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ich in meinem Leben noch nicht gekannt hatte: meine Liebe veränderte ihre Miene so ganz, dass sie mir eine Fremde zu sein schien, die sich während meines Umgangs mit Vignali in mein Herz eingeschlichen habe. Nicht mehr dieses stille, sanfte, angenehme Feuer war es, das auf dem schloss des Grafen Ohlau in mir brannte, von erquickender, belebender Wärme, mehr leuchtend als brennend: nicht mehr die heftiger schlagende Flamme, die in Dresden in mir wallte, ein starkes, überwältigendes Gefühl, aber noch immer durch Güte und Zärtlichkeit gemildert: nein, eine hochlodernde Feuersbrunst war meine ganze Seele, und jeder blick, jedes Wort, jeder Händedruck von Ulriken neuer Brennstoff, der in die glühende Masse hineinfiel: dabei so viel Wildheit, so viel Grausamkeit, so ungestüme Heftigkeit! dass ich noch zittre, wenn ich an diese Gemütsverfassung denke. Welch ein süsser Schauer durchlief mich sonst, wenn ich neben Ulriken stand oder ihre Hand in der meinigen lag! desto süsser und durchdringender, je seltner mich das neidische Schicksal ein solches Glück geniessen liess! Jetzt, da ich's Stunden und Tage ungehindert geniessen konnte, fürchtete ich mich vor mir selbst, es zu tun: sobald ich mich ihr näherte, fuhr eine schneidende Flamme durch alle meine Adern, meine Brust zog sich pressend zusammen, das Herz schlug hoch wie getürmte Wellen, dass mir der Atem stockte: unter zehn Malen konnte ich mich kaum einmal entschliessen, ihre Hand zu fassen, und wenn ich sie hielt, dann flogen mir die ungeheuresten Bilder durch den Kopf: es war, als wenn von innen her ein geheimer Antrieb mich drängte, sie zu zerdrücken. Tausendmal stiess mich diese nämliche innerliche Heftigkeit zu Ulriken hin, mir schien es, als wenn eine geheime Macht mir die arme auseinanderzöge und mich gewaltsam forttriebe, ihr um den Hals zu fallen und sie in meine Brust hineinzudrücken; und zu gleicher Zeit zog eine andre gütige Macht die Heftigkeit meiner Begierde zurück. War ich bei ihr allein, dann wollte mich die Angst von ihr wegtreiben: ich konnte nicht bleiben, ich musste sie verlassen. Ermannte ich mich und blieb da, so fingen meine Beunruhigungen erst recht an: es wurde mir finster und schwindlicht, der Boden wankte unter mir, und alle Gegenstände schienen mir zu zittern; und zerstreueten sich die Wolken in meinem kopf, dann trat ich vor ihr hin, sah sie steif an und hätte weinen mögen, so überfiel mich ein plötzlicher Jammer. Wie ein Teufel mit glühenden Augen stand der Gedanke vor mir: 'So viel Liebenswürdigkeit und Unschuld soll nicht ewig blühen! Du sollst der Mörder einer solchen Tugend werden!' – Ich suchte mich seiner zu erwehren; ich stritt mit ihm wie mit einem bösen geist: aber umsonst! Dann überfiel mich eine Beängstigung wie die Reue einer grossen Freveltat: ich war wie in einen Abgrund von Unruhen gestürzt. Auch tat Ulrike so schüchtern, wenn wir beisammensassen oder -stunden, bei jeder meiner Bewegungen so scheu und furchtsam, als ob sie mich gleich dem ärgsten Bösewichte fürchtete, welches vermutlich von ihrer Begebenheit mit dem Sklavonier herrührte. Manche Viertelstunde lang stand ich an dem braunen Tische in ihrem Zimmer mit untergeschlagnen Armen, sie sass neben ihm: wir sahen einander stumm an und weinten: der Himmel weiss, woher unsre Tränen kamen; ohne alle nahe Veranlassung drängte sie der innere Tumult aus den Augen hervor, als wenn sie die Flammen des Vulkans, der in mir wütete, löschen sollten. Zuletzt ging diese ahndungsvolle Traurigkeit so weit, dass wir einander fast nicht anblicken konnten, ohne gerührt, ohne erschüttert zu werden. Ich besinne mich noch genau, dass wir eines Nachmittags allein in Vignalis Zimmer auf dem Sofa sassen: mein rechter Arm hatte sich, ohne dass ich's selbst wusste, um Ulriken geschlungen: wir sprachen sehr ernst, in kurzen, abgebrochenen Reden: auf einmal riss sie sich von mir los und sprang auf. – 'Was hast du, Ulrike?' fragte ich. – 'Ich weiss nicht', antwortete sie, 'was für eine närrische Erscheinung in meinem Gehirne mich täuschte: du kamst mir vor, als wenn du mich so grausam behandeln wolltest wie der Graf neulich. Aber nein! das wirst du nicht!' setzte sie nach einer Pause mit zitternder stimme hinzu: ich schwieg, sah auf die Erde und dachteder Himmel weiss es, was ich dachte: wenn's Gedanken waren, so hatte ich sie ohne mein Bewusstsein.

Dass ich Vignalis Versuchungen so herzhaft widerstand, war vielleicht keine so grosse Heldentat, wie sie es scheint: den Zufall abgerechnet, der mir meistens durch die grössten Gefahren half, konnte das verführerische Weib nicht anders als in Augenblicken der Schwäche oder durch Überraschung über mich siegen; denn sosehr ich sie auch liebte, so streifte doch diese Liebe nur die Oberfläche des Herzens: auch blieb mir immer noch eine gewisse Kälte dabei zurück: sie war gleichsam nur ein künstliches Lustfeuer, von Eitelkeit durch eine aufgeregte Phantasie angezündet, dass ohne meine Entzweiung mit Ulriken bloss geglimmt hätte und mit einem kleinen Knalle erloschen wäre wie eine schwache Rakete. Hingegen die Liebe zu Ulriken nach unsrer Versöhnung wohnte im herz drinne, bemächtigte sich aller meiner Kräfte und Empfindungen, spannte meine Tätigkeit zu einer solchen Höhe an, dass ich Riesenstärke in meinen Nerven fühlte. Alle Nächte waren ein fortdauernder schwerer Traum: aus Vignalis üppigen Erzählungen und Ulrikens neulichem Kampfe