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mit der nächsten mehr oder weniger kontrastiert, und wie er dieses Mehr oder Weniger so einrichten soll, dass er Einförmigkeit und gezwungene Symmetrie verhindert.

Um sich diese und so viele andre Pflichten zu erleichtern, vereinigte der Verfasser alle Mittel, die dem Dichter verstattet sindErzählung und Dialog, worunter man auch den Brief rechnen muss, der eigentlich ein Dialog zwischen Abwesenden ist. Ob er ein jedes am rechten Orte, dem poetischen Effekte gemäss, gebraucht und den eigentlichen Dialog und die Erzählung gehörig ineinander verflösst hat, kann nur der Leser beurteilen, der hierinne kompetenter Richter ist. Wer ihm Fehler anzeigt und sich so dabei benimmt, dass er mit Nachdenken gelesen und mit Einsicht geurteilt zu haben scheint, wird ihn durch eine solche, mit Gründen unterstützte Anzeige so sehr verbinden als durch den uneingeschränktesten Beifall: wer aus geheimer Abneigung gegen den Verfasser oder aus Tadelsucht auf sein Buch schlechtweg schmäht und das Geradeste am schiefsten findet, wird erlangen, was er verdientVerachtung.

Viele Leser erlassen dem Romanschreiber gern alle mögliche poetische Vollkommenheiten, wenn er sie nur durch eine Menge seltsamer begebenheiten unterhält, worunter eine mit der andern an Abenteuerlichkeit streitet, und die Personen recht winseln, brav küssen und oft sterben lässt: solche Leser werden bei dem Verfasser ihre Rechnung nicht sehr finden; denn er geht mit den Küssen ausserordentlich knickerig um und steigt nie zu einer grossen Quantität, um ihren Wert und Effekt nicht abzunutzen. Keine von seinen Personen wird bis zum Wahnsinne melancholisch, keine ist so sanft und schmelzend, als wenn sie nur ein Fluidum von Tränen wäre. Überhaupt hat der Verfasser die Ketzerei, dass er den raschen, von Sanfteit temperierten Ton in der Menschheit liebt und die butterweichen Seelen, die fast gar keine Konsistenz haben, schlechterdings entweder belachen oder verachten muss; auch glaubt er daher, dass es für die Stimmung unsers Geistes zuträglicher wäre, wenn wir mit unsern Romanen wieder in den Geschmack der zeiten zurückgingen, wo der Liebhaber aus Liebe tätig wurde und nicht bloss aus Liebe litt, wo die Liebe die Triebfeder zum Handeln, zu Beweisung grosser Tugenden wurde, Geist und Nerven anspannte, aber nicht erschlaffte.

Andre Leser verlangen bloss Muster der Tugend oder, wie sie es nennen, die Menschheit auf der schönen Seite zu sehen: der Verfasser hat allen Respekt für die Tugend und möchte sie, um sich in diesem Respekte zu erhalten, nicht gern zur alltäglichen Sache machen: er findet, dass diese kostbare Pflanze in unserer Welt nur dünne gesäet ist, und will sich also nicht sosehr an dem Schöpfer versündigen und seine Welt schöner machen, als er es für gut befand.

Endlich suchen einige in einem Romane und auf dem Teater die nämliche Erbauung, die ihnen eine Predigt gibt, und wollen gern, wenn sie das Buch zumachen, das moralische Tema samt seinen Partibus wissen, das der Herr Autor abgehandelt hat. Für diese hat der Verfasser der gegenwärtigen geschichte am meisten gesorgt; denn aus jeder Zeile können sie sich eine Moral ziehen, wenn es ihnen beliebt.

Wzl.

Erster teil

Erstes Kapitel

Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Toupets, die Herren grosse Hüte und kleine Haarbeutel und niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem schloss des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen, der bei dem Publikum des dazugehörigen Städtchens nicht weniger Aufmerksamkeit erregte und in den langen Winterabenden nicht weniger Stoff zur Unterhaltung gab als Alexander, ehe er auf Abenteuer wider die Perser ausging. Graf und Gräfin, deren Liebling er einige Zeit war, nannten ihn Henri, seine Eltern Heinrich und das ganze Städtchen den kleinen Herrmann, nach dem Geschlechtsnamen seines vorgeblichen Vatersseines vorgeblichen, sage ich; denn sosehr die körperliche Ähnlichkeit mit ihm es wahrscheinlich machte, dass er sein wahres, echtes Produkt sein möchte, und sowenig auch der erfahrenste Physiognomist auf den Einfall gekommen wäre, eine andere wirkende Ursache zu vermuten, so hatte doch jedermann die Unverschämteit, trotz jenes wichtigen Grundes ihn seinem Vater völlig abzuleugnen, und zwar aus der sonderbaren Ursacheweil der Sohn ein feiner, witziger, lebhafter Knabe wäre und gerade soviel Verstand als sein Vater Dummheit besässe.

Freilich war wohl diese Ursache etwas unzureichend, einem armen Sterblichen seine ehrliche Geburt abzusprechen; auch gab der alte Herrmann nichts weniger zu, als dass er dumm sei, und bewies sehr häufig durch die Tat, dass er sich hierinne nicht irrte: gleichwohl hätten sich die Leute eher bereden lassen, nicht mehr an den Kobold zu glauben, als den jungen Herrmann für den rechtmässigen Sohn des alten Herrmanns zu erkennen. Indessen, so genau alles, alt und jung, in dieser Behauptung übereinstimmte, so verschieden wurden die Meinungen, wenn es darauf ankam, die Entstehung des Knabens zu erklären; und wenn man alles, was darüber gedacht und gesagt worden ist, sorgfältig aufbewahrt hätte, so würde eine solche Sammlung ungleich mehr Drucker und Setzer ernähren als alle Träumereien der Philosophen. Einige, die des Sonntags zweimal in die Kirche gingen und darum billiger dachten als andre, die wöchentlich nur eine Predigt hörten, nahmen doch seinem Vater nicht die ganze Ehre des Anteils an der Erzeugung seines Sohns, sondern gestunden mit einem weisen Achselzucken, dass ihm vielleicht die eine Hälfte angehören könnte: allein es wird vermutlich weltkundig sein, dass ein gelehrter Akademist die Unmöglichkeit einer solchen Entstehung sonnenklar dargetan hat, und die