Nebenbuhlerin nicht bloss wegzuschaffen, sondern zu demütigen, und den halsstarrigen Herrmann mit ihr. Liess sie die Liebe bei den beiden jungen Verliebten frei wirken, so konnten sie durch Beihülfe einer so grossen Gelegenheitsmacherin, wie Vignali war, wohl endlich selbst die Werkzeuge der verlangten Rache werden: allein wie langsam vielleicht! und gar zu lange liess sich weder der Herr von Troppau noch der Graf Ohlau aufhalten, ohne dass nicht der erste aus verliebter Ungeduld sich an Ulriken selbst wendete; und war sie gleich wieder mit Herrmann ausgesöhnt, so konnte sie doch der Zufall, nach Vignalis Begriffe von der weiblichen Veränderlichkeit, sehr leicht wieder entzweien, der Herr von Troppau in diesem Zeitpunkte sich anbieten, und Ulrike im ersten Verdrusse seine Hand annehmen. Die Lage war also höchst kritisch. – "Aber ich muss Herr des Walplatzes werden oder nicht leben", sprach Vignali. "Soll ein so elender Junge über mich triumphieren? ein so albernes Mädchen meine Absichten vereiteln? Sie müssen beide fallen, ohne Schonung fallen. Mögen sie sich lieben und in ihrer Liebe allmählich das Gift bereiten, das ihren Stolz töten soll! Der Nichtswürdige, der mich verschmähen konnte, muss gebeugt werden: hart, hart soll er für seinen stolzen Widerstand büssen; und meine Nebenbuhlerin will ich ganz vernichten. Entgeht sie auch diesmal ihrem Falle, dann ruh ich nicht, bis ich sie mit meinen eignen Händen in den Sarg gelegt habe: mag sich der verliebte Narr, der Troppau, zu ihr legen und seine Brautnacht bei den Toten halten! – Aber seid ihr nur einmal dahin, wohin ihr sollt – o dann will ich euch geisseln! wie keine Furie das Gewissen züchtigen kann, will ich euch quälen: dann sollt ihr mir schon selbst den Kampfplatz räumen! – Wohlan! die Liebe tue, was weder Vignali noch der Satan vermag!"
Hätte es auch ihr Plan nicht so mitgebracht, so wäre es ihr doch nunmehr unmöglich gewesen, Freundschaft gegen Ulriken und Liebe gegen Herrmann zu affektieren: Zorn und Rachsucht hatten wegen Nähe der Gefahr zu sehr Besitz von ihr genommen; und auch der Herr von Troppau warf ihr vor, dass sie auf einmal in allen Handlungen so äusserst unruhig und hastig sei und eine heftige leidenschaft in allen verzerrten Zügen des Gesichts trage: sie lehnte die Vorwürfe immer durch vorgewandte Erhitzung oder Krankheit ab.
Indessen weideten sich die beiden Verliebten sorglos in vollem Masse mit den Freuden der wiedergekehrten Liebe und spielten wie zwei Lämmer vertraulich und froh um den Wolf, der sie gern gewürgt hätte. Der Kontrast zwischen Ulriken und Vignali, besonders bei dem itzigen leidenschaftlichen Zustande der letzteren, lehrte Herrmannen täglich mehr, dass nur eine Ulrike sei: oft konnte er bei Tische stumm dasitzen und Vergleichung zwischen beiden Zug für Zug anstellen, und jedesmal wunderte er sich am Ende der Vergleichung, wie er sich nur einfallen liess, Vignali im Ernste zu lieben, nachdem er eine viel reizendere Schönheit gekannt hatte. Den Unterschied des Alters abgerechnet, stach das heitre, unschuldvolle, anspruchlose, wohlwollende Gesicht der einen gegen die ernste, gebietende, Beifall fodernde, wollüstige, schlaue Miene der andern sehr zum Vorteil des ersten ab: Ulrikens Augen waren ein Paar anziehende Magnete oder ein Paar Sonnen, die in jedem herz die Liebe erwärmten, und wenn sie auch den kältesten Boden trafen: Vignalis blick ein Blitz, der niederschlug, er gebot Ehrerbietung und selbst die Liebe wie einen Tribut: daher drückte sich Herrmann ihren Unterschied dadurch aus, dass er sagte – Ulrike gibt Liebe, Vignali fodert sie; und ein andrer nannte Vignali einen Despoten, den man zu lieben glaubt, weil man ihn fürchtet. Bewegungen und Gebärden waren bei der Italienerin ihrem gesicht völlig ähnlich, edel, anständig, durch die Welt gebildet, lebhaft bis zur Heftigkeit, immer leidenschaftlich, wenn nicht der Wohlstand es verbot; ihr Ton stark, schnell und fast jeden halben Tag anders – denn jeder heimlichen Absicht, jeder vorgegebnen Empfindung passte sie ihn mit unendlichen Veränderungen an. Wie vorteilhaft stach auch hierinne Ulrike in Herrmanns Augen dagegen ab! Jede ihrer Bewegungen bezeichnete Reiz und Anstand, das Tempo ihrer Gebärden war eine sanfte, ruhig dahinfliessende Lebhaftigkeit, alles hatte darinne das Gepräge der natur und nur selten noch Spuren von dem Studierten, Abgemessnen, wozu man sie bei ihrem Onkel abrichtete; doch äusserte sich dieses nie, als wenn sie sich im Zwange befand. Ihre stimme war eine zärtliche, sanft dahingleitende Modulation, jeder Ton von Güte und Liebe gestimmt. Wie konnte der begeisterte Herrmann lauschen, wenn sie sprach! wie hallte jeder laut in seinem Ohre gleich einer eindrucksvollen Musik lange nach! Der kleine Gram während ihrer Uneinigkeit hatte das vorige Rasche und Übereilte, das sie zuweilen überfiel, ziemlich gedämpft, und es gehörte jetzt ein hoher Grad von leidenschaft dazu, wenn es wiederkommen sollte. Eine Annehmlichkeit, die man gegenwärtig an ihr vermisste, war der kleine lustige Mutwille, in welchem sich sonst ihre Aufgeräumteit ausdrückte: aber Herrmann vermisste ihn nicht sonderlich, weil er sich in einem zu unruhigen, leidenschaftlichen Zustande befand, um ein Wohlgefallen für etwas zu fühlen, das Heiterkeit in der Seele desjenigen verlangt, der es erwecken und der es geniessen soll. Die Verfassung seines Gemüts in dem gegenwärtigen Zeitpunkte schildert er selbst in einem spät geschriebnen Briefe an einen seiner Freunde.
'Nach der Wiedergeburt meiner Liebe', sagt er, 'fühlte ich mich, oft zu meiner grössten Verwunderung, in einen Zustand versetzt, den