nichts tat.
Ulriken teilte sich das allgemeine Vergnügen sehr lebhaft mit, und ob sie gleich nichts weniger als ruhig war, so bildete sie sich doch, wie alle um sie her, das Vergnügen ein: allein Herrmann hatte für diese geräuschvolle Fröhlichkeit keinen Sinn. Er eilte vor ihr vorüber durch hohe lichte Alleen in düstre gewölbte Gänge bis zu den einsamen Schlangenwegen der Wildnis. Sie setzten sich, schwiegen, sahen vor sich hin: Insekten summten, einzelne Vögel zwitscherten, in den Wipfeln der hohen Tannen lispelte ein leiser Wind: sonst war alles menschenleer, dämmernd, schauerlich still. Hastig warf Herrmann einen Arm um Ulrikens Schulter und drückte sie so fest in sich hinein, dass sie sich losriss und schüchtern zurückfuhr.
"Herrmann!" rief sie mit zitterndem Erschrecken, indem sie ihn anblickte, "was ist dir? warum rollen deine flammenden Augen so fürchterlich? warum bebt deine Unterlippe wie im Fieberfrost? – Was liegt dir im Sinne, das dich so heftig erschüttert? Jeder deiner Blicke erfüllt mich mit Entsetzen. – Ich bitte dich um unsrer Liebe willen, lass uns diesen Ort fliehn! Der Himmel will über mich einstürzen, so ängstigt mich deine grimmige wilde Miene: lass uns fliehen! mir bricht das Herz vor Angst."
Er wollte ihre Hand fassen, um sie zu beruhigen: sie tat einen lauten Schrei und sprang auf wie ein gescheuchtes Reh.
"Was fürchtest du?" sprach er, wie vom Froste geschüttelt. "Ängstige dich nicht mit Phantomen deiner Einbildung! Der Ort ist angenehm: setze dich!"
Sie gehorchte und setzte sich in einer scheuen Entfernung von ihm, immer zum Fliehen bereit.
"Ach, Ulrike", fing er abgebrochen an, "wie nahe sind Liebe und Grausamkeit verwandt! zwo leibliche Schwestern!"
Ulrike. Grausamkeit? – Was bringt dich auf diesen sonderbaren Gedanken?
Herrmann. Mein Gefühl. – Ich könnt in dieser Minute die barbarischste Grausamkeit an dir begehn. Ich bin der verruchteste Mensch unter der Sonne.
Ulrike. Schon wieder so ein blitzender blick! – Lass uns fliehen!
Herrmann. bleibe! fürchte nichts! – Könnte die Liebe, wenn sie in diesem Gehölze wohnen wollte, einen angenehmern Platz wählen als diesen? Sieh! Gewürme und Insekten, alles hüpft und scherzt um uns her in reger, unbesorgter Freundlichkeit, und wir allein verbittern uns unser Glück durch ängstliche Besorgnisse? – Verscheuche diese bange Mädchenfurcht! Vor wem zitterst du denn? Bin ich nicht dein Freund? der Geliebte deines Herzens? der Vertraute deiner Liebe, der gern jedem rauhen Lüftchen wehren möchte, dass es dir nicht ein Haar krümmte? dein Erwählter, der gern jeden Pfad vor dir ebnete, dass kein Steinchen deine Fusssohlen drückte? der dich gern allentalben auf seinen Armen oder noch lieber in seinem herz herumtrüge, um dich vor jeder Gefahr zu sichern? – Bin ich nicht dies alles?
Ulrike. Das bist du! der Retter meiner Tugend! meine Seele, die mich belebt und regiert! – Aber tut nicht die Seele im Menschen das Böse? Da du so unumschränkt über meinen Willen herrschest, was vermöchte das schwächere Mädchenherz wider den stärkern Männerwillen? – Ich bitte dich auf den Knien, töte die Tugend nicht, die du erhalten hast! Was würde das zarte Gewächs, wenn du ihm die Blüte abstreiftest? Es senkte die welken Blätter, verdorrte und – stürbe.
Herrmann. Trauest du mir ein solches Verbrechen zu? – Wert wäre ich, dass sich jeder Tautropfen, der mich benetzt, in brennendes Feuer verwandelte, dass jeder Sonnenstrahl ein Schwert würde, das meine Seele verwundete, wenn ich jemals eine solche Übeltat begönne. – Hab ich nicht schon der Gefahr in mancherlei Gestalten widerstanden!? Wenn eine Vignali mit allen zauberischen Künsten und zwingenden Lockungen meine Vernunft nicht einschläferte, sollt ich da aus freier Wahl ein Bösewicht werden? Und an wem? an dir? – Hat noch jemals ein Tauber das Täubchen gewürgt, die ihm liebkost? – Sei mutig! Man fällt am leichtesten, wenn man sich zu schwach dünkt.
Ulrike. Und noch leichter durch Sicherheit. – Ich kann dir nicht bergen, ich liebe dich, dass ich mich vor mir selber fürchte. – O warum müssen nun tausend Hindernisse eine Vereinigung verzögern, die der Himmel selbst wollen muss? Sie muss doch geschehn, früh oder spät: warum nun so eine unaussprechliche Langsamkeit in allem, was auf der Welt vorgeht?
Herrmann. Das weiss Gott, wie alles in der Welt schleicht! Immer tanzt das Glück wie ein Irrlicht vor den Schritten her, und je hurtiger man nachläuft, je weiter stösst man es mit seinem eignen Odem fort. Es ist wahrhaftig schwer, über so ein zauderndes Schicksal nicht zu zürnen: wenn man eine Glückseligkeit doch gewiss einmal haben soll, warum bekommt man sie nicht gleich, wo man sie am liebsten hätte?
Ulrike. Und wo man sie am vollsten und stärksten genösse! Aber nein! da geht alles so einen saumseligen Schneckengang, dass man vor Ungeduld sich verzehren möchte.
Herrmann. Die Wünsche fliegen, und das Schicksal kriecht. Wahrhaftig, mehr als eiserne Geduld hat man nötig, um in so einer Welt auszudauern –
Ulrike. Das ist ein ewiges Hoffen und Harren; und was hat man am Ende?
Herrmann. Nichts! die Jahre der Freude fliehn, das Alter der Lebhaftigkeit verschwindet, und endlich, als schlaffer, siecher, fühlloser