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sie zu überraschen, und langten in dem Augenblicke bei der Tür an, als Ulrikens erschöpfte Kräfte der wilden Brutalität des Grafen beinahe unterlagen. Sie horchten und hörten ein heftiges Keuchen nebst einem rauschenden Getöse, als wenn sich zwei Leute balgten: Vignali triumphierte schon in der Seele. Plötzlich erhub sich ein heiseres angestrengtes Geschrei: Ulrikens ersterbende stimme rief: "hülfe! hülfe! Ach! Gott!" – Herrmann, ohne sich von Vignali zurückhalten zu lassen, so derb sie ihn auch fasste, riss die Tür auf und fand Ulriken im ohnmächtigen Kampfe wider den Grafen, der in der Begeisterung weder das gewaltsame Öffnen der Tür noch Herrmanns Hereintritt wahrnahm, sondern die arme Unschuldige mit dem plumpsten Ungestüm nach dem Sofa hintrieb. Herrmann ergriff ihn mit voller Wut bei dem Zopfe und zog ihn mit solcher Stärke, dass er vor Schmerz seine Beute fahrenliess und schreiend rückwärts auf den Fussboden hinstürzte: er war so erbittert, dass er den hingestreckten, vom Falle betäubten Sklavonier bei den Füssen an die Tür schleppte und nicht eher ruhte, als bis er ihn ausser dem Zimmer hatte: er kehrte sogleich zurück, schob inwendig den Riegel vorda stand er und wusste nicht, was er glauben, denken und sagen sollte! Ulrike stand mit ebenso freudiger Verlegenheit da, in zerstörten, zerrissnen Haaren, bleich, schwerkeuchend, mit entblösstem, blutendem Busen, zerfetzter Kleidung, über die Hüften herabgezogenen Röcken und blutrünstigen Armen: Vignali las mit tiefem Ärger die ausgerissenen Locken, Blonden und Fragmente der Garnierung vom Schlachtfelde auf.

"Ist es möglich?" rief Herrmann nach der ersten verwunderungsvollen Pause, "bist du es, Ulrike, die so für ihre Unschuld kämpfte? Du, die blutend eine Tugend verteidigte, die ich schon längst für erstorben hielt? Ich kann meine Wonne nicht fassen." – Und so stürzte er sich ihr um den arbeitenden Hals und drückte sie so fest in seine arme, dass sie kaum atmen konnte; Jammer, Freude und Dankbarkeit pressten ihr Tränen aus den Augen: sie schmiegte tiefschluchzend, weinend und zitternd den Kopf an seine linke Schulter und konnte kein Wort reden: indessen schielte Vignali mit scheelem Blicke nach der Umarmung hin und hätte beinahe vor Ärger über ihren misslungenen Plan mitgeweint. Sie konnte den Anblick der wiederversöhnten Zärtlichkeit, die sie durch das nämliche Mittel neu belebt hatte, wodurch sie ihr auf immer den Tod geben wollte, unmöglich länger ertragen, sondern trennte die Umarmung und erinnerte Ulriken an den beschämenden Zustand, in welchem eine solche Heldin der Tugend wie sie eine Mannsperson nicht umarmen dürfte. Dieser spöttische Verweis liess sie ihre Entblössung gewahr werden, die sie im ersten Taumel der Überraschung ganz übersehn hatte: sie eilte verschämt ins Schlafzimmer, um dem Übel abzuhelfen.

Herrmann war so berauscht, dass er ungestüm mit seiner Freude in Vignali hineinstürmte, ihr die hände drückte und küsste, sie zur Teilnehmung an seiner Wonne ermunterte, wozu sie nicht den mindesten Trieb empfand, und einmal über das andre schrie er: "Wie glücklich! nun kann ich Ulriken wieder lieben." – Vignali hätte zerspringen mögen: sie befahl ihm, sie hinunter zu begleiten: er wollte nicht, aber er musste. In ihrem Zimmer fanden sie den Grafen vor dem Spiegel, aus allen Kräften beschäftigt, seine zerzausten Haare wieder in Ordnung zu bringen.

Vignali. Sie haben ja schreckliche Exzesse in meinem haus begangen, Graf. Was bewegte Sie denn zu einem so barbarischen Verfahren?

Der Graf. Die Rache, wie Sie wissen.

Vignali. Wie ich weiss? – Ach vermutlich wegen des Billetts, das Ihnen das Mädchen neulich schrieb, als sie Ihnen eine Zusammenkunft anbot und Sie hernach statt Ihrer eine alte betrunkne Frau finden liess? –

"Das ist das unglückliche Billett, das uns entzweit hat?" unterbrach sie Herrmann. "O so reut mich's, dass ich den Bösewicht nicht ärger gemisshandelt habe."

"Wer ist der Bösewicht?" fragte der Graf mit einer Renomistenmiene. "Wenn ich es sein soll, so wollen wir auf eine andre Art miteinander sprechen."

Herrmann. Auf welche Sie wollen; und gleich auf der Stelle!

Der Graf. In einer Dame Zimmer war es ja unanständig, Händel anzufangen.

Vignali. Ich erlaub es: ich bin Herrmanns Sekundantin.

Der Graf. Nein, so eine Unanständigkeit werde ich nicht begehn.

Herrmann. Feiger! mit schwachen, kraftlosen Mädchen kannst du kämpfen, aber nicht mit Männern.

Der Graf. Beruhigen Sie sich! in einer Dame Zimmer sich zu zanken, wäre ungesittet. Ich räsoniere so

Vignali. Mein Herr Räsonierer. Sie werden die Güte haben, nicht weiter an die Sache zu gedenken, da Sie doch kein Herz haben, Sie auszufechten. Wir wollen vergeben und vergessen. Bis auf Wiedersehn. –

Er nahm sehr höflichen Abschied, besonders von Herrmann, dem er gnädigst die erste vakante Stelle in seinen Ländern zum Zeichen der Versöhnlichkeit versprach. – "Aus einem schlechten Komödianten10 wird auch ein schlechter Graf", sprach Vignali, als er weg war. "Der baumstarke Kerl ist nur gegen betrunkne Weiber und furchtsame Knaben tapfer: einem kind, das ihn stark anfährt, gibt er nach: gleichwohl tut er gleich, als wenn er seine Gegner mit Leib und Seele vernichten wollte; und wenn er nicht auszukommen getraut, dann macht er den Philosophen und fangt an zu räsonieren. Ich will ihn schon wegen seiner heutigen Aufführung züchtigen: