum vom Amor im Vogelbauer etwas gehört hatte, als er schon in lautes lachen und laute Lobeserhebungen ausbrach. – "Ich will das schon besorgen: verlassen Sie sich auf mich!" sagte er mit weiser Miene. "Der Zuckerbäcker versteht das nicht so wie ich: ich weiss besser, wie man einen Spass machen soll. – Morgen soll Ihr Vogelbauer auf dem Tische stehenverlassen Sie sich auf mich! –"

Er hielt Wort. Der Tischler musste von Latten einen runden Käfig zusammennageln, ihn grün anstreichen, und weil das Gebäude zu Ehren eines Geburtstages aufgeführt wurde, geriet Siegfried auf die glückliche Erfindung, von dem Koche, statt des Knopfs, eine grosse runde Biskuittorte daraufsetzen zu lassen, an welcher ringsherum in einem weissen Zuckergrund mit Pistazien, blauen, gelben und roten Körnern ein Vivat nebst dem Namen der Gräfin eingelegt war. Um niemandem einen Augenblick die Mühe des Nachsinnens zu verursachen, was für einen Vogel der Käfig entielt, liess der Graf um den obersten Rand desselben, wo das spitzige Dach anfing, einen zierlich ausgeschnittenen Streifen Postpapier mit der schwarzen, leserlichen Aufschrift 'L'Amour encagé' kleistern.

Der Mittag des festlichen Tages erschien. Der kleine Heinrich war bereits in fleischfarbnen Atlas gekleidet, sein lichtbraunes Haar in kurze, frei hinwallende Locken geschlagen und mit einer Rose geschmückt, sein rücken mit einem Paar Flügeln von Gaze und Fischbein geziert, über die Schultern herab hing ihm an einem blauseidnen Bande ein Köcher von Pappe mit Goldpapier überzogen, statt verwundender Pfeile mit friedlichen Gänsefedern angefüllt; seine Rechte hielt den niefehlenden Bogen, dessen Sehne eine Vorhangsschnur und so schlaff war, als da das gute Kind um Mitternacht in dem schrecklichsten Regenwetter bei dem alten Anakreon einkehrte. Venus hätte sich eines solchen Sohns nicht schämen dürfen, so liebreich lächelte sein weisses rundes Gesichtchen mit den runden roten Backen, und so schalkhaft sah sein geistreiches Auge unter den schwarzen gewölbten Augenbrauen hervor. Dreimal trat der kleine Bube vor den Spiegel und fühlte die Macht seiner Reize so sehr, dass er seinem eignen Bilde einen Kuss zuwarf.

Das ganze Städtchen hatte sich jetzt schon vor zwei Stunden gesättigt: der Ackerknecht spannte die ausgeruhten Ochsen an den Pflug: die gemolknen Stadtkühe wandelten unter dem Peitschenschalle ihres Monarchen durch das Tor auf die Weide hinaus, und die hochgräfliche Gesellschaft schritt feierlich durch die weiten Flügeltüren zur Tafel. Der kleine Amor hatte sich zwar sehr stark geweigert, in den Käfig zu kriechen, und versichert, dass es wider seine Ehre wäre; der Graf musste sogar in eigner person ins Tafelzimmer gehen und seinen Ehrgeiz durch die Vorstellung einschläfern, dass er's aus Liebe zur Gräfin tun solle: ohne Anstand sprang er auf den Stuhl und liess sich in seine enge wohnung hineinstecken.

Die Gesellschaft war sehr zahlreich und von allen gräflichen und adligen Sitzen aus der Nachbarschaft zusammengeladen. Erstaunt rissen die Damen sich von den Händen ihrer Führer los, erstaunt liessen die Kavaliere ohne Verbeugung die hände der Damen fahren, als man beim Eintritte in den Saal den hohen babylonischen Turm mit dem Knopfe von Kraftmehl mitten auf der Tafel erblickte; nur die Gräfin war mehr verlegen als erstaunt. Sie musste ein lachen verbergen, dass ihr die Gestalt des Käfigs abnötigte; sie hielt lange meisterhaft an sich, doch bei Erblickung des Biskuits, der wie ein runder Strohhut auf dem spitzen dach steckte, überwand das Lächerliche alle ihre Stärke: sie musste das Schnupftuch herausziehen und sich so lange hinter ihm räuspern, bis ihr Gesicht wieder in ernste Falten gelegt war. Noch einen grösseren Sturz musste sie aushalten, als sie den fleischfarbenen Amor darinne sitzen sah; ihre Einbildungskraft malte ihr schlechterdings wegen der vollkommenen Ähnlichkeit des Hauses einen Liebesgott vor, der gewisse menschliche Bedürfnisse abwartete. Sie nahm Tabak, sie räusperte sich, sie ass Suppe, sie sprach mit ihrem Nachbar: nichts half! immer kam das verzweifelte Bild wieder zurück, immer wollten ihre Lippen lachen. Zum Unglück bemerkte jedermann ihre Verlegenheit, ob man gleich die wahre Ursache derselben nicht erriet: doch schien der Graf etwas Schlimmes zu mutmassen. Er war ohnehin schon missmütig genug, dass man so stumm dasass und seine Erfindung auch nicht mit einem Bröckchen Beifall beehrte: geschah es, weil man mit der Gräfin gleiche Empfindungen hatte oder weil man noch so ganz nichts von dem Sinnreichen darinne begriff, dass man auch nicht aus Schmeichelei zu loben wagte, ohne sich zu verraten, dass es blosse Schmeichelei sei? – das kann ich nicht entscheiden: soviel bleibt gewiss, dass es bei vielen die letzte Ursache grösstenteils wirkte, wenn auch die erste nichts dabei tat; und diese Ursache zu entfernen, das heisst, sich nach der Absicht des grossen mittlern Korbes zu erkundigen, hielt jedermann nach hergebrachter deutscher Sitte für unanständig.

Ein alter Oberster, der sich gänzlich über Zwang und Zurückhaltung hinwegsetzte, brach endlich die Bahn: er wäre schon längst so vorlaut gewesen, wenn ihn nicht bisher die Betrachtung des Gartens beschäftigt hätte: doch jetzt kam die Reihe an Amors Käfig. – "Was ist das für ein Stall hier in der Mitte?" fragte er den sogenannten Maulesel des Grafen, der horchend hinter den Stühlen herumschlich und spionierte, was für Urteile man