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sich in mein Haus zu schleichen und solche Unmenschlichkeiten zu begehn!" – In diesem Tone wurde der sogenannte Herr Graf tüchtig ausgefilzt, weil er nicht zugegen war: weder Herrmann noch Ulrike merkten jemals, dass Vignali selbst ihn zu diesen Unmenschlichkeiten angestiftet hatte.

Ulrike, sosehr sie das Bewusstsein, alles getan zu haben, was Pflicht und Tugend von ihren Kräften fodern konnten, beruhigen musste, fühlte eine so tiefe Scham über das Vorgegangne, insonderheit über den Zustand, worinne sie Herrmann und Vignali antrafen, dass sie eine Schwächlichkeit vorwandte und auf ihrem Zimmer speiste. Wirklich hatte sie auch die Plumpheit des Satyrs, mit welchem sie um ihre Ehre stritt, die Anstrengung ihres Widerstandes und die Angst, unter dem Kampfe zu erliegen, so sehr angegriffen, dass sie die folgende Nacht Kopfschmerz und Fieber bekam.

Sosehr auch Herrmann vor Ungeduld brannte, ihr seinen falschen Verdacht, Groll und übereilten Bruch abzubitten, so liess sie ihn doch nicht vor sich: Scham und Schüchternheit nötigten sie, seit jener schrecklichen Begebenheit beständig die Tür verschlossen zu halten, und sie würde auch des Mittags darauf nicht zu Tische gekommen sein, wenn nicht Vignali sich mit Gewalt bei ihr eingedrängt und sie mit Gewalt heruntergeholt hätte. Sie wünschte ihr spöttisch zum Siege der Tugend Glück und schalt sie, dass sie wie ein Kind sich über einen Unfall schämte, wozu sie nichts beigetragen hätte. – "So eine exemplarische Standhaftigkeit macht Ehre", sagte sie lächelnd, "und was noch mehr ist, Sie haben ja durch diesen heldenmütigen Kampf Ihren Liebhaber wieder errungen. Sie sind ein braves Mädchen: wenn Sie sich beständig so herzhaft wehren, werden Sie Ihre Tugend gewiss unversehrt und wohlbehalten mit sich ins Grab nehmen."

Kaum trat die verschämte Ulrike in Vignalis Zimmer, wo Herrmann auf sie wartete, als er auf sie zuflog und in den reuigsten Ausdrücken um eine Verzeihung bat, die ihm im Herzen schon längst zugestanden war. Er nannte seinen so schnell gefassten Verdacht wider ihre Tugend und versicherte, dass er sich durch ihn ihrer Liebe unwürdig gemacht habe. – "Nein", sprach sie gütig, "um dieses Verdachtes willen werde ich dich desto mehr lieben; denn ich hoffe, dass du selbst so bist, wie du mich verlangst. Wer mich nicht ohne Tugend lieben kann, muss wohl selbst ihr Freund sein." – Herrmann merkte in der Fülle der Freude die Bedenklichkeit des Tons nicht, womit sie dies sagte; denn es schien ihr sehr misslich, dass Herrmann so lange mit Vignali auf einem Meer gesegelt habe, ohne Schiffbruch zu leiden. Die feine Frau, die eine eigne Spürkraft besass, sich keinen unmerkbaren Zug in Reden und Betragen entwischen zu lassen, rückte ihr ihren bedenklichen Ton vor und überschüttete den verwunderten Herrmann, der die Veranlassung nicht merkte, mit einem ganzen Regen von Lobsprüchen auf seine Entaltsamkeit, Standhaftigkeit, Vernunft und herrschaft über sich selbst. Die Bitterkeit, womit sie ihre Lobrede hielt, benahm Ulriken fast gänzlich ihren Argwohn; denn sie vermutete zu ihrer Zufriedenheit, dass Vignali ihn versucht und nicht überwunden habe. So wurde unter den Augen der Friedensstörerin der Friede förmlich unterzeichnet und die Liebe wieder erneuert.

Fünftes Kapitel

Verschoben ist nicht unterlassen. Für eine Frau wie Vignali ist jedes Hindernis, jedes Misslingen ein neuer Sporn. Sie war zwar nach jenem unglücklichen Erfolge ihrer Absichten ein paar Tage von höchst übler Laune und liess die Sache gehen, wie sie ging: aber deswegen unterliess sie nicht, Massregeln auszusinnen, um doch endlich zu ihrem Zwecke zu gelangen. Der Herr von Troppau brachte ihr auch in einigen Tagen die fröhliche Nachricht, dass der Graf Ohlau versprochen habe, sogleich in die Vermählung seiner Schwestertochter zu willigen und auch die Einwilligung ihrer Mutter zu bewirken, sobald er Namen, Familie und Vermögensumstände des Mannes wüsste, den man ihr bestimmte, wofern die Partie nur im mindsten anzunehmen wäre. Er verriet durch das Vergnügen, das er über die Bereitwilligkeit des Grafen bezeugte, die Stärke seiner Liebe so völlig ohne Zurückhaltung, dass Vignali bei sich stutzte, sie grösser zu finden, als sie geglaubt hatte. Er war im grund ein leibhafter phlegmatischer Deutscher, der sich durch den Umgang mit Franzosen und aus Nachahmungssucht etwas von ihrer Lebhaftigkeit angewöhnt hatte: daher fiel es desto stärker auf, dass sein sonst lauer, höchstens warmer Ausdruck der Freude jetzt so siedend heiss wurde. Um die wallende Freude ein wenig niederzuschlagen, gab ihm Vignali die Nachricht, dass Ulrike nicht sonderlich viel Neigung für ihn zu haben scheine. Der Verliebte vergass sein Phlegma so sehr, dass er aufsprang und sie versicherte, sie würde sich ihm verhasst machen, wenn sie keine bessere Nachrichten brächte. Vignali tröstete ihn mit etlichen Gemeinsprüchelchen, dass die Liebe oft langsam wachse und dann sehr schnell reife; versprach, aus allen Kräften ihr Wachstum zu beschleunigen, und leitete ihn allmählich zu seiner alten Liebe hin, dass der selbstgelassne Wollüstling über den gegenwärtigen Genuss den künftigen aus der Acht liess. Es wurde beschlossen, dass die Antwort an den Grafen acht oder vierzehn Tage verschoben bleiben sollte, bis man Ulrikens Gesinnungen tiefer erforscht hätte.

Nun war Hannibal vor dem Tore. Entdeckte sie dem Herrn von Troppau Herrmanns erneuerte Liebe, so musste dieser aus ihrem haus, und Ulrike wurde entweder, ohne dass Vignali es hindern konnte, Troppaus Gemahlin oder, wenn sie das schlechterdings nicht werden wollte, zu ihrem Onkel gebracht: das war für die rachsüchtige Frau viel zuwenig: sie verlangte, ihre