setzte meine Einbildung die seltsamsten, ausschweifendsten und schrecklichsten Szenen zusammen. Sosehr ich mich zuletzt fürchtete, mit ihr allein zu sein, so war ich's doch immer: oft schien es sogar, als wenn Vignali uns mit Fleiss aus dem Wege ginge. Ihr tägliches Gespräch war noch unzüchtiger als sonst, dass oft Ulrike mit Schamröte sie zu schweigen bat: allein allmählich gewöhnte sie sich so sehr daran, dass sie ohne Erröten mit Aufmerksamkeit und sogar mit Vergnügen zuhörte: wenn die ausschweifendsten Auftritte erzählt wurden, schielte sie oft aus den gesenkten Augen nach mir herauf, seufzte und glühte, als wenn sie ein plötzlicher, strafender Schlag für ihre Empfindung träfe. Alle meine Sinne waren so mächtig erhöhet, dass selbst speisen und Getränke meiner Zunge ein schärferes Gefühl mitteilten und neues Feuer in meine Adern zu giessen schienen. Also von Vignali und der Liebe vorbereitet, schlich ich wie die lebendige Unruhe von Zimmer zu Zimmer, von Stuhl zu Stuhl, fand nirgends eine bleibende Stelle, nirgends Friede, bis zu jenem unglücklichen Spaziergange, der den wichtigsten Knoten meines Lebens knüpfte: die geschichte desselben ist ein bedeutungsvolles memento mori für die menschliche Stärke.'
Der unglückliche Spaziergang, dessen hier in diesem Briefe gedacht wird, geschah an einem der schönsten Tage im August: nach einem schwülen, drückenden Vormittage hatte ein Donnerwetter die erhitzte Atmosphäre abgekühlt und eine schmeichelnde, Herz und Sinne belebende Temperatur der Luft für den Nachmittag hervorgebracht. Alles, was ein Paar Füsse bewegen konnte, eilte zum Tiergarten, den herrlichen Nachmittag in sonntäglichem Wohlleben hinzubringen. Vignali schlug auch eine Spazierfahrt vor, allein eine Grille, die sie für Migräne ausgab, bewegte sie, zu haus zu bleiben und die kleine Karoline bei sich zu behalten: Herrmann und Ulrike gingen allein, und zwar zu fuss. Das Gewimmel der Gehenden und Fahrenden unter den Linden war unbeschreiblich gross – ein bunter, funkelnder, summender Schwarm, in eine grosse Staubwolke gehüllt, in welcher man die Gesichter nicht eher erkannte, als bis man den Leuten auf die Füsse trat, denen sie gehörten. Das Rasseln der Karossen auf beiden Seiten, wo die hervorragenden Kutscher auf den hohen Böcken in aufwallendem Staube wie Jupiter in den Wolken dahinzuschweben schienen, indessen dass man Kutsche und Pferde nur wie Schatten hinter einem Flore dahinlaufen sah – das Rasseln der Karossen stritt mit dem Gemurmel der Gehenden um den Vorzug, welches das andere am betäubendsten überstimmen könnte. Dies ungemein lebhafte Bild, so erschütternd es war, machte gleichwohl einen schwachen Eindruck auf Herrmanns Sinne: er ging, in sich gekehrt, stumm und ängstlich an Ulrikens arme durch die Menge dahin, liess sich treiben und stossen, ohne es sonderlich zu merken, und hatte kaum für den auffallenden Staub einen Sinn: in ihm brannte die Atmosphäre noch so glühend heiss wie vormittags, und der Regen hatte sie so wenig gelöscht als den Sand, auf welchem er wandelte. Ulrike rühmte, als sie durch das Tor waren, den duftenden Wohlgeruch, den ein kühles Lüftchen Tannen und Birken raubte, und den Hauch der Fruchtbarkeit, der in den lichten Gängen von Wiesen und Bäumen atmete: Herrmann hatte keinen Sinn dafür. Gewohnheit und Neugierde lenkte Ulriken nach den Zelten hin: er folgte ihr ohne Widerspruch, sprach wenig, auch die gleichgültigsten Dinge in harten, abgebrochenen Tönen. Zuweilen stunde er plötzlich, sah in den Sand, dann ergriff er Ulrikens Hand und drückte sie mit einer so befeuernden Inbrunst, dass ihr die zitternde Empfindung des Druckes wie ein geschlängelter Blitz durch die Seele fuhr. – In lautem Tumulte spielte Fröhlichkeit und Eitelkeit bei und unter den Zelten das grosse Sonntagsschauspiel; im weiten Zirkel sass unter Bäumen und in Hecken die glänzende schöne Welt in Fischbeinröcken und im Frack, in bezahlter und geborgter Seide – ein furchtbares Heer, das in vergnügter Musse nach Herzen und guten Namen wie nach der Scheibe schoss: ging gleich neben den Herzen mancher Schuss hinweg, so fehlte doch keiner, der einem guten Namen galt. Spott und Plauderei schwebten mit witzigem und unwitzigem Lärme über der Gesellschaft: geputzte Franzosen tanzten fröhlich daher und suchten den Mann, der sie heute abend speisen sollte; Hypochondristen schlichen gebückt dahin und suchten im Sande die Zufriedenheit: nachäffende Deutsche gaukelten mit schwerfälliger Geckerei herum und dünkten sich Wesen höherer Art, weil sie französisch erzählten, wo sie gestern gegessen hatten; andre krochen krumm und gebückt wie lichtscheue Engländer umher und glaubten britische Philosophen zu sein, weil sie rotfuchsichte Hüte und zerrissne Überröcke trugen; junge Liebesritter eröffneten hier die Laufbahn ihrer künftigen Grösse, das junge Mädchenauge buhlte um Liebhaber oder Mann, was der liebe Himmel bescheren wollte, und die verblühete Schönheit spottete über Siege, die sie nicht mehr machen konnte. Aus den büsche tönten muntre Chöre von Oboen und Hörnern, und mit ihnen wechselten, wenn sie schwiegen, kreischende Fiedeln und brummende Violoncelle nebst dem schallenden Händeklatschen des Tanzes ab. Hier sass ein schweigender Herrnhuter bei dem Bierkruge und betete mit verdrehten Augen für die Sünden, die seine Nachbarn begingen; dort fluchte ein trunkner Soldat, dass ihm jemand das Glas ausgeleert habe, wovon er taumelte; hier suchte ein erboster Liebhaber sein gestohlnes Mädchen und dort ein andrer sein einziges gestohlnes Schnupftuch; mancher vertrank hier für den letzten halben Gulden die Sorgen der vorigen Woche, um die ganze künftige zu darben; mancher gewann mit dem glücklichen Würfel das Brot, das seine hungernde Familie morgen nähren sollte: jedermann war vergnügt, entweder weil er Freude genoss, oder wenigstens weil er